Ehepaar Steegmüller SEit 55 Jahren gemeinsam auf dem Herbstfest

Hand in Hand aus dem Zelt

von Redaktion

Bier spielt im Leben von Franz Steegmüller eine wichtige Rolle. Beim Herbstfest rückt heuer jedoch eine Schnapszahl für den Seniorchef der Rosenheimer Flötzinger Brauerei in den Fokus. Seit 55 Jahren sind der Bräu und seine Frau Martha als Ehepaar auf der Wiesn – ohne einen einzigen Fehltag.

Rosenheim – Die Parallele zu Sepp Herberger ist unverkennbar. „Nach dem Spiel ist vor dem Spiel“, hatte die Trainerlegende, unter deren Führung die deutsche Fußballnationalmannschaft 1954 ihren ersten Weltmeistertitel in der Nachkriegsgeschichte errang, einst gesagt. „Nach der Wiesn ist vor der Wiesn“, ist das Credo von Franz Steegmüller. Er verdeutlicht damit auch, dass sich sein ganzes Berufsleben immer irgendwie auch um das Herbstfest drehte, wenngleich sich der Betrieb im Flötzinger-Zelt auf der Loretowiese alljährlich auf gut zwei Wochen im Spätsommer beschränkt.

Wohl der Gäste

hat Priorität

Mit einer selbstkritischen Nachlese auf das gerade zu Ende gegangene Volksfest beginnt bei Franz Steegmüller und seiner Familie die Vorbereitung auf die nächste Wiesn, kaum dass das letzte Prosit im Zelt verklungen ist. „Wir schauen immer, wo wir etwas verändern können oder verbessern müssen. Das Wohl der Gäste hat für uns dabei oberste Priorität.“ Das galt für Steegmüller und seine Frau nicht nur bei ihrer ersten gemeinsamen Wiesn als Ehepaar im Jahr 1963, dieser Devise sind sie bis heute treu geblieben. Wenige Wochen vor dem Herbstfest hatten die beiden damals geheiratet, für eine Woche Italien-Urlaub blieb noch Zeit, und dann stand schon die heiße Phase der Vorbereitung an. Für den heutigen Seniorchef der Brauerei nichts Ungewöhnliches, schließlich ist er nach eigenem Bekunden „schon als Bua mit dem Herbstfest aufgewachsen“. Martha Steegmüller hatte keine Probleme, sich in ihrer neuen Rolle als Ehefrau des Brauereibesitzers zurechtzufinden. „Sie stammt aus einer Bäckerei und war den Umgang mit Kunden gewohnt“, so der bald 82-jährige Seniorchef.

Vieles hat sich in all den Jahren im Brauereizelt geändert – angefangen von der technischen Ausstattung über das Ende der früher üblichen Rundtische bis hin zur Ausweitung des Speisenangebots. Manches ist über Jahrzehnte hinweg gleich geblieben, beispielsweise die seit mittlerweile 68 Jahren im Festzelt spielende Dreder Musi oder der Stammplatz des Ehepaares Steegmüller in der familieneigenen Bierburg. Dort sitzen die Steegmüllers auch heuer Abend für Abend und erfüllen damit eine wichtige Funktion mit Leben, die gerade für einen Familienbetrieb, als den sich die Brauerei seit jeher versteht, von größter Bedeutung ist: die Kundenpflege im persönlichen Gespräch. „Da treffen wir ganze viele auf der Wiesn, auch wenn oft nur Zeit für ein kurzes Gespräch bleibt“, sagt der Seniorchef. Eines lassen sich er und seine Frau nicht nehmen: Jeder Besucher in der Brauerei-Box wird mit Handschlag von ihnen begrüßt.

Kurz bevor am Eröffnungstag offiziell „ozapft“ wird, steigt für Franz Steegmüller auch heute noch die Spannung bis zum Wiesneinzug jeden Tag ein bisschen mehr. „Mein Schwiegervater organisiert den Auf- und Abbau des Zeltes noch immer ganz alleine und ist während der Arbeiten jeden Tag vor Ort“, sagt Prokurist Andreas Steegmüller-Pyhrr voller Respekt vor dessen Lebensleistung. Der erste Moment, ein wenig durchschnaufen zu können, sei für die Familie dann gekommen, wenn am Eröffnungstag der Zeltbetrieb richtig in Schwung gekommen ist. „Jetzt lafft’s. Wenn wir diesen Eindruck haben, dann fällt eine Last von uns. Das ist wirklich immer ein ergreifender Moment“, sagt Steegmüller-Pyhrr.

„Das ist eine

große Gnade“

Apropos Last: So empfanden der Seniorchef und seine Frau ihre Wiesn-Verpflichtungen nie. Das Gegenteil war stets der Fall. „Man muss das mit Freude machen“, weiß Franz Steegmüller und ist nicht nur dafür zutiefst dankbar, dass ihm die Freude daran in all den Jahren erhalten geblieben ist. Und natürlich auch dafür, dass der Herrgott ihm und seiner Frau die Gesundheit geschenkt hat, über mehr als ein halbes Jahrhundert hinweg gemeinsam ohne Unterbrechung Herbstfest-Stimmung im Bierzelt der Brauerei aufsaugen zu dürfen. „Das ist eine große Gnade“, ist sich der Bräu mit seiner Gattin einig.

Tochter Marisa Steegmüller freut sich immer, „wenn sich die Gäste mit einem Lächeln im Gesicht verabschieden und frohgelaunt heimgehen“. Da spricht sie auch für die Seniorchefin. „Mami und ich sind uns so ähnlich. Ihr geht es genauso“, sagt die Geschäftsführende Gesellschafterin der Brauerei. Da passt ein Vergleich gut ins Bild, den die Tochter zieht. „Am letzten Sonntag Abschied von der Wiesn zu nehmen, das ist für uns fast so schön wie die Silvesterfeier.“

Daran hat sich für ihre Eltern seit 55 Jahren nichts geändert. Und auch an einem Ritual nicht, das Franz und Martha Steegmüller seit Anbeginn ihres gemeinsamen Engagements auf dem Herbstfest pflegen. Sie verlassen Abend für Abend Händchen haltend das Flötzinger-Zelt. Und da erfüllt dann ein Strahlen ihre Gesichter, das mit der Leuchtkraft problemlos mithalten kann, die die vielen tausend Glühbirnen entfalten, die während der Wiesn allabendlich einen besonderen Lichterglanz ins Flötzinger-Zelt zaubern. Ein Ritual mit Symbolcharakter. Es belegt die Lebendigkeit einer innigen Verbundenheit, die der Affinität der Eheleute zum Herbstfest auch nach 55 Jahren Ehe in nichts nachsteht.

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