Rosenheim – Punkt 18 Uhr kam er angerauscht, ohne große Begrüßungszeremonie ging es schnellen Schrittes in den Saal zwei, wo 300 Besucher auf einen Mann warteten, der als Politiker gut in ein Kino passt: Schließlich liebt Söder bekanntlich starke Auftritte und die Kamera, was er regelmäßig in den sozialen Netzwerken beweist. In Rosenheim präsentierte er sich am Donnerstagabend jedoch weniger als Alpha-Tier mit hohem Machtanspruch, sondern als besonnener Kämpfer für ein starkes Bayern, der gerne den Auftrag zum Weiterregieren nach der Landtagswahl erhalten würde.
Natürlich weiß er, wie er sein Publikum gewinnt: Rosenheim sei „eine der schönsten Städte, die Bayern hat“. Dafür gab es kräftig Applaus vom Publikum, das sich zum Großteil aus erklärten Söder-Fans zusammensetzte. Innerhalb von eineinhalb Tagen sei die Online-Anmeldeliste gefüllt gewesen, berichtete CSU-Kreisgeschäftsführer und Landtagskandidat Daniel Artmann. 80 Bürger standen nach seinen Angaben noch auf der Warteliste. Kaum einer rutschte nach, denn alle, die einen Kinositzplatz ergattert hatten, nutzten die Chance, den Spitzenkandidaten der CSU kennenzulernen. Als Stichwortgeber für die Plauderei mit dem Ministerpräsidenten diente Fernsehmoderator Ralf Exel.
„Unser Wertesystem
nicht opfern“
Söder – dunkelblaues Jackett, helle Sommerhose, weißes Hemd ohne Krawatte – wirkte tiefenentspannt. „Nachdem CDU/CSU diese Woche geschafft haben, ist mein Optimismus grenzenlos“, erklärte er grinsend zur Frage, ob die europäischen Nachbarstaaten mitziehen werden beim Versuch, die illegale Migration nach Deutschland zu stoppen. Bravo-Rufe erntete Söder bei der Darstellung der Vorreiterrolle Bayerns. Als einziges Bundesland habe der Freistaat eine eigene Grenzpolizei eingeführt und einen eigenen Asylplan aufgestellt – mit Gründung eines Landesamtes für Asyl, beschleunigten Verfahren, eigenen Abschiebungen und der Umstellung von Geld- auf Sachleisten.
Die Bürger benötigen nach seiner Meinung ein klares Signal, dass der Staat den Schutz der einheimischen Bevölkerung ernst nimmt. Denn „wuchtig und mächtig“ erlebe mancher den Staat, der sofort mit Bußgeldern oder Restriktionen reagiere, wenn jemand seine Steuern nicht rechtzeitig bezahlt habe, zu schnell mit dem Auto unterwegs sei oder die hohen bürokratischen Auflagen für ein Vereinsfest nicht einhalte. Durchsetzungsstark müsse sich der Rechtsstaat auch dann zeigen, wenn es darum gehe, Einreisesperren durchzusetzen oder Migranten, die zur Ausreise verpflichtet seien, abzuschieben. Und wer als Zugewanderter mit den Werten der deutschen Gesellschaft nicht einverstanden sei, „der muss gehen“. „Wir werden unser Wertesystem nicht aus falsch verstandener Toleranz opfern“, versprach Söder.
„Der Stil muss
besser werden“
Dafür gab es großen Applaus. Dass vielen die Kommunikationsart der vergangenen Tage in der Union missfällt, war jedoch ebenfalls deutlich zu spüren. „Der Stil muss besser werden“, räumte auch Söder ein. Zu seinem Vorgänger Seehofer, der als Bundesinnenminister in dieser „spannenden und turbulenten Woche“ im Fokus des Interesses gestanden hatte, gab es nur wenige Aussagen Söders. Gerne schon eher hätte er das Amt des Ministerpräsidenten übernommen, berichtete er nur augenzwinkernd. Und stellte einen anderen Mann als großes Vorbild in den Mittelpunkt des Gespräches: Edmund Stoiber. Viel habe er von seinem Förderer gelernt – unter anderem auch dessen Bereitschaft, sich um die Sorgen der Menschen zu kümmern.
Punkten mit starken Argumenten statt mit Beleidigungen: Auch mit dieser Kommunikationsart habe Stoiber als Vorbild gedient. Söder gab jedoch auch zu, vor allem als Generalsekretär „zwei- bis dreimal einen Bock geschossen zu haben“. Doch als Clubfan nimmt er es sportlich. Der Fußball ist sein Lieblingssymbol, wenn es gilt, komplexe politische Ausgangslagen auf den Punkt zu bringen. Auf seinen Erfolgen könne sich der Freistaat Bayern nicht ausruhen – so wie es die deutsche Nationalmannschaft anscheinend getan habe. „Ich möchte nicht vorher heimgehen.“
Sondern lieber oft vorbeischauen, so wie er es derzeit tut in der Region, in der es geradezu zu „södern“ scheint. Das liege an Kindheitserinnerungen, lieferte der Ministerpräsident eine Erklärung. In Aschau verbrachte er als Bub alljährlich die Sommerferien. Persönliche Informationen gab es auch zum Tagesablauf, der um 5.30 Uhr beginnt und erst um Mitternacht endet. Und zur Frage, wie der 51-Jährige dieses Pensum durchhält: Kaum Alkohol, keine Zigaretten, Frühsport und Spaziergänge mit den zwei Familienhunden. Weitere Leidenschaft: der Fasching. Seine Ankündigung, in der nächsten Saison nicht mehr im aufwendigen Kostüm zu erscheinen, will er nach eigenen Angaben aufgrund großer Proteste der Narren noch einmal überdenken.
„Witzig und wortgewandt, ein perfekter Schauspieler, bei dem jede Pointe sitzt“, bewertete Jakob Schlaipfer aus Frasdorf den 90-minütigen Auftritt. „Gut gefallen“ hat Söder Marc Rager aus Bad Aibling, 24-jähriger JU-ler, der Söder noch nie live erlebt hatte. „Er kommt überzeugend und glaubhaft rüber. Wir sind überzeugt, dass er seine Ideen auch umsetzen wird“, zog das Rentnerpaar Günther und Edith Schütz aus Schechen Bilanz. Söder habe ihnen aus dem Herzen gesprochen.