Der Zeitplan

von Redaktion

Der „Notruf“ kam nicht über die 112 – er hatte trotzdem Brisanz: Denn die Feuerwehr in Nea Makri (Griechenland) ist seit der Brandkatastrophe im Juli „hilf- und machtlos“. Station, Materialien und Fahrzeuge sind teils ruiniert. In Stephanskirchen schreiten nun Kollegen zur Tat.

Die Flammenwand: etwa drei Kilometer breit und 30 Meter hoch. An der psychischen Belastung aufgrund des Einsatzes leiden die Feuerwehrleute heute noch.

Das ist der Zeitplan für die Übergabe des Feuerwehr-fahrzeugs: Am Donnerstag, 25. Oktober, reisen Westermeier und ein griechischer Kollege an, am Freitag, 26. Oktober, um 14 Uhr ist Übergabe am Rathaus in Stephanskirchen. Die Gemeinde als Besitzerin des Fahrzeugs spendet es. In der Nacht auf Sonntag geht´s nach Venedig, wo die Fähre nach Patras wartet. Kosten der Überfahrt: rund 1200 Euro für Lkw plus zwei Mann. Auch hier wird gespendet: von der griechischenFährgesellschaft Anek.

Hilfe aus Schloßberg für griechische Helfer

Stephanskirchen – In all dem Schlamassel, das das Feuer hinterlassen hat, sind die 35 Männer und Frauen der freiwilligen Feuerwehr in Nea Makri begeistert. Denn: Sie bekommen von der Feuerwehr Schloßberg aus der Gemeinde Stephanskirchen ein gebrauchtes Löschfahrzeug: „Das ist ein verfrühtes Weihnachtsgeschenk“, sagt Manfred Paul „Pavlos“ Westermeier. Er ist verantwortlicher Einsatzleiter und war bei der Katastrophe 30 Stunden pausenlos auf den Beinen. Die Flammenfront, erinnert er sich, sei unvorstellbar gewesen: etwa drei Kilometer breit und 30 Meter hoch.

Kräfte übernachten teils in der Wache

Auch am eigenen Stationsgebäude, mitten im Brandgebiet, fraßen sich Flammen an der Fassade hoch. Zu diesem Zeitpunkt hielten sich der Kommandant und ein Kamerad in der Wache auf. Aufgrund der rasenden Geschwindigkeit und Ausdehnung des Feuers hatten andere Kollegen keine Möglichkeit mehr, die Wache zu erreichen. Zudem verloren einige von ihnen selbst ihr Hab und Gut. Nun übernachten sie in der Wache, sie haben keine andere Möglichkeit. Und sind zugleich „Wachposten“ gegen Diebe.

Eine spätere Bestandsaufnahme zeigte das ganze Ausmaß: Die Büro- sowie Sanitär-Container wurden teils zerstört, die Wasserversorgung fürs WC setzten die Feuerwehrleute inzwischen selbst instand, Strom gibt es weiterhin nicht, da das Geld fehlt, um die zerstörten Kabel im Außenbereich sowie die Zuleitung zur Verteilung reparieren zu lassen. Stundenweise wird deshalb ein Generator genutzt, um die dringendsten Arbeiten zu erledigen. Das Benzin wird aus eigener Tasche bezahlt.

Die drei Fahrzeuge sind nur noch bedingt einsatzbereit. Bei einem musste zum Beispiel die Pumpe völlig zerlegt und repariert werden, auch hier privat finanziert. Der Motor des anderen Fahrzeugs streikt seit dem Feuer ständig. Während des Einsatzes mussten Schläuche und Armaturen im Feuer zurückgelassen werden, um die eigene Haut und das Fahrzeug zu retten. Alle drei Fahrzeuge sind über 40 Jahre alt.

Nun also kommt Hilfe aus dem Raum Rosenheim. Warum ausgerechnet von hier? Manfred Westermeier ist gebürtiger Rosenheimer und wanderte vor sechs Jahren nach Griechenland aus. Der 57-Jährige war über sechs Jahre beim THW und einige Jahre auch als First Responder bei der Feuerwehr in Söllhuben aktiv – seit 2015 bei der Feuerwehr in Nea Makri. Er hatte nach dem Feuer über Kreisbrandrat Richard Schrank einen Hilferuf an die Feuerwehren im Landkreis Rosenheim gestartet. Der Kreisbrandrat wusste zu helfen. Die Schloßberger trennen sich zwangsläufig von ihrem Löschfahrzeug, auch wenn es weniger als 30000 Kilometer unter der Haube hat. Aber: Es ist laut Schrank weit über 30 Jahre alt und für hiesige technische Anforderungen nicht mehr geeignet.

Beschriftung soll erhalten bleiben

In Griechenland ist die Freiwillige Feuerwehr Neos Voutsas (offizieller Name) für das Fahrzeug dennoch dankbar. Dort gelten zwar die gleichen EU-Vorschriften. Aber: Mangels Masse, glaubt Schrank, müsse notgedrungen in Griechenland alles aufgemöbelt werden nach dem Motto „entweder zu Fuß oder fahren“. Da helfe man gerne. Tatsächlich erreichen den Kreisbrandrat etwa ein- bis zweimal im Jahr größere Hilferufe von ausländischen freiwilligen Feuerwehren. Die Anfragen beträfen unterschiedliches Material. Handlampen, Funkgeräte und Ähnliches. Diesmal also ein Fahrzeug.

Die griechischen Kollegen wollen es zu einem Hilfslösch- und Rüstfahrzeug umbauen. Heißt: Das Spendenfahrzeug vom Schloßberg, derzeit ohne Ausrüstung, erhält je nach Spendenaufkommen eine Außenbeleuchtung, einen 800 Liter Wassertank für den Eigenschutz, technisches Material, Scheinwerfer und möglichst einen Hydrauliksatz wie Spreizer und Rettungsschere. Ein Traum wäre Westermeier zufolge „eine Motorkettensäge“, auch diese notwendig für Einsätze bei Unfällen. Aber: Eine einzige kostet rund 700 Euro.

Die Vorfreude auf das „neue“ alte Fahrzeug ist riesengroß. „Wir wollen die deutsche Beschriftung beibehalten“, sagt Westermeier. „Als kleine Wertschätzung und damit hier in Nea Makri jeder sieht, dass uns Kollegen im Raum Rosenheim geholfen haben.“

Die freiwilligen Feuerwehren in Griechenland erhalten ihm zufolge von staatlicher Seite keine Unterstützung, außer Treibstoff zur Feuer-Saison von Juli bis No0vember. Deshalb sei man auf Spenden, externe Zuwendungen und Eigenmittel – „sofern das die wirtschaftliche Lage des Einzelnen zulässt“ – angewiesen. Die Selbstfinanzierung eines Ersatzfahrzeugs sei daher schlichtweg unmöglich.

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