„Wir machen Geschichte länger“

von Redaktion

Nein, Christo war nicht hier. Aber „Verpackungskünstler“ einer Spezialfirma. Sie verhüllten das Bauernhausmuseum Amerang. Grund: Holzwürmer eleminieren. Nicht nur aus dem Vierseithof, sondern auch aus Museumsstücken. Motto: „Wir machen Geschichte länger.“

Amerang – Es ist gewaltig: 5000 Quadratmeter Material verbrauchten die Mitarbeiter einer Dresdner Spezialfirma zum Verhüllen von Wohnhaus, Hütte, Stadl und Kuhstall. Die luftdichte Folie verhindert, dass sich bei der Begasung Sauerstoff einschleicht. Dieser würde die Bestandteile des fluoridhaltigen Gases zersetzen, sodass es wirkungslos bleibt. So aber reichert es sich in den Zellen der Holzwurm-Larven an und vernichtet sie. Die Dresdner Firma Groli Schädlingsbekämpfung GmbH ist eine von nur drei Unternehmen in der Republik, die auf diesen Materialschutz spezialisiert ist.

Nicht nur deshalb war der Vorlauf für die Maßnahme lang – bereits vergangenes Jahr war beim regelmäßigen Monitoring durch das Museum der Holzwurm entdeckt worden. Auch die Fledermäuse, die sich um die Gebäude tummeln, spielten eine Rolle, um die Maßnahme aufzuschieben. Denn erst jetzt beziehen sie ihr Winterquartier und bleiben somit ungefährdet, wie Dr. Claudia Richartz, Leiterin des Bauernhausmuseums Amerang, ausführt. Dritter Grund: die Gelder, die für ein laufendes Haushaltsjahr bereits im Vorjahr beantragt werden müssen. Die Kosten für die Ausrottung der Holzwürmer sind mit etwa 30000 Euro veranschlagt.

Dennoch könnte der Zeitpunkt nicht besser sein. Aus den Eiern sind die Larven geschlüpft, und sie sind die Wurzel allen Übels, nicht die „erwachsenen“ Holzwürmer. Die Larven entwickeln unbändigen Appetit und fressen sich durch Holzwände, Dächer, Fensterrahmen, Exponate wie Ackergeräte und andere historische Gegenstände. In ihrem zwei- bis maximal achtjährigen Larvenleben verspeisen sie Holz in einer Menge, die „in eine Espresso-Tasse passt“, weiß Diplom-Ingenieur Marco Müller von der Dresdner Spezialfirma.

In Amerang handelte es sich ihm zufolge um einen Komplettbefall, der eine vielfältige Vorbereitung einforderte. Von zwei Hebebühnen aus – Innenhof und Außenbereich – umwickelten die vier weiteren Mitarbeiter den Vierseithof. Drucktests mit Ventilatoren zeigten, ob die Folien auch luft- und gasdicht sind. Mithilfe von Schläuchen wurde schließlich an verschiedenen Stellen das Sulforyldifluorid, ein farb- und geruchloses Gas von geringer Wasserlöslichkeit und in diesem Fall mit hoher toxischer Wirkung, eingeleitet. Wie hoch die Konzentration tatsächlich ist, bleibt Firmengeheimnis. Erfahrung, Jahreszeit,Sonnenstand,Entwicklung des Insektes seien alles Kriterien, sagt Müller.

Die Firma reiste am Dienstag an, die Begasung begann Freitag und endete gestern Abend. Auch aus dem Museumsdepot waren befallene Exponate in die Gebäude gebracht worden, ebenso aus dem Freilichtmuseum Glentleiten, deren stellvertretende Museumsleiterin Richartz ebenfalls ist. Heute beginnt das „Enthüllen“, bevor die Firma weiterzieht. Unter anderem zu einem Neubau im Süden von Oberbayern, wo mit dem Parkett der Holzwurm einzog.

Fakten und Zahlen im „Zwiebel-Look“

Einige beeindruckende Zahlen und Angaben bei der Bekämpfung des Holzwurms im Bauernhausmuseum Amerang: Jede Rolle mit der jeweils zehn mal 35 Meter breiten Folie war 50 Kilogramm schwer und hatte eine Größe von circa 1,80 Meter. Die verwendete Menge, 5000 Quadratmeter, könnte zwei Drittel eines Fußballplatzes bedecken. Verklebt wurde die Folie quasi im Zwiebel-Look mit fünf Klilometer Klebeband. Zuvor wurden die Äste von Bäumen, die an den Gebäuden befestigt waren, gelöst und mit Stricken von der Fassade weggezogen.

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