Samerberg – Am Anfang gab’s noch Unkenrufe. Gegen zehn stehen am Samstagvormittag erst eine Handvoll Enten auf der Wiese hinterm Entenwirt in Törwang: „Heute werden nicht so viele kommen, das Wetter ist zu unsicher“, heißt es. Entenwirt Peter Schrödl, Veranstalter des alljährlichen Ententreffens, ist dagegen die Ruhe selbst: „Des is immer so. Gegen zehn meinst, es kommt keiner, dann druckens zwischen elf und zwölf plötzlich rein. Die kommen schon noch.“ Und in der Tat: Kurz vor der gemeinsamen Ausfahrt um 14 Uhr, die rund um den Samerberg führt, zählt man dann über 100 Enten – so viele wie noch nie seit dem ersten Treffen 1998.
Relativ früh da ist Sabine Wipfinger aus Berchtesgaden. Auf die Frage, ob’s beim Fahren einen Unterschied zwischen einer Ente und einem normalen Auto gibt, macht sie große Augen: „Unterschied? Das kann man doch überhaupt nicht vergleichen!“ Und fügt dazu: „Wenn ich nach der Arbeit zu meiner Ente gehe, das Dach aufroll‘ und nach Hause schaukele, dann ist das nicht Fahren, das ist Urlaub.“ Ihre Ente nutzt sie auch im Berchtesgadener Winter – „dann mit Schneeketten“.
Langsam trudeln weitere „Döschewos“ ein. Obschon alle Fahrzeuge mindestens 28 Jahre alt sind, weil 1990 die Produktion der Ente eingestellt wurde, ist das Treffen keine der üblichen Oldtimerveranstaltungen: Kein Showfahrzeug ist zu finden, kaum eines auf Hochglanz poliert. Die meisten wirken, als sei man auf dem Weg zum Bäcker oder zur Arbeit mal eben zum Ententreffen abgebogen.
Laissez-faire
statt Hochglanz
Für Christl Rauch aus Wildsteig bei Schongau, die seit 45 Jahren Enten fährt und ihr jetziges Exemplar täglich zum Einkaufen und für andere Kurzstrecken nutzt, liegt genau darin der Reiz des Törwanger Ententreffens: „Hier geht’s um nix, außer um die Gaudi.“ Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie hat Pferde, mit denen sie auf Turniere geht. Da sei, wie sie sagt, die Stimmung eine ganz andere, da sei Konkurrenz da.
Von Konkurrenz ist beim Ententreffen absolut nichts zu spüren. Entspannt und locker geht es zu beim gemeinsamen Essen, Ratschen und Flanieren zwischen den Autos: französisches Laissez-faire vor der Samerberger Alpenkulisse.
Es wird nichts verglichen, nichts bewertet. Nur die Ente mit der weitesten Anreise und die älteste erhalten einen Pokal. Mit der ältesten Ente kommt Herbert Meyer aus Raubling. Die Geschichte, wie er zu seiner Ente kam, ist exemplarisch. Für die meisten gibt’s irgendein Jugenderlebnis, das haften geblieben ist. Bei Herbert Meyer war es schlicht die Tatsache, dass das erste Auto aus Geldgründen eine Ente war. 1967 hat er sie erworben, 12 PS hatte sie und war Baujahr 1955.
Bei anderen setzen die Jugenderlebnisse noch früher an – etwa bei Andreas Hlawa, dessen Eltern immer nur zweitürige Autos hatten, die Eltern seines Freundes aber ein viertüriges, eben eine Ente. Eine eigene Tür zum Einsteigen zu haben, war für den Sechsjährigen eine Art Erweckungserlebnis – und so saß der Virus auch bei ihm: Seit ein paar Jahren hat er seine eigene Ente, auch wenn er heute nicht mehr hinten, sondern vorn links einsteigt.
Zurück zu Herbert Meyer: Vor ein paar Jahren hatte er die Chance, seine Jugendente quasi wiederzubekommen, mit Baujahr 1970 ebenfalls ein „Oldie“ und ähnlich ausgestattet wie die erste. „In Mönchengladbach hab‘ ich sie abgeholt“, erzählt er. „Als ich eingestiegen bin, war das wie ein Zeitreisen-Flash. Auf einen Schlag war ich wieder der junge Mann von damals, ich wusste noch genau, wo Schalter und Hebel sind, was man tun muss, um diese alten Enten zu starten.“
Ab in den Süden auf 1200 Kilometern
Wie viele Entenpiloten nutzt er seinen 16-PS-Oldie fast täglich, macht abends kleine Ausfahrten. Mit gesenkter Stimme verrät Meyer ein Geheimnis: „Manchmal, wenn verkehrsmäßig nicht viel los ist, fahr ich mit ihr sogar auf die Autobahn.“ Und noch leiser: „Was soll ich Ihnen sagen? Hundert!“
Aber natürlich ist für fast alle, auch für Raimo Jensen aus Dänemark, der den Pokal für die weiteste Anfahrt bekommt, die Langsamkeit der eigentliche Reiz an der Ente. Beruflich arbeitet Jensen auf einer Bohrplattform in der Nordsee. Im Urlaub setzt er sich dann ans Steuer seiner Ente und begibt sich auf große Fahrt.
Auf so einer Tour hat er in der Bretagne zufällig vom Treffen in Törwang erfahren. An lange Strecken gewöhnt, haben ihn auch die 1200 Kilometer von Dänemark zum Samerberg nicht geschreckt: „Ich fahre nur mit 60, maximal 80. Bei diesem Tempo bin ich auch nach Stunden am Steuer nicht verspannt oder ermüdet. Im Gegenteil: Das ist die reinste Erholung.“
Dass Enten auf große Fahrt gehen, ist keine Seltenheit. Manche fahren zu den großen internationalen Ententreffen, andere einfach so in den Urlaub. Das Ehepaar Johannes und Monika Lübeck hat mit seiner zum kleinen Wohnmobil umgebauten Kastenente schon 226000 Kilometer in ganz Europa zurückgelegt. Rainer und Ulrike Pongratz aus Landsberg fahren mit Ente und angehängtem, leichten und zusammenklappbaren Wohnwagen oft nach Frankreich.
Dort wird die Ente, in Frankreich im Vergleich zu Deutschland lange vernachlässigt, langsam wieder Kult, berichtet Rainer Pongratz. Man sehe immer mehr junge Leute, die mit Kind und Kegel und Ente unterwegs sind.
Es kann gut sein, dass sich bald auch in Deutschland junge neue Entenfahrer finden. Nicht, weil sie sich ohne Weiteres eine leisten könnten (gut erhaltene Enten sind mit Preisen zwischen 12000 und 16000 Euro kein Schnäppchen mehr), sondern sich die „Döschewos“ von Eltern und Onkeln ausleihen dürfen oder sogar erben. Dank der genial einfachen Konstruktion halten Enten mit gutem Rostschutz und ein bisschen Pflege ewig.
Rainer Pongratz fasst mit einer Aufschrift auf seiner Ente den Reiz des Entenfahrens und den Geist des Törwanger Treffens zusammen. „Ceci n’est pas une voiture – c’est un art de vivre“ steht da. Frei übersetzt: Eine Ente ist kein Auto. Eine Ente ist ein Lebensstil.