Rosenheim – Lügenpresse. Es ist dieser eine Begriff, der zum Ausdruck bringt, wie sich die öffentliche Meinung gegenüber der vierten Gewalt im Staat, dem Journalismus, in den vergangenen Jahren verändert hat. Wie es dazu kam und wie der Weg zurück gelingen kann, das erklärte der ehemalige Chefredakteur des Bayerischen Rundfunks, Professor Sigmund Gottlieb am Donnerstagabend im OVB-Medienforum.
Gottlieb muss es wissen. Der 66-Jährige war nicht nur 22 Jahre BR-Chef, sondern moderierte auch lange die „Münchner Runde“, war stellvertretender Redaktionsleiter des „Heute Journals“ im ZDF und verfasste Kommentare für die Tagesthemen. Nicht umsonst bezeichnete OVB-Verleger und Gastgeber Oliver Döser Gottlieb als „einen der kompetentesten und auch streitbarsten Journalisten des Landes“.
Der begann seinen Vortrag „Die Vertrauenskrise – Medien zwischen Kritik und Selbstkritik“ mit einer Absichtserklärung. Er wolle um Vertrauen werben, um Verständnis bitten und Fehler zugeben. Und zwar anhand von vier Beispielen: Flüchtlingskrise, Europa, Brexit und Trump.
Geschwelt habe die Medienverdrossenheit schon länger, erstmals laut geworden sei die Kritik im Herbst 2015. Der Auslöser: Die Ankunft der Flüchtlinge am Münchner Hauptbahnhof. „Vor allem das Fernsehen hat unkritisch berichtet und nur Willkommensbilder gezeigt“, sagte Gottlieb. Und sich nicht mit den damit verbundenen Problemen auseinandergesetzt. Genauso wie die Politik seien auch die Medien überrascht gewesen. „Und wer nichts weiß, ersetzt Fakten durch Emotionen.“ Zwar habe der BR die Willkommensbilder schnell erweitert. „Da war das unsägliche Wort Lügenpresse aber schon in der Welt“, sagte Gottlieb.
Die OVB-Redaktion, das hatte Döser zuvor in seinem Grußwort betont, habe Probleme übrigens – anders als viele andere Redaktionen – nicht unter den Teppich gekehrt. „Wir haben zum Beispiel nie die Herkunft von Tätern verschwiegen.“
Gottlieb berichtete indes von weiteren Fehlern in der Berichterstattung. Etwa in Sachen Europa. Die Medien hätten das Thema nicht vermitteln können und es deshalb negativ aufgeladen. Das habe zwar Quoten und Akzeptanz gebracht, sei aber lediglich eine Ersatzhandlung gewesen. Viele Journalisten hätten ihre „mangelnde intellektuelle Durchdringung“ der Vorgänge in Brüssel überspielt. Mit Skandalisierung, Banalisierung und Personalisierung.
Den Brexit habe nur eine kleine Zahl für möglich gehalten. Kein Wunder: „Eine Ferndiagnose via Laptop reicht als Recherchegrundlage nicht aus“, sagte Gottlieb. Man hätte sich vor Ort einspüren müssen, wie in früheren Zeiten. Nach der Abstimmung hätten dann Alarmismus und „immer Schlimmerismus“ dominiert. „Ein gutes Beispiel für beobachtbare, massive Überforderung.“
Und dann kam der US-Wahlkampf. „Das zweite Fiasko in der Bewertung eines politischen Großereignisses“, sagte Gottlieb. Laut „Bild“ war Trump „völlig chancenlos“, für die „FAZ“ „bedeutungslos“ und für die „Welt“ eine „politische Fußnote“. Systempublizismus, sagt Gottlieb, ein klassicher Reflex. „Ich frage mich, ob wir alles getan haben, um herauszufinden, wie die Amerikaner wirklich denken.“
Im Nachgang der Wahl hätten sich Meinung und Wahrheit auf inakzeptable Art und Weise vermischt. In einigen Redaktionen nehme der US-Präsident inzwischen ein eigenes Ressort ein – und verdränge damit andere wichtige Themen. „Ich halte Trump für ein großes Problem“, sagte Gottlieb. „Aber den Umgang mit ihm genauso.“
Als beängstigend empfindet er den stetig zunehmenden Aktualitätsdruck. „Live ist die Währung, in der bezahlt wird“, sagte Gottlieb. Dabei habe dieser „Sofortismus“ nichts Stabiles. Es müsse der Grundsatz gelten: Be first, but first be sure. Also sei der Erste, aber sei dir zuerst sicher.
Um das Vertrauen des Publikums zurückzugewinnen, müssten Medien wieder auf Qualität, also Professionalität setzen und sich aus dem „Würgegriff des Banalen befreien“. Journalisten müssten mehr erklären, Nachricht und Meinung strikt trennen und spüren, was die Leute bewegt. Gottlieb: „Der Journalist der Zukunft muss ein Alchemist sein, der den Informationsberg in ein Wissenspaket verwandelt.“