Bad Aibling – Über 40 Besuche bei kranken und einsamen Menschen prägen allein in der Karwoche den Terminkalender des mittlerweile 77-jährigen Diakons, der sein Amt seit mehr als 30 Jahren ausübt. Schmerzen, Ängste, zerbrechende Familienbeziehungen, der Tod eines geliebten Menschen: nur ein paar Beispiele für all das Bedrückende, das Schmitz nicht nur bei solchen Besuchen begegnet. Eine Klassifizierung von körperlichem und seelischem Leid nimmt der Mann nicht vor, der bei solchen Kontakten mit Menschen nicht immer tröstende Worte finden kann. Trotz akademischer Bildung und beachtlicher Eloquenz machen ihn Schicksale manchmal sprachlos. „Da kann man oft nur dasitzen, schweigen, mit einem Betroffenen zusammen weinen und ihm die Hand halten“, beschreibt der Kirchenmann Situationen, in denen ihm die Worte fehlen. „Aber auch so wird spürbar, dass ich mit jemandem leide, also Mitleid empfinde.“ Auf diese Weise könne Sprachlosigkeit ebenfalls zu Trost mutieren.
Wegbegleitung oft
über Jahre hinweg
Seine jahrzehntelange seelsorgerische Tätigkeit hat ihn im Umgang mit Leid eines gelehrt. Wie es ein Mensch empfindet, hängt immer von der Person des Einzelnen ab, vom Eingebettetsein in den Familienverband und sonstige soziale Strukturen, die die Funktion eines Haltepunktes für den Betroffenen übernehmen können. „Ich gehe mit jemandem einen Weg mit, so gut ich kann. Oft über mehrere Jahre hinweg“, sagt Schmitz. All diese Wege steuern irgendwann auf eine entscheidende Gabelung zu. Beispielsweise, wenn sich die Situation eines Betroffenen zum Positiven wendet, sodass der Diakon „loslassen“ kann. Auch der Tod gehört zwangsläufig zur Palette der Lösungsmöglichkeiten. „Er beendet etwas. Natürlich leiste ich auf Wunsch auch Trauerarbeit, die ja immer noch bleibt“, so Schmitz.
Der Diakon verweist auf sein „religiöses Grundwasser“, wenn man ihn fragt, wie er die beinahe tägliche Begegnung mit dem Leid anderer Menschen verarbeiten kann. Da gehört für ihn aber auch Spiritualität dazu. „Ich bin auf die Gemeinschaft mit anderen angewiesen, um das durchzustehen, nicht nur im Sonntagsgottesdienst.“
Vor allem aber vertraut er darauf, dass Gott Leid sieht und in dunklen Stunden für die Menschen da ist. „Für ihn ist ein leidender Mensch etwas ganz Wertvolles“, ist der gebürtige Münchner überzeugt. Schon allein deshalb, weil Gott Leid aus eigener Erfahrung kenne. Als sein geliebter Sohn am Karfreitag am Kreuz starb, sei das eine „ganz schlimme Stunde“ für Gott gewesen, steht für Schmitz fest.
Für Christen ergibt sich daraus aus seiner Sicht eine Pflicht: sich gegen Leid so gut wie möglich zu stellen. Wie Gott Leid und die unterschiedlichen Leid verursachenden „Schuldrucksäcke“ der Menschen bewertet, darüber könne man nur spekulieren, meint der Diakon. „Gott wird immer ein ganz großes Geheimnis bleiben. Als Geschöpfe können wir ihn nie umfassend begreifen“, sagt er und fügt hinzu: „Aber er ist gerecht und unwahrscheinlich barmherzig.“
Fanatismus, Hass, Krieg, Armut, Umweltzerstörung – darunter leidet nach der Überzeugung von Schmitz Gott heute; der Schöpfer, den er bewusst provokativ den „ersten Greenpeace-Aktivisten“ nennt. Es sei sein Wille, dass der Mensch die Harmonie erhält, die er in die Schöpfung gelegt habe. Er gebe ihm zwar die Freiheit, sich die Erde untertan zu machen, Missbrauch billige er aber nicht. Die gegenwärtigen „ökologischen und ökonomischen Raubbaumechanismen“ seien unverantwortlich gegenüber Mutter Erde und fügten Gott Leid zu. Gegensteuern könne man auch mit kleinen Schritten. In diesem Zusammenhang erinnert Schmitz gerne an drei Kinderpatenschaften in Südamerika, Afrika und Asien, die ihm seit mehr als zwei Jahrzehnten sehr am Herzen liegen. Hier erfahre er immer wieder Unterstützung aus den Reihen der Stadtkirche. Eine Freude für ihn.
