Rosenheim – Den Heiligabend 2016 wird eine Seniorin aus Rosenheim so schnell wohl nicht vergessen. Ein angeblicher Polizist hatte sie am Telefon unter Druck gesetzt. Ihr Hab und Gut sei zu Hause nicht mehr sicher, man werde es für sie aufbewahren. Die Frau tat wie ihr befohlen: Sie packte Bargeld und Uhren mit einem Gesamtwert im niedrigen sechsstelligen Bereich in den Kofferraum ihres Autos. Den Schlüssel deponierte sie vor dem linken Vorderreifen. Am nächsten Morgen war alles weg. Für immer.
Wie kann man nur so naiv sein und einem Wildfremden Geld übergeben? Diese Frage stellt sich beinahe reflexartig, wenn es um die Opfer der sogenannten „falschen Polizisten“ geht. Zu Unrecht, sagt Kriminalhauptkommissar Walter Scharrer, der am Polizeipräsidium Oberbayern Süd die Ermittlungen in diesem Zusammenhang leitet. „Nicht die Leute sind so blöd. Die Betrüger sind so gut“, betont er. „Sie gehen sehr versiert vor.“
Die meist männlichen Täter geben sich am Telefon als Polizisten aus. Unter einem Vorwand – man könne den Banken nicht mehr vertrauen oder Einbrecher trieben ganz in der Nähe ihr Unwesen – versuchen sie, ihre Opfer davon zu überzeuge, dass ihre Wertgegenstände am jeweiligen Aufbewahrungsort nicht mehr sicher sind. „Sie machen ihren Opfern richtig Angst.“ Gleichzeitig, so Kriminalhauptkommissarin Melanie Butz, zeigten sie aber großes Einfühlungsvermögen. Vorgeblich, um das Hab und Gut der Opfer in Sicherheit zu bringen, schicke man einen verdeckten Ermittler zur Abholung. Das Ganze deklarierten die Täter als Geheimoperation. Die Opfer unterlägen deshalb einer Schweigepflicht, Zuwiderhandlungen hätten strafrechtliche Konsequenzen.
Nachfolger
des Enkeltricks
Die Masche der „falschen Polizisten“, die Polizei spricht hier von Legendenbetrug, ist quasi der Nachfolger des sogenannten Enkeltricks. Eine Art verbesserte Version, denn: „Der Legendenbetrug kann grundsätzlich bei jedem funktionieren“, sagt Scharrer. Logisch, es braucht keinen Enkel. Der wäre sogar eher hinderlich.
Abgesehen haben es die Betrüger nämlich auf alleinstehende, möglichst sozial isolierte Seniorinnen. Sie seien in der Regel leichter zu überzeugen, hätten niemanden zum Austausch und oftmals stolze Summen an Erspartem, so die Polizei. Das perfekte Opfer. „Das ist wirklich schäbig“, sagt Scharrer. Die Art und Weise, auf die „falschen Polizisten“ ihre Opfer ausfindig machen, ist perfide. Sie durchforsten Telefonbücher auf der Suche nach Vornamen, die Rückschlüsse auf das Alter zulassen: Waltraud, Kunigunde, Walburga etc. „Die Trefferquote ist sehr hoch. Die Täter müssen nicht einmal vor Ort sein.“
Laut Polizei operieren sie aus Callcentern ähnlichen Einrichtungen in der Türkei. Für die Opfer ist das nicht ersichtlich. Das Telefon-Display, sofern vorhanden, zeigt in der Regel nämlich die Rufnummer einer örtlichen Polizeidienststelle oder schlichtweg die 110 an. Auch anhand ihrer Art zu sprechen, lassen sich die Betrüger kaum als solche identifizieren. „Es handelt sich oft um ehemalige Straftäter, die in Deutschland aufgewachsen sind und abgeschoben wurden“, erklärt Scharrer. „Sie sprechen hervorragend deutsch und beherrschen den Polizeisprech.“ Das Gleiche gilt für denjenigen, der die Wertgegenstände entgegennimmt. Dabei handelt es sich in der Regel um einen Bekannten der Täter aus ihrer Zeit in Deutschland – zum Teil werden die „Abholer“ auch über Mittelsmänner akquiriert.
Bisher nur ein Call-center ausgehoben
Die Abholer sind auch der einzige Ansatzpunkt für die Ermittlungen der Polizei. Lediglich in einem Fall gelang es der Münchner Staatsanwaltschaft in Zusammenarbeit mit den Kollegen vor Ort, ein Callcenter in der Türkei „plattzumachen“. Seit rund zweieinhalb Jahren kümmern sich Scharrer, Kriminalhauptkommissarin Melanie Butz und weitere Beamte in einer eigenen Ermittlungsgruppe ausschließlich um Legendenbetrug. „Das hat so überhandgenommen, dass es eine zentrale Organisation gebraucht hat“, sagt Scharrer. Nur so bleibe genug Zeit, um sich intensiv mit der Thematik auseinandersetzen zu können.
Die Ermittlungen seien schwierig, betonen beide. Hürden seien beispielsweise Datenschutz-Richtlinien des Gesetzgebers oder das Misstrauen, das die Masche der „falschen Polizisten“ gegenüber der echten Polizei schürt. Zudem erlangen die Ermittler bei Weitem nicht Kenntnis von jedem vollendeten Betrugsfall. „Die Opfer schämen sich“, sagt Scharrer. Die Dunkelziffer beim Legendenbetrug dürfte also hoch liegen.
Was hilft, ist Prävention. Durch Aufklärung übersteigt die Zahl der gemeldeten Betrugsversuche im Präsidiumsbereich inzwischen die der vollendeten: 435 zu fünf zwischen Januar und September 2018.