Frasdorf/Rosenheim – Ihnen ging es Mitte März so wie rund 80 anderen Milchbauern aus dem Chiemgau und dem Landkreis Rosenheim: Martina und Josef Voggenauer aus Frasdorf verloren praktisch über Nacht den Abnehmer für ihre Milch, die Berliner Milcheinfuhr-Gesellschaft mbH, kurz BMG. Sie meldete Insolvenz an. Für die Frasdorfer Bauern, die erst vor Kurzem ihren Hof auf Bio umgestellt und dafür einiges investiert hatten, ein Schock.
Bei der Milcherzeugergemeinschaft Rosenheim-Bad Aibling eg (MeG) hatte man das Marktverhalten der BMG schon seit einiger Zeit aufmerksam im Blick, wie Katharina Zuckriegl von der Geschäftsführung des MeG-Landesverbandes schildert: „Wir haben uns darüber gewundert, dass die BMG im Januar nur noch 26 Cent für den Liter gezahlt hat. Wir sind aber beruhigt worden, es handele sich nur um eine vorübergehende Schwankung. Diese könne am Ende des Jahres wie üblich wieder ausgeglichen werden“, hieß es laut Zuckriegl. Am 9. März dann habe die BMG ihre Insolvenz bekannt gegeben, die Genossenschaft aber mit dem Hinweis vertröstet, man werde sich in einer Woche mit neuen Informationen melden. Dann hätten sich die Ereignisse überschlagen: Am 13. März sei ohne weitere Vorwarnung über Nacht die Milchabholung gestoppt worden.
Ansprechpartner ist untergetaucht
Auch der für die Region zuständige Ansprechpartner bei der BMG ist laut Zuckriegl plötzlich nicht mehr erreichbar. Mails und Anrufe bleiben jeweils unbeantwortet. Sie kümmerte sich sofort darum, dass die ehemaligen regionalen Abnehmer der betroffenen Milchbauern ihre alten Verträge mit diesen wieder in Kraft setzten. Für die Biobauern findet sie dagegen zunächst deutschlandweit keine Molkerei, die ihnen die Milch abnimmt. Dies teilte die MeG den Bauern in einem Brief vom 16. März mit, der den OVB-Heimatzeitungen vorliegt. Die Voggenauers aus Frasdorf sind unter diesen Biobauern, für die es zunächst keine Perspektive zu geben scheint. Sie versuchen, auf eigene Faust an eine hiesige Molkerei zu kommen, aber ohne Erfolg. Zu viel Milch ist derzeit auf dem Markt. Es vergehen Tage, an denen die Frasdorfer und weitere Bauern nicht wissen, ob sie demnächst ihre Milch wegschütten müssen. Sie hören dann auch von Bauern aus dem Chiemgau, die um ihre Existenz fürchten.
Im Hintergrund läuft derweil eine Rettungsaktion: Die Bergader Privatkäserei aus Waging erklärt sich – ebenso überrascht vom Vorgehen der BMG – bereit, 72 betroffene Milchbauern bei sich unter Vertrag zu nehmen. Auch die Voggenauers sind dabei. Auch insgesamt sechs Biomilchlieferanten werden aufgenommen. Auch die Frasdorfer Familie ist erleichtert, aber einen Wermutstropfen hat die Sache für sie. Sie bekommt nicht den Preis für Biomilch, der zuletzt bei 49 Cent lag, sondern den für konventionell erzeugte Milch. Im Februar lag dieser bei 33,3 Cent (Quelle: Bioland). Doch auch dieser Betrag sei nicht der Preis, den sie erhalten habe, sagt Martina Voggenauer. Das Entgelt pro Liter sei noch einmal deutlich geringer gewesen. Ohne das Zusatzeinkommen ihres Mannes würde die Familie nicht über die Runden kommen.
Niemand wird Milch wegschütten müssen
„Wir wollten in dieser Ausnahmesituation helfen“, sagt dazu Martina Kress von Bergader, fügt aber hinzu: „Der Zeitpunkt ist denkbar schlecht. Gerade jetzt im April gibt es ein Überangebot an Milch. Da wir selbst keine Bioschiene haben, können wir Biobauern nur diese Notlösung anbieten und die Milch wie konventionelle verarbeiten.“ Rohstoffmanager Jürgen Dorfer ergänzt, überschüssige Milch könne eine Molkerei nicht lagern. Sie sei gezwungen, sie am Spotmarkt für Milch – eine Börse –zu den dort gehandelten Preisen zu veräußern. Diese lägen deutlich unter dem Preis, den die wieder aufgenommenen Bauern bekämen. Für Bergader also ein Verlustgeschäft: „Bis zum Herbst müssen die Lieferanten diese Verluste zu einem Teil mittragen“, bedauert er. Bis dahin laufen erst einmal die jetzt im März geschlossenen Verträge. Schluss mit der Geschäftsbeziehung sei auch dann nicht: „Wir wollen mit allen neuen Lieferanten langfristig zusammenarbeiten. Es wird auch künftig keiner die Milch wegschütten müssen“, betont Kress.
Kreisobmann Josef Bodmaier vom Bayerischen Bauernverband sieht die aktuelle Entwicklung mit gewisser Sorge. „Hoffentlich wird die Notsituation der Bauern nicht über den Preis ausgenutzt“, sagt er. Fakt sei, dass der Milchpreis sowieso gerade erst gesunken ist. Was bestehende Forderungen von Bauern an die BMG betrifft, ist Bodmaier wenig optimistisch. Die hätten wohl keinen Sinn mehr. „Wir werden versuchen, über das Vermögen der BMG an Ersatzgelder zu kommen“, sagt Zuckriegl. Das könne allerdings dauern: „Erst einmal müssen wir die Eröffnung des Insolvenzverfahrens abwarten.“ Mitunter gingen Jahre ins Land.
Einig sind sich alle Beteiligten. Die Insolvenz der BMG sei ein Sonderfall, den es in dieser Form noch nie gegeben habe. Hinter vorgehaltener Hand wird gemunkelt, die BMG habe jahrelang zu hohe Preise gezahlt, die am Ende nicht zu halten gewesen seien.