Dianas Wutprobe

von Redaktion

OVB-Leser zeigen Herz Wenn die Mama selbst noch ein Kind ist

Neubeuern – Bei Andrea waren es die blauen Flecken am Rücken. Dario kam im November mit Sandalen, obwohl es draußen schneite. Und Sonja schaufelte Plätzchen in sich hinein, als würde sie sterben vor Hunger. Bei vielen Buben und Mädchen ist es die Erzieherin im Kindergarten oder die Lehrerin in der Schule, die als Erste bemerkt, dass in der Familie etwas nicht stimmen kann.

So gibt es in den Kinderdorfhäusern des Albert-Schweitzer-Familienwerks kaum ein Kind unter vier Jahren, das Opfer von Gewalt, Missbrauch, Verwahrlosung oder Vernachlässigung geworden ist. Diana (Name geändert), heute 14 Jahre, ist da eine Ausnahme. Das Mädchen kommt 2006 ins Kinderhaus – mit nur zwei Jahren.

Zu diesem Zeitpunkt hat das Kleinkind mit seiner Mutter schon mehrere Stationen der Jugendhilfe durchlaufen. Bei der Geburt ist die Mama 15 – selbst noch ein Kind, überfordert, entwurzelt, ohne familiären Rückhalt und noch dazu aufgrund sexuellen Missbrauchs traumatisiert. Das Mädchen schafft es zu keiner Zeit, Diana konstante Liebe und Fürsorge zu geben. Vieles läuft schief. Bis ihr die Behörden das Kind wegnehmen und einen Platz für das Kind suchen müssen.

Dann hat Diana endlich Glück im Unglück. Der Platz im Kinderhaus des Albert-Schweitzer-Familienwerks ist für das Mädchen ein Segen. Dort muss, nein, dort darf das Kind ganz neu anfangen. Es ist, wen wundert es, ein holpriger Start. Ins neue Zuhause bringt Diana neben Verhaltensauffälligkeiten, Stimmungsschwankungen und Entwicklungsverzögerungen auch eine Menge Wut mit. Ihre Ausbrüche sind: Außergewöhnlich? Schlimm? Schockierend? Wie soll man das bei einer Zweijährigen formulieren? Immer wieder flippt Diana aus, tut sich dabei selbst weh oder versucht, ihre Mitmenschen zu verletzen. Jede Wutprobe ist Ausdruck ihrer inneren Zerrissenheit.

Aber Dianas Wutproben sind schnell Geschichte. Im Kinderhaus entwickelt sie sich rasch zu einem aufgeweckten, fröhlichen Mädchen, das endlich auch in seiner geistigen und sprachlichen Entwicklung vorankommt. Die autoaggressiven Schübe verschwinden schon nach wenigen Monaten.

Hat Diana anfangs im Kindergarten noch den Ruf eines Mädchens, das schnell zwickt, kratzt und haut, so ist sie in der Förderschule, die sie bis heute besucht, außerordentlich beliebt. Ihre Lehrerin beschreibt sie als „besonnen und verträglich“ – obwohl Diana seit 2009 keinen Kontakt mehr zur Mutter hat.

Sicher, die heute 14-Jährige muss noch viel lernen, in allen Bereichen. Ob sie ihr Leben einmal allein meistern kann? Dank des festen Rückhalts in der Kinderdorffamilie hat sie gute Chancen, es zu schaffen. Ganz ohne Wutprobe.

Gewalt gegen Kinder trauriger Alltag

16 Sozialwaisenkinder leben in Pinswang bei Neubeuern im Kerbhaus und im Rosenhof – zwei Kinderhäusern des Albert-Schweitzer-Familienwerks, die ebenso wie die Stiftung Attl von der Aktion „OVB-Leser zeigen Herz“ unterstützt werden. Diana, um die sich die heutige Reportage dreht, gehört nicht dazu. Sie wächst in einem anderen Kinderhaus in Bayern auf. Die Geschichten der Pinswanger Kinder werden hier nicht nacherzählt. Das könnte dazu führen, dass sie identifizierbar und in der Schule gehänselt werden. Das wollen wir auf keinen Fall, daher werden Namen und Biografien zum Schutz der Kinder von der Redaktion geändert.

Gewalt gegen Kinder ist in Deutschland leider Alltag. Wie aus Statistiken von Polizei und Statistischem Bundesamt hervorgeht, werden jedes Jahr über 10000 Kinder Opfer von Gewalt und sexuellem Missbrauch. Die Dunkelziffer ist jedoch sehr viel höher.

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