Rosenheim – An drei Welt- und vier Europameisterschaften hat Bastian Schweinsteiger, geboren in Kolbermoor, aufgewachsen in Oberaudorf, von 2004 bis 2016 teilgenommen. So fieberten im Zwei-Jahres-Rhythmus stets Zehntausende im Raum Rosenheim mit und drückten ihrem Bastian die Daumen.
Zweimal hatte der Kreis Rosenheim sogar zwei Eisen im Feuer: Bei der EM 2008 erzielte Lars Bender, geboren in Rosenheim, aufgewachsen in Brannenburg, gegen Dänemark sogar ein Tor. 2016 gehörte neben Schweinsteiger auch Julian Weigl, geboren in Rosenheim, aufgewachsen in Ostermünchen, im deutschen EM-Kader.
Zwei Weltmeister in Kolbermoor geboren
Nicht vergessen darf man auch Olympia 2016. In Brasilien krönten Lars und Sven Bender ihre Karriere mit Olympia-Silber. Fast hätten die beiden Ex-Löwen sogar Gold nach Brannenburg mitgebracht. Aber Neymar behielt im dramatischen Elfmeterschießen die Nerven und entschied das Finale.
Neymar ist ab heute wieder dabei, wenn in Russland die Kugel rollt. Stadt und Landkreis Rosenheim kicken ohne Schweinsteiger, die Bender-Zwillinge und Weigl diesmal nicht mit, was vor allem für die Kolbermoorer ungewohnt ist. Schließlich wurden dort gleich zwei deutsche Fußballweltmeister geboren: Schweinsteiger (1984) und Paul Breitner (1951).
Breitner ist übrigens der einzige deutsche Fußballer, der gleich in zwei WM-Endspielen ein Tor erzielt hat (1974 und 1982). Thomas Müller, aufgewachsen im Kreis Weilheim und damit einziger geborener Bayer in Jogi Löws Kader, könnte dieses Kunststück in Russland wiederholen.
Milchkuh Yvonne
lag stets daneben
Wer Breitner im Sinn hat, muss nach einer weltmeisterlichen Überleitung zum Tintenfischorakel nicht lange suchen: Paul, der Krake aus dem Oberhausener Zoo, machte 2008 und 2010 die ganze Fußballwelt verrückt, im Juni 2012 schlug dann die Stunde von „Yvonne“. Auch die Milchkuh aus dem Landkreis Mühldorf, die im Sommer 2011 davongelaufen war und sich mehrere Monate im Wald versteckt gehalten hatte, musste als „Tier-Orakel“ herhalten. Das Rindvieh hatte vor den deutschen Spielen die Wahl zwischen zwei Futtertrögen – einer verziert mit schwarz-rot-goldener Flagge, der andere mit der Fahne des Gegners – und lag ständig daneben. Ausnahmslos entschied sich das Tier für den falschen Eimer.
So ein Tamtam wird um die WM in Russland nicht gemacht. Tierische Orakel sind „out“, der Public-Viewing-Boom scheint vorbei zu sein, der Sammeleifer der Buben und Mädchen hält sich in Grenzen. An den Bushaltestellen habe er früher noch deutlich mehr Schüler beim Tauschen der Fußballerbildchen fürs Panini-Album gesehen, sagt ein Busfahrer. Am Rosenheimer Max-Josefs-Platz wird diesmal keine Großleinwand aufgestellt, die Zahl der öffentlichen Übertragungen hält sich in Grenzen. Gemeinsam feiern und mitfiebern können Fans in der Inntalhalle – allerdings nur, wenn Deutschland spielt. Ob es zu Autokorsos und Hupkonzerten kommt, wird man sehen.
Nur wenige Fans
in Russland dabei
„Das WM-Fieber steigt schon noch, nach dem Mexiko-Spiel geht es nach oben“, mutmaßt eine Männerrunde bei Espresso und Cappuccino in der Rosenheimer Weinstraße. Apropos Espresso: Auch Gianluigi Buffon, seit 2000 Italiens Stammtorhüter, wird diesmal fehlen – für die vielen Italiener in der Region eine Ungeheuerlichkeit.
Sandro Sacco, Betreiber des gleichnamigen Reisebüros in Rosenheim, schmerzt die verpasste Qualifikation der „Squadra Azzurra“ noch heute. „Eine WM ohne Italien ist wie eine Suppe ohne Salz“, sagt er. Ein WM-Boykott kommt für ihn trotzdem nicht infrage: „Mein Herz ist zwar italienisch, aber mein Kopf ist deutsch.“ Entsprechend drückt Sacco Jogis Burschen die Daumen. Unter anderem, denn: „Meine Frau ist Brasilianerin.“
Bei den Saccos herrscht also WM-Stimmung. Auch bei den Kunden? Nicht wirklich. Maximal eine oder zwei Anfragen für Fußball-Reisen nach Russland seien bisher eingegangen – kein Vergleich zur WM vor vier Jahren in Brasilien: „Da waren es zwischen 50 und 100“, erinnert sich Sacco. Woran das liegt? „Brasilien ist ein Urlaubsland und visafrei“, sagt der Italiener. Auch die politische Situation in Russland könne eine Rolle spielen, vermutet er.
Schon lange im WM-Fieber ist dagegen Manuel Bonke aus Ostermünchen. Der Jungredakteur, der seine Ausbildung bei den OVB-Heimatzeitungen machte, begleitet die deutsche Elf durch das Turnier und berichtet für die Münchner tz täglich aus Russland. „Die größte Herausforderung meiner journalistischen Laufbahn. Da baue ich natürlich auf die überragende OVB-Schule“, schrieb er gestern augenzwinkernd aus Moskau.
Von WM-Fieber könne keine Rede sein, sagt Angelika Vandree, Betreiberin des Ladens „Box der Kleinpreiskönig“ in Rosenheim. „Das war 2014 schon mehr. Da haben noch alle auf Deutschland gesetzt.“ Ihrer Erfahrung nach nimmt die Stimmung im Verlauf der WM Fahrt auf – vor allem, wenn das Wetter mitspielt. In Sachen Absatz von Fan-Artikeln wie Fahnen, Schals und Kopfschmuck macht sich die gebremste Euphorie allerdings nicht bemerkbar: „Wir verkaufen sogar mehr als vor vier Jahren. Das liegt aber eher am Preis.“
Ob die vielen Griechen, Türken und Österreicher, die in der Region leben und arbeiten, diesmal so richtig in Fahrt kommen? Das ist zu bezweifeln. Ihre Teams sind in Russland – wie Italien – nicht dabei.