Brannenburg – Als Georg Klarer aus Bayrischzell, der „Sixtenbauer“, im Jahr 1718 zwei Jungrösser im Nebel verlor, fasste er in seiner Verzweiflung einen Entschluss: Sollten seine Tiere wohlbehalten wieder auftauchen, würde er dem Heiligen Wendelin, dem Schutzpatron der Viehhirten, zu Ehren eine Kapelle auf dem Gipfel des Wendelsteins errichten. Dass er seine Jungrösser tatsächlich zurückbekam, davon zeugt noch heute die Wendelinkapelle auf 1838 Metern Höhe. Am Sonntag, 27. Mai, feiert das älteste Gebäude am Wendelstein sein 300-jähriges Bestehen.
Erbaut hatte Klarer die Wendelinkapelle seinerzeit aus Holz und zwei Bretterwänden, deren Zwischenräume mit Rosensteinen angefüllt waren. Zusammengehalten wurden die Wände mit eisernen Reifen. Zudem prangte auf dem Dach ein Blitzableiter. So zumindest beschreibt es die Bayrischzeller Chronik.
Der Aufstieg erfolgte über den sogenannten Stangensteig. Dieser galt als sehr steil, beschwerlich und für nicht schwindelfreie Personen als gefährlich. Dennoch wagte sich der Überlieferung zufolge Pfarrer Schauer von Elbach (Gemeinde Fischbachau) gemeinsam mit 300 Leitzachtalern bei herrlichem Wetter zu einem Bittgang auf den Wendelsteingipfel, wo er eine Messe las. Vermutlich der erste Gottesdienst, der jemals auf dem Berg zelebriert wurde.
Seit seiner Errichtung hat das kleine Gotteshaus mehrere Besitzerwechsel erlebt. Und nicht nur das: Um ihren Bestand zu sichern, wurde die Kapelle in den 300 Jahren ihres Bestehens mehrfach generalsaniert. Vor allem die zum Teil extreme Witterung auf knapp 2000 Metern Höhe setzte dem Gebäude immer wieder zu. Um die Zeit des Ersten Weltkriegs etwa wurde die Kapelle zur Gänze mit Blech ummantelt. Zahlreiche Eigentümer und Gönner kümmerten sich um den Erhalt des Gotteshauses. Seit 1941 sahen auch die Mitarbeiter des benachbarten Observatoriums immer wieder nach dem Rechten.
Seit 1989 kümmert sich die Gebirgsschützenkompanie Bayrischzell um das Gotteshaus. In Zusammenarbeit mit dem Landesamt für Denkmalschutz hat sie den äußeren Urzustand der Kapelle wiederhergestellt. So, wie sie Klarer 1718 dem Heiligen Wendelin zum Dank erbaut hatte.