Der Terrier unter den Greifvögeln

von Redaktion

Der Sperber (Accipiter nisus) ist die verkleinerte Form des Habichts. Ein Habicht für Arme also? Weit gefehlt. Klein, aber oho – so lässt sich der Greifvogel wohl am besten beschreiben: ein kühnes, angriffslustiges Kraftpaket.

Rosenheim – Sperber gehören zu den kleinsten hier brütenden einheimischen Taggreifvögeln. Das Weibchen wird bis zu 40 Zentimeter groß und hat eine Flügelspannweite von 80 Zentimetern. Das Männchen ist wesentlich kleiner: Es erreicht eine Körperlänge von maximal 30 Zentimetern und 60 Zentimeter Flügelspannweite. Erwachsene Weibchen wiegen im Durchschnitt 240 Gramm, die Männchen nur 140 Gramm.

Das Weibchen ist auf der oberen Seite graubraun mit einem weißen Augenstreif, die Brust ist weiß mit grauer Querbänderung, also „gesperbert“. Das Männchen, auch „Sprinz“ genannt, wirkt wesentlich bunter. Es hat eine schiefergraue Oberseite mit hellerem Nacken sowie rostfarbenen Wangen und ist unterseits auf weißlichem Grund rostbraun gesperbert. Die Augen sind hellgelb, und je älter er wird – Sperber können immerhin 15 Jahre alt werden –, desto dunkelgelber bis rötlicher werden sie. Das Gleiche gilt für die Sperberung: Sie wird mit zunehmendem Alter feiner und enger.

Was der kleine Deutsche Jagdterrier unter den Hunden ist, ist der Sperber unter den Greifvögeln. Er ist an Angriffslust und Kühnheit nicht zu überbieten. Das Weibchen traut sich sogar an Brieftauben heran – zum Leidwesen der Züchter.

Einmal konnte ich in der Nachbarschaft beobachten, wie ein Sperberweibchen in der Nähe des Taubenschlags zwischen die Tauben fuhr. Die meisten flüchteten überhastet – zwei aber drückten sich auf einem etwas tiefer gelegenen Dach. Sie standen wohl noch unter Schock. Das Sperberweib hatte sie sicher im Blick, stand aber in die verkehrte Richtung. Dann drehte es sich in Zeitlupe – es dauerte sicher zwei Minuten –, bis die Richtung passte. Nach einem erneuten Angriff war das Schicksal einer der Tauben besiegelt. Mit ihren dolchartigen Fängen, die wie mit Hydraulikkräften eines Baggers in das Leben der Vögel eindringen, tötete sie ihre Beute. Der Falkner spricht deshalb von einem „Grifftöter“.

Die Jagd des Sperbers läuft folgendermaßen ab: Um die Beute zu überraschen steuern sie geschickt – unter Ausnützung aller Deckungsmöglichkeiten oder dicht über dem Boden – mit ihrem langen Schwanz um Häuserecken, an Gräben und Zäunen entlang. Wenn nötig verfolgen sie das Beutetier sogar in den Hecken oder im Gebüsch, wo sie sich ihrer langen dünnen Fänge bedienen.

Sperber sind beinahe ausschließlich Vogeljäger – der Bedarf beläuft sich auf etwa zwei bis drei Kleinvögel pro Tag. In guten Mäusejahren können jedoch auch die Nager bis zu zehn Prozent der Nahrung ausmachen. Im Winter, wenn sich der Jagdertrag mangels Beute verringert, haben Sperber keine Scheu, die in ihrem Revier gelegenen Futterhäuschen anzufliegen.

Die Brutsaison beginnt Ende April. Sperber werden mit einem Jahr geschlechtsreif, das Weibchen legt vier bis sechs Eier. Es bebrütet das Gelege allein und wird währenddessen vom Männchen versorgt. Nach 32 Tagen schlüpfen die Jungen. Nach etwa zehn Tagen – bis dahin war es mit hudern der Jungen und zerteilen der Beute beschäftigt – jagt auch das Weibchen wieder mit. Eine große Erleichterung für das Männchen, schließlich kann das Weibchen eine wesentlich größere Beute schlagen.

Der Sperber –

ein Kraftpaket

Wenn hungrige Jungvögel zu versorgen sind, müssen die Altvögel oft große Entfernungen zurücklegen. Aber je größer und schwerer ein Greifvogel ist, desto geringer ist im Verhältnis zum eigenen Körpergewicht das Beutegewicht. Ein Steinadler kann kaum Beute tragen, die schwerer ist als er selbst. Der Sperber ist dagegen ein wahres Kraftpaket. Beobachter berichten von einem Sperberweibchen, dass mit 264 Gramm Körpergewicht eine 386 Gramm schwere Hohltaube schlug und mit ihr davon flog.

Beide Altvögel versorgen 32 Tage lang die Nestlinge. Sind die Jungen flügge geworden, werden sie noch drei weitere Wochen in Horstnähe gefüttert, bevor sie sich selbstständig versorgen müssen.

Sperber sind hierzulande Standvögel oder Strichvögel. Meist ziehen die Jungvögel zur Überwinterung nach Frankreich, Spanien oder Italien. Teilweise gibt es Durchzug und Überwinterung nordischer Sperber.

Sperber kommen in Bayern flächendeckend vor. Noch in den 60er-Jahren war ihr Bestand höchst gefährdet. Vor allem der Einsatz des Insektizids DDT machte ihnen schwer zu schaffen. Sämtliche Greifvögel legten deshalb Eier mit viel zu dünnen Schalen, die während des Brutgeschäftes zerbrachen. 1962 wurde bekannt, dass sich der Stoff in den Endwirten ansammelt. Obwohl viele Ornithologen und namhafte Wissenschaftler Alarm schlugen, dauerte es in Westdeutschland zehn Jahre bis zum Totalverbot.

Artikel 8 von 11