Plädoyer für mehr
„frauliche Elemente“
Wenn Bernd Schmitz nachdenklich über aktuelle Erscheinungsformen der katholischen Kirche spricht, dann erhält Leid für ihn ein gänzlich anderes Gesicht. Es geht um Grundsätzliches, das ihn aber persönlich ebenso stark berührt wie die vielen Schicksale, denen er bei seinem ehrenamtlichen Dienst begegnet. Da zeichnet sich im Gespräch mit ihm das Bild eines überzeugten Christen ab, der nicht für Grabenkämpfe in der Kirche steht. Sein Gedankengut weist aber viel Nähe zu jenen Kräften innerhalb der Glaubensgemeinschaft auf, die die dringende Notwendigkeit einer Erneuerung für den Erhalt eine lebendigen Kirche sehen. „Ich weiß nicht, ob Jesus die Männerkirche wollte. Wir brauchen eine viel engere Verzahnung von hauptamtlichen Seelsorgern und Laien und müssen die Rolle der Frau stärken“, fordert da einer, der im gleichen Atemzug von „mündigen Laienchristen“ spricht, die mehr Verantwortung in der Kirche übernehmen sollten.
Beim Blick in die Zukunft spitzt Schmitz bewusst zu – nicht, weil er Streit sucht und spalten will, sondern weil er Konflikte um der Sache Willen nicht scheut. Er ist bereit, Angriffe auf seine Person auszuhalten, unter teils heftigen Reaktionen zu leiden, wenn er Visionen für die katholische Kirche entwickelt. „Es ist doch ein Unding, dass eine Frau im Sonntagsgottesdienst nicht predigen darf“, sagt der Diakon. Er plädiert leidenschaftlich für „mehr frauliche Elemente“ bei der Feier der Heiligen Messe. Für ihn wäre auch wichtig, mehr Leitungsaufgaben in den Pfarreien in die Hände von Frauen zu legen. Eine Frau als Diakonin, Priesterin, gar als Bischöfin? „Ich kann mir das langfristig vorstellen“, sagt er ohne zu zögern.
Dass sich die katholische Kirche mit derlei Gedankengut schwertut und er solch einschneidende Veränderungen wohl nicht mehr erleben wird, das ist ihm bewusst. Dennoch unermüdlich dafür einzutreten, das ist für ihn wichtig, weil die Realität für Schmitz manchmal schwer zu akzeptieren ist. „Auf Geheiß von Papst Franziskus prüft eine Kommission beim Vatikan seit zwei Jahren nach wissenschaftlichen Gesichtspunkten, ob bereits zur Zeit des Apostels Paulus Frauen als Gemeindeleiterinnen fungierten. Da hat sich bis heute nichts getan“, nennt er ein Beispiel, wie langsam die Mühlen im Vatikan mahlen, wie lau das Lüftchen der Veränderungsbereitschaft dort weht.
