Mühldorf – Mit einem Festakt und einer Begehung eröffneten gestern Vertreter der Politik, von Vereinen und der jüdischen Gemeinde die ersten beiden Gedenkorte des KZ-Außenlagers Mühldorf. Auch sechs Überlebende waren dabei.
Wer ermessen will, welche Bedeutung der Tag hatte, musste nur ins Gesicht von Andor Stern schauen. Immer wieder rieb sich der 90-Jährige bei seinem Gang durch das ehemalige Waldlager die Tränen aus den Augen, immer wieder fotografierte er mit einer kleinen Kamera die Mulden im Boden; dokumentierte die letzten Überreste der Erdhütten, in denen die Gefangenen hausten.
Stern ist einer von sechs Überlebenden, die gestern an der Eröffnung der Gedenkorte teilnahmen. Nicht nur für sie ging damit ein langer Weg vorläufig zu Ende, auf dem Ehrenamtliche und Politiker seit Jahren unterwegs sind. „Wir schulden diesen Ort den Toten und den Überlebenden“, so Karl Freller, Direktor der Stiftung bayerischer Gedenkstätten. Er erinnert an die Leiden von mehr als 8000 zumeist jüdischen Ungarn, die von Juli 1944 bis zum 28. April 1945 in der Rüstungsfabrik Weingut I arbeiten mussten: im Waldlager, in dem die Arbeiter in Erdhütten untergebracht waren; am ehemaligen Massengrab, aus dem die Alliierten 1945 und 1946 die Leichen exhumieren und auf umliegenden KZ-Friedhöfen bestatten ließen; und am Bunkerbogen, dem eindrucksvollsten Zeichen des Nazi-Rüstungswahns.
Die Gedenkstätte ist vor allem mit zwei Namen verbunden: Hans-Jochen Vogel und Max Mannheimer. Sie überzeugten auf Einladung des damaligen Staatskanzleichefs Dr. Marcel Huber im Juli 2015 Ministerpräsident Horst Seehofer von der Notwendigkeit des Erinnerns im Landkreis Mühldorf. Einen Tag später fiel der Beschluss zur Finanzierung.
Für den Ex-Häftling Mannheimer, den unermüdlichen Mahner für Erinnerung und Versöhnung, kam die Eröffnung zu spät. Er starb vor knapp zwei Jahren. Trotzdem war er gestern präsent. Charlotte Knobloch, Präsidentin der oberbayerischen Kultusgemeinde, erinnerte an ihn: „Max Mannheimer hat den Kampf gegen das Vergessen angenommen und ihn auch gewonnen.“ Der 92-jährige Vogel ließ sich sichtlich gerührt im Rollstuhl durch die Gedenkorte schieben.
Neben Innen-Staatssekretär Stephan Mayer („Die Gedenkstätte ist ein Stachel im Fleisch unseres Bewusstseins“) stellte auch Kultusminister Bernd Sibler die Eröffnung in Zusammenhang mit den Ereignissen der letzten Wochen: „Wir setzen heute auch ein Zeichen mit Blick auf den Antisemitismus, der in Deutschland gerade wieder aufflackert.“ hon/ha