Rosenheim – So mucksmäuschenstill, wie es bei der Verleihung des Sozialpreises des Landkreises Rosenheim in diesem Jahr war, ist es selten im großen Sitzungssaal des Rosenheimer Landratsamtes. Mit „Verwaiste Eltern Rosenheim“ wurde eine Selbsthilfegruppe geehrt, die sich eines gesellschaftlichen Tabuthemas annimmt. Stellvertretender Landrat Josef Huber würdigte in seiner Rede, dass die Preisträger für Menschen da seien, die sich in einer besonderen Ausnahmesituation befinden: „Es ist eine Situation, die man keinem Menschen wünscht. Es ist eine Situation, an der Familien und Menschen zerbrechen können, denn wenn das eigene Kind stirbt, dann gibt es nichts, was diesen Schmerz lindern kann.“
Auf das Außergewöhnliche an diesem Ehrenamt machte die Geschäftsstellenleiterin des Jakobus-Hospizvereins Rosenheim, Barbara Noichl, in ihrer Laudatio aufmerksam: „Dirk und Sigrid Scholz haben sich nicht bewusst für ein Ehrenamt entschieden. Sie hätten sich lieber ein normales Leben gewünscht, als Mama und Papa für ihre Tochter. Alles schien positiv zu verlaufen, und dann kam es ganz anders.“ Tochter Miriam starb mit acht Jahren, weil sie versehentlich den Deckel eines Filzstiftes verschluckt hatte.
„Die Eltern fielen in ein unendlich großes Loch. Ein Zustand, der bis heute nicht überwunden ist“, fuhr Barbara Noichl fort. „Diejenigen, die selbst betroffen sind, wissen von dieser ungeheueren Erschütterung.“ Die Preisträger stellten sich der Trauer, lange Jahre, dann wollten sie aktiv werden. Dirk und Sigrid Scholz ließen sich auf eigene Kosten zu Gruppenleitern ausbilden, um eine Selbsthilfegruppe leiten zu können. Zudem wurden sie Akuthelfer. Das heißt, sie helfen Eltern, die ein Kind verlieren, schon vor dessen Beerdigung.
Das Ehepaar Scholz gründete die Selbsthilfegruppe „Verwaiste Eltern Rosenheim“ im Jahr 2001. Seitdem leiteten die beiden 416 Gruppenabende und begleiteten 149 Elternteile, die um 138 tote Kinder trauern. „Wir sind froh, dass es diese Gruppe in Rosenheim gibt, das ist nicht selbstverständlich“, sagte Noichl. Direkt an das Ehepaar Scholz gewandt fuhr sie fort: „Wie gut, dass Eure eigene Tochter Euch so motiviert hat, sich zu engagieren. Seit fast 30 Jahren trauert Ihr um sie. Miriam wäre heute 37 Jahre alt. Sie würde sagen, das habt Ihr wirklich gut gemacht.“
Nach der Ehrung bedankte sich Dirk Scholz: „Es ist ein gutes Gefühl, hier zu stehen, gesehen und beachtet zu werden.“ In großer Offenheit berichtete er von seinen Erfahrungen: „Die Trauer ist etwas Besonderes, weil das Umfeld die Trauer nicht nachvollziehen kann. Man denkt immer, schuldig oder mitschuldig am Tod zu sein, auch wenn es dafür keinen Grund gibt. Es ist der Preis der Liebe, den Eltern bezahlen.“
In Deutschland sterben jedes Jahr rund 20000 Kinder und Jugendliche, die das 18. Lebensjahr noch nicht vollendet haben. Die Gründe sind vielfältig: Todgeburt, plötzlicher Kindstod, Krankheit, Unfall, Suizid oder Gewaltverbrechen. Zurück bleiben Väter, Mütter und Geschwister, die sich neu finden müssen. „Es gibt keinen Königsweg, jeder muss seinen Weg der Trauer finden“, sagte Scholz.
Der Sozialpreis des Landkreises wird durch den Kreisausschuss verliehen. Er ist mit 5000 Euro dotiert und soll ein sichtbares, äußeres Zeichen des Dankes und der Anerkennung sein für beispielhaftes Handeln im sozialen Bereich, das oft unbemerkt von der Öffentlichkeit im Dienst des Menschen erbracht wird.re