Kirche kann nach Überzeugung des Diakons nur dann wieder lebendiger werden, wenn sie einen neuen Zugang zu den Menschen findet. „Sie muss sich auf die Ebene der Betroffenen begeben, mit ihnen reden und Wertschätzung vermitteln. Hinhören, verstehen lernen, Brücken bauen“, skizziert Schmitz sein Grobkonzept für das Gelingen dieses Unterfangens. Dass die Kirche auf diesem Sektor einiges an Defiziten aufzuarbeiten hat, darunter leidet er. „Es schüttelt mich, was da manchmal abläuft. Wenn man Menschen nur ein schlechtes Gewissen einredet und sie wie kleine Kinder belehren will, kann man sie nicht gewinnen.“
Der Zwangszölibat ist für den Diakon ein ärgerliches Hindernis auf dem Weg zu neuer Lebendigkeit in der Kirche. Er spricht sich nicht generell gegen die Ehelosigkeit der Priester aus, die sollte aber stets freiwillig sein. „Ich kenne viele Männer und Frauen, die gut ehelos leben. Ich kenne aber genauso viele, die darunter leiden.“ Die logische Schlussfolgerung für Schmitz, die die Kirche mit Blick auf den akuten Priestermangel ziehen muss: „Männer, die heiraten und eine Familie haben wollen, darf man nicht vom Priesterberuf ausschließen.“
Gemeinsame
Kraftanstrengung
Die Spaltung der Christenheit bereitet Bernd Schmitz mit das größte Leid. Es sei bitter, dass es innerhalb des Christentums viele Konfessionen gebe, die sich zum Teil „spinnefeind“ seien. „‚Ich will, dass Ihr alle eins seid‘. Das hat Gott uns gesagt, und diesem Auftrag sind wir nur ungenügend nachgekommen.“ Um das zu ändern, sei eine gemeinsame Kraftanstrengung aller Menschen guten Willens nötig. Katholiken und Protestanten wiedervereint – für den 77-Jährigen ein Traum. Weil er sich aber nicht von Träumereien leiten lässt, schiebt er die nüchterne Analyse sogleich hinterher. „Ich weiß, dass wir trotz aller Fortschritte in der Ökumene davon noch weit entfernt sind.“
Eine für ihn bittere Erkenntnis, die Bernd Schmitz aber nicht verzweifeln lässt. Resignation ist für ihn keine Option. Die Glaubensbotschaft sei etwas „total Befreiendes“, die auch ihm immer wieder neuen Mut gibt. Deshalb will er mithelfen, dass die Kirche immer wieder neu Männer und Frauen entdeckt, die von dieser Botschaft „ganz ergriffen“ sind und sie anderen motivierend ans Herz legen.
Auch viele
Glücksmomente
Auch im 36. Jahr seines Diakonats ist diese Wahrnehmung von Glaube Trost und Antriebsfeder zugleich. Eine Antriebsfeder, die Schmitz täglich zu neuem Einsatz für die Kirche motiviert und ihn vieles aushalten lässt. „Ich verschenke Zeit. Man muss Freud und Leid teilen“, will er nicht verhehlen, dass sein Ehrenamt ihm auch viele beglückende Momente beschert. Einen solchen erlebt er beispielsweise seit einigen Jahren regelmäßig am Heiligen Abend, seit die Kolpingsfamilie Bad Aibling die Weihnachtsstube ins Leben gerufen hat. Vorwiegend Bedürftige und Einsame finden sich hier bei Einbruch der Dunkelheit ein und werden von ehrenamtlichen Helfern betreut, kostenlos bewirtet und erhalten ein Weihnachtsgeschenk. Für Schmitz eine gelebte Weihnachtsbotschaft.
Da lässt es sich der Diakon nicht nehmen, trotz des Gottesdienst-Stresses am 24. Dezember das familiäre Umfeld für einen Besuch der Veranstaltung zu verlassen. Er schüttelt den Besuchern die Hand und spricht mit ihnen. Zuhören, trösten, aufmuntern – fast wie ein normaler „Arbeitstag“. Wenn er dann in einer kurzen Ansprache ein paar Weihnachtsgedanken an alle richtet, die Menschen ganz ergriffen an seinen Lippen hängen und man im Saal des Pfarrheims für einen kurzen Moment eine besondere weihnachtliche Stille registriert, dann spürt er hautnah, dass Seelsorge trotz aller Konfrontation mit Leid viele Glücksmomente für ihn bereit hält. Und da ist sie dann wieder, die Triebfeder, die ihm besagt: Resignation ist keine Option.