Hirnsberg – Züleyha Düzenli, buntes Kopftuch und Tweed-Sakko, sitzt auf einer Eckbank in der Stube eines typisch bayerischen Gasthofs. Die Wände zieren Schützenscheiben, die Fensterbretter sind mit Blumengestecken und geschnitzten Madonnen geschmückt. Den Raum erfüllt Stimmengewirr wie in einem Klassenzimmer ohne Lehrer, das Feuer im Kachelofen knistert. Vor Düzenli auf dem Tisch liegen aufgedeckt acht bayerische Spielkarten: Zwei Ober, zwei Unter, das Herzass, Pardon, die Herz-Sau, und drei Gras. „Auf welche Sau spielst du jetzt?“, will ihr Gegenüber Michael Feßler wissen. „Es geht ja nur Gras“, antwortet Düzenli mit fragendem Unterton. Feßler nickt sichtlich stolz. Düzenli strahlt. „Genau“, sagt Feßler. „Auf die Blaue.“
Freiwillige lehren Karten-Königsdisziplin
Der Priener ist an diesem Abend einer von zwölf Freiwilligen, die die übrigen Teilnehmer – Asylbewerber, „Zuagroasde“ und hiesige Neulinge – die Königsdisziplin im bayerischen Kartenspiel-Fundus lehren: Schafkopfen. Ursprünglich hatte man im Gasthof Hilger in Hirnsberg sechs Tische reserviert, also inklusive Lehrern mit 24 Teilnehmern gerechnet. Gekommen sind letztlich doppelt so viele. Der Kurs soll einen Beitrag zur Integration leisten. Denn: „Schafkopf ist ein Spiel, das wahnsinnige Sozialkompetenz vermittelt“, erklärt Organisator Dr. Herbert Reuther. „Erst kämpft man gegeneinander um den Sieg, dann wieder zusammen.“ Außerdem sei das Spiel ein wichtiger Teil der bayerischen Wirtshauskultur – und die gelte es zu erhalten.
Düzenli ist einer der Gründe, warum der Priener Gewerbeverein um seinen Vorsitzenden Reuther das Integrations-Schafkopfen ins Leben gerufen hat. Reuthers Familie betreibt eine Apotheke in Prien, Düzenli ist eine der Angestellten. „Wir haben zwei bitterböse Briefe bekommen“, erzählt er. „Darin haben Leute angedroht, sie würden nicht mehr bei uns einkaufen, wenn sie von ‚so einer‘ bedient werden.“ So eine, das ist übrigens eine in Deutschland aufgewachsene junge Muslima, die bestens integriert ist. Beispiel gefällig? Düzenli sitzt für Bündnis 90/ Die Grünen im Bad Endorfer Marktgemeinderat, macht also mehr für die Allgemeinheit als so manch anderer.
Einige Tische weiter spielt Papa Ousmane Barry (33) aus dem Senegal ein „Sauspiel“ mit Helga Guggenbichler. Tisch-Lehrer Markus Möderl erklärt: „Als Spieler spielst du immer Trumpf.“ Papa runzelt die Stirn. Ihm ist anzumerken: Ganz klar sind ihm die Regeln noch nicht. Mal nickt er zustimmend, mal kneift er konzentriert die Augen zusammen. Dann neigt er den Kopf zur Seite und blickt fragend drein. „Das ist sehr schwierig“, sagt er mit leichtem Akzent und breitem Grinsen.
Papa macht eine Ausbildung in einem Priener Hotel. Er steht stellvertretend für einen weiteren Grund, aus dem der Schafkopf-Lehrgang ins Leben gerufen wurde: Um den Fokus wieder darauf zu legen, Flüchtlinge in das gesellschaftliche Leben einzubinden. „Das Verhalten von Horst Seehofer und die unsinnigen Streitereien in der Politik haben den Blick auf das versperrt, was die Gesellschaft geleistet hat“, sagt Reuther.
Gemeint ist die Auseinandersetzung zwischen dem Bundesinnenminister und Bundeskanzlerin Angela Merkel, der sogenannte Asyl-Streit. Die Frage, ob bereits in einem anderen EU-Land registrierte Flüchtlinge an der Grenze zurückgewiesen dürfen, hätte beinahe zum Bruch in der Großen Koalition geführt.
Zwischen den Spielen ist Zeit für Gespräche
Möderl mischt die Karten – Zeit für Gespräche abseits des Spiels. Während er die Karten austeilt, gibt er eine Anekdote zum Besten. „Als junger Mann war ich mit der Kirche in Israel“, erzählt Möderl. Auf einer Busfahrt habe man beschlossen, sich die Zeit mit Schafkopfen zu vertreiben und Mitspieler gesucht. „So habe ich meine Frau kennengelernt.“
Schafkopfen verbindet. Unter anderem darin sieht der Bayerische Philologenverband den Nutzen des Kartenspiels. „Wir wünschen uns, dass das Kartenspiel gerade in digitalen Zeiten wieder mehr an Bedeutung gewinnt, auch in der Schule.“ Denn: Das Spiel fördert mathematische, strategische und eben auch soziale Kompetenzen.
Letzteres lässt sich auch bei Papa beobachten. Er hält sich zunächst zurück, hört zu und beobachtet. Je länger die Runde zusammensitzt, desto mehr taut er auf. Die deutsche Sprache zu lernen, empfindet er als sehr schwierig, sagt er. Eigentlich würde er auch lieber im Dialekt reden: „Bairisch klingt viel schöner.“ Wenig später erzählt Papa von Zuhause – und bekommt prompt glasige Augen. Er spricht über seinen Wohnort direkt am Meer, über seine Mutter, mit der er über den Messenger-Dienst Whatsapp Kontakt hält.
Nach gut anderthalb Stunden unterbricht Reuther den Schafkopf-Intensivkurs. Essenspause – so viel hartes Training macht schließlich hungrig. Das Beste: Der Gewerbeverein bezahlt. Die Bedienung kommt an den Tisch. „Wos deafs bei eana sei?“, fragt sie. Papa blickt fragend in die Runde. „I hob a Gräsdl oder Kasbressgnedl. Da Schweinsbron is aus.“ Papas Gesichtsausdruck bleibt unverändert. „Für mich nichts“, sagt er. Nicht weil er keinen Hunger hat, sondern, weil er sich unter „Gräsdl“ und „Kasbressgnedl“ schlichtweg nichts vorstellen kann. Die Lösung für alles ist Schafkopfen dann eben doch nicht.
Als die Kellnerin das Essen an den Tisch bringt, macht Papa große Augen. „Was ist das?“, fragt er und zeigt auf das „Gräsdl“. Statt einer Erklärung bekommt er Besteck. Etwas zögerlich schaufelt er ein Stück Knödel mit Ei auf die Gabel und probiert. „Das schmeckt“, sagt er. Ein erster Schritt in Richtung Erhalt der bayerischen Wirtshauskultur. Nicht der letzte, geht es nach Reuther. „Die Resonanz war so gut. Eine Fortsetzung ist geplant.“