Rosenheim – Hirschkäfer (Lucanus cervus) gehören zu den größten Käfern Europas. Männchen erreichen eine Größe von bis zu acht Zentimetern, Weibchen höchstens bis zu vier. Die Grundfärbung ist schwarzbraun, die Deckflügel und seine überdimensional großen Oberkiefer sind kastanienrot eingefärbt. Bei besonders großen Individuen kann das „Geweih“ bis zur Hälfte der Gesamtlänge erreichen. Weibchen haben einen schmäleren Kopf und normal entwickelte Oberkiefer. Auf der Oberseite der Vorderbeine tragen sie jeweils einen gelben runden Fleck.
Der Hirschkäfer – 2012 zum Insekt des Jahres gewählt – hat sein Hauptverbreitungsgebiet im Nordosten von Bayern, im Spessart und in der Rhön. Dort findet man noch alte Eichenwälder, die er als bevorzugtes Biotop nutzt. Nicht immer muss es das Totholz von alten Eichen sein. Über 20 Holzarten sind bislang als Brutbäume bekannt, darunter auch Nadelbäume sowie Birke, Weide, Kirsche oder Obstbäume. In Nußdorf, nahe der Tiroler Grenze, gibt es ein größeres Hirschkäfer-Vorkommen. Hier sind es mehrere alte Eichen- und Eschenstöcke mit circa 50 Zentimetern Durchmesser, die seit Jahren den Nachwuchs ermöglichen. Jährlich schlüpfen in unmittelbarer Nähe dieser Baumstümpfe bis zu zehn Hirschkäfer. Nur circa acht Wochen dauert das kurze Leben eines solchen Käfers. Diese Zeit wird vor allem genutzt, um für Nachwuchs zu sorgen und gelegentlich an Baumsäften zu schlürfen, die seine einzige Nahrung sind.
Die Weibchen müssen den Männchen dabei helfen, an die Baumsäfte zu gelangen. Sie vergrößern Baumverletzungen oder knabbern mit ihren starken Oberkiefern – auch Mandibeln genannt – an den Rinden von geeigneten Bäumen, um sie so zu verletzen, dass der Saft fließt. Die Männchen können ihr „Geweih“ weder zum Beißen, noch zum Kauen verwenden.
Ist so eine ergiebige Nahrungsquelle erschlossen, verteidigt der Hirschkäfer diese gegen andere Insekten oder Rivalen, denn an diesen Plätzen gibt es für die Männchen nicht nur Nahrung, sondern oft auch ein Stelldichein mit den Weibchen. Buhlen zwei Männchen um ein Weibchen, gibt es unvermeidlich einen Kampf.
Endlich hat das „Geweih“ einen wirklichen Sinn. Die Männchen hebeln damit den Rivalen aus, und der Absturz in die Tiefe ist unvermeidlich. Der Sieger sucht danach das Weibchen an der Leckstelle auf, stellt sich über dieses und hindert sie mit seinem Geweih am Weglaufen. Männchen und Weibchen bleiben in dieser Stellung und nehmen immer wieder Nahrungssäfte auf, bis das Weibchen zur Paarung bereit ist. Nach der Paarung legt das Weibchen circa 20 Eier. Es gräbt sich dafür zwischen 30 und 70 Zentimetern tief in die Erde ein, um an den Wurzeln von toten oder kranken Bäumen ihre Eier zu platzieren. Nach etwa 14 Tagen schlüpfen die Larven.
Im Gegensatz zu Maikäferlarven, die nur an gesunden Wurzeln fressen, entwickeln sich die Larven der Hirschkäfer nur in abgestorbenen Wurzeln, Stämmen oder Stümpfen. Sie brauchen also unbedingt durch Pilzbefall zermürbtes Totholz. Nach der letzten Häutung kann die Larve eine Größe von elf Zentimetern erreichen, größer als der fertige Käfer letztlich ist. Nach fünf bis acht Jahren als Larve bauen sich die Larven im Endstadium eine Puppenwiege. Dazu verlassen sie das Holz und graben sich in 20 bis 30 Zentimetern Tiefe in der Erde ein. Aus Erde und Mulm fertigen sie einen faustgroßen Kokon mit zwei Zentimetern Wandstärke. Innen ist dieser mit Nahrungsbrei und Sekreten geglättet, die eine sterile Wirkung gegen schädliche Pilze und Bakterien entwickeln. Der Kokon des männlichen Käfers ist logischerweise wesentlich größer und länger. Bei den männlichen Puppen ist das Geweih noch nach vorne auf den Bauch geklappt. Sechs Wochen nach der Verpuppung schlüpfen im Herbst die fertigen Käfer, bleiben aber bis Ende Mai noch im Boden, ehe sie sich dann allabendlich in der Dämmerung mit lautem Schnarrflug auf Brautschau begeben.