Weihnachten. Zu keiner Zeit des Jahres gehen unsere Erinnerungen so weit zurück bis in die unbeschwerte Zeit, in der wir selber als Kinder Frieden und Geborgenheit erfahren oder doch zumindest erhofft haben. „Going home for christmas.“ Zu Weihnachten sehnen wir uns danach, heimzukehren, unserer gefühlsarmen Welt zu entkommen. Und sogar dem Zweifler bedeutet Weihnachten eine alljährlich wiederkehrende Zeit allgemeinen Wohlbefindens und froher Festlichkeiten, von Familienfreude und voll strahlender Kinderaugen.
Das macht auch vor ideologischen Grenzen keinen Halt. SED-Funktionär Karl Hagen kommentierte diesen Sachverhalt 1982 mit folgenden Worten: „Die Kirche bläst mit ihren Weihrauchwolken alles zu, und wir können sehen, wo wir bleiben. Zu Weihnachten haben wir längst die ideologische Kontrolle über unsere Menschen verloren.“ Es kann kaum schöner sein: Weihnachten als ein magischer Moment, der zum Kontrollverlust der Mächtigen führt. Man verabschiedet sich vom alltäglichen Grauen, man entflieht einer Welt voll Friedlosigkeit und Angst.
Wenn wir jedes Jahr erneut flüchten in diese heile Weihnachtswelt, liegt es dann nicht nahe, ein wenig von dieser wohltuenden Erfahrung in den kalten Alltag hinüberzuretten und Weihnachten eben nicht nur als einen romantischen Kurztrip in eine heile Scheinwelt zu betrachten? Wenn wir Weihnachten so sehr lieben, wäre es dann nicht konsequent, allem Unmenschlichen in unserer Welt eine Absage zu erteilen und unser Leben nach unseren Sehnsüchten und Hoffnungen zu gestalten und nach der Botschaft des Kindes in der Krippe? Lassen wir uns verändern durch die Erfahrung der Weihnacht.
In diesem Sinne eine frohes und besinnliches Fest!