San José/Griesstätt – Mit 76 Jahren sitzt Schwester Pia regelmäßig mit ihren „headphones“ an ihrem PC im Kloster der „Dominikanerinnen von der Rosenkranzkönigin“ in San José und lernt Englisch. Niemals hätte Irmgard Jobst – so ihr bürgerlicher Name – aus Kammer bei Traunstein sich das träumen lassen. Nicht in den 50er-Jahren, als sie bei Exerzitien erstmals ein Faltblatt des Ordens in die Hand bekam. Nicht in den 50 Jahren, in denen sie im Kloster Altenhohenau (Gemeinde Griesstätt) in der Küche arbeitete, um ihre Mitschwestern und die Internatskinder satt zu bekommen. Nicht beim 50. Jahrestag ihrer Profess im Jahr 2012.
Doch 2013 saß sie erstmals in ihrem Leben im Flugzeug, flog nach San Francisco und wurde dann mit einem Pkw in knapp einer Stunde in ihr neues Zuhause am Südende der Bay von San Francisco gebracht. Dort ist das Mutterhaus ihres Ordens, in Fremont, in den Hügeln hinter den Gebäuden der historischen „Mission San José“.
Manikürter Rasen, sauber gefegter Asphalt, Parkplätze mit Sonnendach, Palmen, Rosen, Kamelien, Bougainvilleas, dazwischen die ockerfarbenen Gebäude des Klosters, da geht sie täglich spazieren, beobachtet die Schar wilder Truthähne im Obstgarten.
Vier Schwestern lebten 2013 noch im Kloster Altenhohenau, als der Orden aus San José entschied, es zu schließen. Ihnen wurde freigestellt, ob sie in Deutschland in einem anderen Dominikanerinnenkloster bleiben oder ins Mutterhaus zurückkehren wollten. Rückkehr aber war das nur für die Priorin, Schwester Margarita, die früher schon dort war. Für Schwester Imelda und Schwester Pia war das ein Abenteuer, angetreten mit 77 bzw. 71 Jahren.
Nur Schwester Ludovica blieb
in Bayern
Nur Schwester Ludovica, damals schon über 90, blieb in Deutschland, ging in ein Altenheim für Ordensangehörige in München, bis sie mit 96 Jahren starb. Sie wurde als letzte Schwester im Friedhof neben der Wallfahrtskirche St. Peter und Paul in Altenhohenau begraben. Ihre Mitschwester Imelda dagegen wurde 2015 im wesentlich größeren Schwesternfriedhof in Fremont beerdigt.
Schwester Margarita, die noch St. Peter und Paul an die Kirchenstiftung Griesstätt und das Kloster nach dem Verkauf an die neuen Eigentümer übergeben musste, kam 2015 mit einem „R1“- Visum in die USA, einem speziellen Visum für Kirchenleute. Erst jetzt, nach drei Jahren, hat sie die ständige Aufenthaltserlaubnis in den USA erhalten.
Sie arbeitet als 76-Jährige noch regelmäßig in ihrem Beruf als Kunstlehrerin und hilft sonst die pflegebedürftigen Mitschwestern zu betreuen. Sie wechselt im Gespräch zwischen Deutsch und Englisch, für viele Redewendungen ist sie inzwischen sicherer in Englisch.
Stolz zeigt sie ihre neue Heimat: Im Kloster wohnen die Schwestern in Kleingruppen oder Kommunitäten von acht bis neun Schwestern, jede Gruppe hat eine eigene Frühstücksküche, ein Wohnzimmer mit großem Flachbildfernseher, eine eigene Kapelle mit Tabernakel und Stuhlkreis und einen PC-Arbeitsraum. Jede Schwester hat ein behindertengerechtes Zimmer mit eigenem großen Bad für sich.
Das Refektorium sieht aus wie die Cafeteria einer Firma im 30 Kilometer Luftlinie entfernten Silicon Valley, mit Selbstbedienungstheke und einer Speisekarte, auf der drei verschiedene Tagesgerichte stehen. Der Kapitelsaal, in dem die 70 Schwestern des Mutterhauses sich zu Beratungen und Wahlen versammeln, ist gleichzeitig Multifunktionsraum für Kino, Konzerte und andere Veranstaltungen. Und in der Kirche, in der das tägliche Abendgebet und die heilige Messe stattfinden, warten nicht wie in Altenhohenau hartes Chorgestühl auf die Schwestern, sondern weich gepolsterte Einzelsessel.
Den charakteristischen weißen Habit der Dominikanerinnen sieht man selten auf dem Klostergelände. Im Prinzip sind es nur die beiden Deutschen, die Mexikanerinnen und einige ältere US-Amerikanerinnen unter den Schwestern, die ihn tragen, die meisten anderen gehen in Zivil. Sie arbeiten in Pfarrgemeinden in der Seelsorge, in Universitäten und Schulen oder engagieren sich in Nichtregierungsorganisationen, übernehmen die Seelsorge in Gefängnissen. 170 Schwestern hat der Orden, davon 45 in Mexiko.
Seine Verbindung zu Deutschland ist kompliziert. 1853, als sehr viele deutsche Einwanderer nach Nordamerika kamen, bat der Erzbischof von New York die „Dominikanerinnen vom Heiligen Kreuz“ in Regensburg um Hilfe. Sie sollten den Kindern der Einwanderer deutschsprachigen Unterricht geben. So entstand ein neues Kloster in Brooklyn.
Einen alten Baum verpflanzt man nicht. „Aber man weiß, bei Gott ist alles möglich.“
Als die Einwanderungswelle auch Kalifornien erreicht hatte, bat wiederum der Erzbischof von San Francisco in Brooklyn um Hilfe. 1876 gründeten drei deutsche Schwestern von dort einen neuen Konvent, der nach dem großen Erdbeben in San Francisco nach San José umzog. Als 1923 nach dem Ersten Weltkrieg und der Inflation die große Not in Deutschland herrschte, baute der kalifornische Orden in Altenhohenau ein neues Kloster, übernahm die Ignaz-Günther-Kirche, und wollte den Nachwuchsmangel durch Rekrutierung junger Frauen in Deutschland lindern.
Als Schwester Pia sich 1960 für den Orden entschied, wollte sie auch aus der Enge des elterlichen Landwirtschaftsbetriebs hinaus in die Mission. Doch der Orden brauchte sie in Altenhohenau. Erst im Alter von 71 Jahren kam sie nach Kalifornien, nicht um zu missionieren, sondern um dort ihren Lebensabend zu verbringen. Sie lebt nun in einem Umfeld, das sie sich in Deutschland nicht zu erträumen wagte, muss aber die Herausforderung meistern, in ihrem Alter eine Fremdsprache zu lernen. Sie meint: „Es heißt, einen alten Baum verpflanzt man nicht. Aber man weiß auch, bei Gott ist alles möglich. Und man darf zufrieden sein mit dem, was er tut.“
Einmal im Jahr auf Heimatbesuch
Einmal im Jahr kommen die beiden Schwestern zum vierwöchigen Heimaturlaub nach Deutschland, meist auch an den früheren Ort ihres Wirkens. Und vor kurzem hatte Schwester Pia Besuch von zwei Frauen aus Rosenheim, die früher mal bei ihr in der Küche gelernt hatten. Sie waren schon sehr erstaunt, dass in der Klosterküche in San José nicht die Schwestern arbeiten, sondern drei Männer. In ihrem alten Kloster wäre das undenkbar gewesen.