Rosenheim – In vielen anderen Ländern ist tiergestützte Pädagogik längst keine Ausnahme mehr, denn wissenschaftliche Untersuchungen belegen: Die Vierbeiner können für eine gute Lernatmosphäre sorgen. Schulkinder fühlen sich wohler, und in den Klassenzimmern mit Hund ist es sogar oftmals wesentlich ruhiger und sauberer. Auch in Deutschland setzt man seit einigen Jahren mehr und mehr auf die positive Wirkung von Schulhunden. Aktuell sind die „Hilfslehrer“ auf vier Pfoten bereits an über 1000 Schulen regelmäßig tätig.
In Rosenheim ist die Johann-Rieder-Realschule in Sachen „tiergestützte Pädagogik“ Vorreiter: 2017 nahm Lehrerin Stefanie Herrmannsdörfer erstmals „Shabba“ in die Schule mit, zunächst nur als „Lesehund“ in der Lese-AG. Bestärkt durch die positiven Rückmeldungen von Schülern, Eltern und Lehrern unterstützte der Labrador sein Frauchen in diesem Schuljahr auch immer wieder mal im Englischunterricht. Jetzt hat das Schulforum entschieden: Im nächsten Schuljahr bekommt „Shabba“ eine „Festanstellung“.
Möglich ist der offizielle Einsatz des Vierbeiners in den Klassenzimmern aber nur, weil er für diese Aufgabe vom frühen Welpen-Alter an speziell ausgebildet worden ist. „Nur weil ein Lehrer seinen Hund zur Schule mitbringt, wird aus dem Tier nicht automatisch ein Schulhund“, erklärt Stefanie Herrmannsdörfer. Die 31-jährige Rosenheimerin hat vor zwei Jahren gezielt nach einem Welpen gesucht, der beste Voraussetzungen für eine Ausbildung zum Schulhund mitbringt. „Ich unterrichtete damals in München in einer sehr schwierigen Klasse. Ich suchte nach Hilfen. Meine Eltern haben mich dann auf die tiergestützte Pädagogik aufmerksam gemacht“, erzählt sie.
Nicht jede Hunderasse eignet sich für den Dienst als „Hilfslehrer“ gleichermaßen gut. Voraussetzung ist ein ausgeglichenes, gutmütiges, gehorsames, kontaktfreudiges und anpassungsfähiges Gemüt. Die Lehrerin entschied sich für die Rasse „Labrador“ und wählte aus einem Wurf dann auch noch den ruhigsten Welpen aus.
Viel tun muss ein Schulhund nicht. Um positive Effekte zu erzielen, reicht seine bloße Anwesenheit. Eine intensive Ausbildung und fortlaufendes regelmäßiges Training sind dennoch unerlässlich. „Shabba“ hat erst kürzlich seine Begleithundeprüfung mit Bravour abgelegt. „Dabei ist er mit gerade einmal eineinhalb Jahren noch sehr jung“, erzählt seine Besitzerin stolz.
„Shabba“ musste bei der Prüfung beweisen, dass er seinem Frauchen immer gehorcht, längere Zeit alleine bleiben kann und auch mal bei einer etwas gröberen Berührung nicht gleich aggressiv reagiert. „Das ist natürlich wichtig. In einem Klassenzimmer kann es immer mal passieren, dass beispielsweise ein Kind dem Hund aus Versehen auf den Schwanz steigt.“
Darüber hinaus wird ein Schulhund regelmäßig tierärztlich untersucht. Für Stefanie Herrmannsdörfer bedeutet das zeitlich und finanziell einen großen Aufwand. Aber das, so sagt die große Hundeliebhaberin, nimmt sie gern in Kauf, „wenn ich sehe, wie gut die tierische Gesellschaft Schülern und auch Lehrern tut“.
In der 7. Klasse, in der Herrmannsdörfer Englisch unterrichtet, hat sich mit „Shabba“ tatsächlich der Notenschnitt verbessert. „Ob das nun der Verdienst des Hundes ist, lässt sich natürlich nicht beweisen“, weiß die Lehrerin. Aber eine andere Verbesserung könne man dafür klar dem Vierbeiner zurechnen: „Wenn der Hund im Klassenzimmer ist, wird es sofort viel ruhiger.“
Für die Schüler steht durch die Bank fest: „Shabba soll bleiben.“ „Mit ihm ist der Unterricht viel lustiger“, sagt der 13-jährige Manuel. Sein Klassenkamerad Marinus hat mit „Shabba“ an der Seite viel weniger Angst beim Ausfragen der Englischvokabeln. „Wenn man vor der Klasse steht, fühlt man sich mit ihm zusammen nicht allein. Das beruhigt“, schwärmt er und Florian sieht in dem Vierbeiner „einen guten Klassenkameraden, der immer freundlich und gut drauf ist“.
Tatsächlich hat es bisher bei den Einsätzen von „Shabba“ noch keine einzige „brenzlige“ Situation gegeben. Ganz im Gegenteil, freut sich Herrmannsdörfer: „Selbst Kinder, die bisher Angst vor Hunden hatten, trauen sich jetzt schon, ermutigt durch sein freundliches Wesen, ihn zu streicheln.“ Wichtig ist der Rosenheimerin, dass sich auch der Hund bei seiner Aufgabe stets wohl fühlt. Deshalb ist er nie sehr lange im Einsatz und darf sich jederzeit zurückziehen.
Der Einsatz von „Shabba“ ist im kommenden Schuljahr in einigen Klassen schon wieder fest eingeplant. Geld verdient „Shabba“ trotz „Festanstellung“ übrigens nicht. Doch klug wie er ist, hat er zum Ende dieses Schuljahres doch noch eine Möglichkeit gefunden, an „Geld“ zu kommen, wie ein paar Schüler begeistert erzählen: „Er klaut jetzt immer gerne unsere Mehrweg-Getränkeflaschen aus unseren Schulranzen.“