Rosenheim/Landkreis – Nein, von Panik kann dennoch keine Rede sein. Das sagt Elke Wanie, Sprecherin der Apotheken in der Region Rosenheim und Mitglied in der Landesapothekenkammer. Erfahrungsgemäß greift eine Grippewelle im Januar, Februar um sich – und ob sie sich in der Saison 2018/2019 tatsächlich massiv ausbreitet, könne nicht prognostiziert werden. Die vergangene Grippesaison zeige indes Einfluss auf das jetzige Kundenverhalten. So hätten bereits erstaunlich viele junge Menschen nach der Impfung verlangt. Elke Wanie vermutet, dass die Nachfrage nach der Grippeschutzimpfung gegenüber dem Vorjahr gestiegen ist.
Das hat Gründe: In der Grippe-Saison 2017/2018 hatten die Krankenkassen die Kosten lediglich für einen Dreifach-Impfstoff übernommen. Tatsächlich befiel ein dadurch nicht erfasster Viren-Stamm die Menschen. Das führte unter anderem dazu, dass das Paul-Ehrlich-Institut – das deutsche Bundesinstitut für Impfstoffe und biomedizinische Arzneimittel – aktuell den Vierfach-Impfstoff und damit den höheren Schutz empfiehlt und die Krankenkassen nun dafür die Kostenübernahme zusichern.
Jedes Jahr tauchen andere Erreger auf
Eine Grippe-Prognose kann nur vage ausfallen, denn den Experten zufolge ändern sich jedes Jahr die Erreger. Andererseits muss der Impfstoff aus verschiedenen Viren-Stämmen bereits im Frühjahr für die Grippe-Saison 2018/2019 bestellt beziehungsweise von den Herstellerfirmen produziert werden – was etwa ein halbes Jahr dauert. Somit kann eine Grippeschutzimpfung schwanken und wirkt sich mal gut und mal weniger optimal aus.
Apotheken der Region hatten überwiegend im März/April „ihre“ Menge an quadrivalentem (Vierfach-) Impfstoff vorbestellt – auf Grundlage von Anfragen der Arzt-Praxen, die sie mit dem Impfstoff beliefern. Dabei wird nur ein gewisser Teil als Vorrat angelegt, ausgehend vom Impfverhalten der Vorjahre. Denn: „Wir bleiben auf nicht genutztem Impfstoff sitzen und müssen ihn wegwerfen“, erläutert Ulrike Bayer von der Linden-Apotheke in Bad Aibling. Doch die Situation ist derzeit eine andere: „Wir haben gar keinen Impfstoff mehr“, bedauert sie.
Dieses Problem haben auch andere Pharmazien. In Prien bestätigt die Katharinen-Apotheke auf Anfrage unserer Zeitung den „Ausverkauf“ an Impfstoff und spricht von einem „Ping-Pong-Spiel“. Heißt: „Die Industrie schreibt jedes Jahr die Ärzte an, die direkt beim Hersteller einkaufen sollen.“ Das würden die meisten aber ablehnen und lieber den Weg über die Apotheken wählen, um ihr eigenes Risiko (dass zu viel Impfstoff eingekauft wird und dann weggeworfen werden muss) zu minimieren.
100 Spritzen schon wieder notwendig
Das gleiche Bild – kein Impfstoff – auch in Rosenheim: Die Alte Apotheke schreibt den Ansturm auf den Vierfachimpfstoff auch der öffentlichen Trommelei, sich gegen Grippe impfen zu lassen, zu. Die vier, fünf Arztpraxen, die sie beliefert, hätten sich gut bevorraten lassen, je nach Praxisgröße würden zwischen 100 und 400 Lieferungen weitergegeben. Aber: „100 Spritzen sind jetzt schon wieder notwendig.“ Man sei aber zuversichtlich, dass doch noch nachgeliefert werde.
Da hat die Wasserburger Marien-Apotheke eine andere Information: „Wir haben mit den Herstellern in Deutschland, und davon gibt es nicht viele, telefoniert. Die haben uns gesagt, es ist alles erledigt, es wird nicht noch einmal für diese Saison produziert.“ Das mache auch keinen Sinn bei einem halben Jahr Produktionszeit. Im Übrigen war der Impfstoff auch in der Marien-Apotheke in kürzester Zeit weg.
Nach Angaben des Bayerischen Staatsministeriums für Gesundheit und Pflege wurden laut Landratsamt in der letzten Grippe-Saison 2017/2018 mit knapp 44000 Influenza-Fällen so viele Erkrankungen wie noch nie seit Einführung der Meldepflicht 2001 angezeigt. Auch in der Region Rosenheim wurde mit 563 Meldefällen, davon 549 im Jahr 2018, ein Höchststand erreicht. In der Grippe-Saison 2016/2017 waren es 119 und 2015/2016 lediglich 38 Fälle.
Grippe-Risiko für
chronisch Kranke
Dr. Fritz Ihler, Vorsitzender des ärztlichen Kreisverbandes, empfiehlt eine Grippeschutzimpfung auf jeden Fall für Menschen ab 60 Jahre. Diese würden in der Tat vermehrt nachfragen beziehungsweise von den Ärzten darauf hingewiesen. Risikopatienten seien alle, die mit viel Publikumsverkehr zu tun hätten, ebenso chronisch Kranke oder Altenheimbewohner. Allerdings komme es hier nicht zu Gruppenimpfungen auf einer Station, sagt er schmunzelnd. „Da hat jeder seinen Hausarzt und der impft seine Patienten.“ Ihler bewertet die derzeitige Situation indes optimistisch: „Es war immer schon so, dass es Engpässe gab, und dann kam doch noch Impfstoff nach.“