Raubling – Was für den Stier das rote Tuch ist, ist für den Raublinger und die rund 450 Mitglieder seiner Facebook-Community die Zahl 26. Diese Menge an Stau-Tagen führt der Bundesrechnungshof als Argument gegen die Sinnhaftigkeit eines sechsspurigen Ausbaus der Autobahn München-Salzburg bis zur österreichischen Grenze an (wir berichteten). Das externe Finanzkontroll-Gremium sieht diesen Bedarf lediglich auf dem Abschnitt vom Inntal-Dreieck bis zum Chiemsee. „Nicht nachvollziehbar“, sagen Linnerer und seine Unterstützer. Schließlich kommt ihr Stau-Tagebuch zu einem ganz anderen Ergebnis: hochgerechnet 139 Stau-Tage pro Jahr zwischen Bernau und Piding.
Wie berichtet, haben Linnerer und die Mitglieder seiner Facebook-Gruppe „Stau- Tagebuch A8 – Rosenheim/ Salzburg“ seit Mitte März dieses Jahres an 100 aufeinanderfolgenden Tagen den jeweiligen Spitzenwert der Fahrtdauer auf der Referenzstrecke Bernau-Piding ausgewertet. Regulärer Zeitbedarf: 27 Minuten. Leichter Stau ab 39 Minuten, Stau ab 43 Minuten.
Als Grundlage diente die Verkehrs-Echtzeitmessung von „Google-Maps“, die mittels Schwarmintelligenz Bewegungsdaten von GPS-Geräten auswertet. Zum Vergleich: Das Bayerische Verkehrsministerium erhebt seine Daten mittels Fahrzeug-Zählungen an zwei Messstellen zwischen Inntal-Dreieck und Staatsgrenze. Die Kritik: „Reines Zählen von Autos ermöglicht keine qualitative Aussage zum Durchfluss auf einer Strecke und somit zu Stau-Tagen“, schreibt Linnerer in seinem Abschlussbericht. Grundlage dieser Erkenntnis ist eine Art Experiment vom 17. April: Während „Google-Maps“ einen erheblichen Stau und einen Zeitbedarf von 75 Minuten meldete, war auf www.bayerninfo.de, dem Online-Service des Bayerischen Verkehrsministeriums, von normalem Verkehrsaufkommen und 33 Minuten Zeitbedarf zu lesen. Die Mitglieder der Community, die selbst auf der Strecke unterwegs waren, bestätigten die Daten von „Google-Maps“.
Entsprechend stehen die Ergebnisse der 100-Tage-Erhebung in deutlichem Gegensatz zur Argumentationsgrundlage des Bundesrechnungshofs. Der spricht von fünf Prozent Stau-Tagen, Linnerer und Co. kommen auf 38 Prozent. „Der Bundesrechnungshof verfälscht erheblich die Kosten-Nutzen-Rechnung“, so der Wortlaut in Linnerers Abschlussbericht. Interessant ist auch, dass von den Stau-Tagen allen voran Berufspendler und Berufskraftfahrer betroffen waren – gut 89 Prozent der Stau-Tage fielen auf Wochentage.
Am 31. Juli wird Linnerer seinen Abschlussbericht an die Bundestagsabgeordnete Daniela Ludwig übergeben – verbunden mit der Bitte, das Papier an den Bundesrechnungshof weiterzureichen. An den haben Linnerer und seine Mitstreiter nämlich Forderungen: Zum einen soll die Behörde die tatsächlich gemessenen Daten, also 139 Stau-Tage, als Basis für die Bewertung der Kosten-Nutzen-Rechnung zum sechsspurigen Ausbau verwenden und in Zukunft ihre „veraltete Erfassungsmethodik“ ad acta legen. Zudem fordern sie eine Bewertung des Streckenabschnitts der Autobahn München-Salzburg vom Inntal-Dreieck bis zur österreichischen Staatsgrenze als Ganzes. Anhand der erhobenen Daten soll der Bundesrechnungshof ihrer Meinung nach darüber hinaus eine Empfehlung für einen beschleunigten sechsspurigen Ausbau vom Inntal-Dreieck bis zur Staatsgrenze abgeben und den Ausbau des Standstreifens vom Chiemsee bis zur Staatsgrenze nur als Übergangslösung betrachten.