Zwei Quadratmeter gute Wünsche

von Redaktion

Extrem still war es um ihn geworden, seit seinem schweren Sturz Anfang Juli. Die Frage „Wie geht es dem Landrat?“ bewegt seither die Region. Im Interview mit den OVB-Heimatzeitungen gibt Wolfgang Ber-thaler die Antwort: „Die Lage ist ernst, aber nicht hoffnungslos.“

Bad Aibling – Seine kräftige Stimme hört man schon, bevor man sein Zimmer in der Schön Klinik Bad Aibling betritt. Der Händedruck: noch nicht ganz so beherzt wie sonst. Doch der Landrat begrüßt den Besuch schon fast so wie im Amtszimmer an der Wittelsbacherstraße. Launig, offen, im Sakko – wie man ihn kennt. Ungewohnt ist nur der Rollstuhl, in dem er sitzt.

Doch auch das wird nur vorübergehend sein, wie er felsenfest überzeugt ist: „Ein- bis eineinviertel Jahre kann es allerdings dauern, bis man nach so einem Unfall, nach so einer Verletzung wieder laufen kann, sagen die Ärzte.“

Um dieses Ziel so bald wie möglich zu erreichen, übt er nach Kräften. Physio-, Ergo-, Logotherapie. Fünf bis sechs Einheiten pro Tag. Was für einen wie ihn nicht leicht ist: „Ich bin ein Mensch, der absolut ungeduldig ist“, bekennt er. Und doch gehe es aufwärts, komme ein Fortschritt zum anderen. Auch bei der Verarbeitung des Geschehens vom 4. Juli: „Da geht man als Gesunder aus dem Haus, und dann passiert so was. Das ist nicht einfach.“

Das, was passiert ist – genau wird man es wohl nie wissen. Berthaler war allein in seinem Zimmer im Landratsamt, wollte ungestört ein paar Akten durchgehen. Als eine seiner Mitarbeiterinnen nach ein paar Minuten den Raum betrat, fand sie ihren Chef neben dem umgestürzten Bürosessel bewusstlos und blutend auf dem Boden liegend.

Die Rettungskette griff sehr schnell. Erstversorgung, Einlieferung ins Krankenhaus, Durchchecken. Doch dann, mitten in der Nacht, spürte er plötzlich seine Beine und Arme nicht mehr. Es folgte eine sofortige OP an der Halswirbelsäule und die Verlegung in die Unfallklinik Murnau.

„Im Nachhinein muss man sagen, dass es viel schlimmer hätte ausgehen können. Es handelte sich zwar um eine sehr schwere Verletzung, doch die Nerven an der Halswirbelsäule waren nur gequetscht, nichts durchtrennt“, sagt Berthaler mit belegter Stimme. Warum er gestürzt ist? „Das kann keiner erklären, aber es muss ein Unfall gewesen sein. Es wurde alles untersucht. Alle Werte waren absolut in Ordnung, nichts deutete auf einen Schlaganfall, einen Herzinfarkt oder eine andere organische Ursache hin“, so der Landrat.

Doch war von einer Sekunde auf die andere nichts mehr so, wie es war. „Du wachst im Krankenhaus in Murnau auf, findest dich in einer komplett neuen Situation wieder. Ans Bett ,gefesselt‘, künstlich beatmet, ein Vierteljahr mit Kanüle im Hals“, deutet Berthaler auf seine Narbe. „Da ist man erst wieder Mensch, wenn das Ding endlich weg ist.“

Selber essen, das Telefon bedienen, lesen – nichts davon war anfangs möglich. Aber die Aussage des Arztes, dass alles wiederkommen werde, und der große Rückhalt seiner Familie waren von Anfang an sein Ansporn. „Meine Frau, meine Töchter, deren Partner, die beiden Enkel – das ist das Wichtigste überhaupt. Ohne wäre man aufgeschmissen.“

Hilft in so einer Situation auch der Glaube? „Ja, er hilft, vieles zu tragen. Man hadert aber schon, warum man das alles mitmachen muss. Wir haben ja schon einmal eine sehr schwierige Situation durchschritten, bei dem Busunglück im Jahr 2000 mit acht Toten, das unsere jüngere Tochter miterleben musste. Es kommt vieles wieder hoch. Aber das ist damals letztlich für uns gut ausgegangen, und das wird es auch dieses Mal. Dennoch wird einem bewusst, dass man zu jeder Stunde und an jedem Ort damit rechnen muss, dass etwas passieren kann.“

Seit einigen Wochen ist Berthaler nun in der Schön Klinik Bad Aibling. Kann endlich wieder Besuche von Mitarbeitern und Freunden empfangen – wenn auch nur dosiert. „Ich freue mich sehr über Besuch. Aber das muss gesteuert werden. Das übernimmt mein Vorzimmer im Landratsamt.“

Das Landratsamt, sein Arbeitsplatz, an den er so bald wie möglich zurückkehren will. „Mein ursprüngliches Ziel von Ende Januar musste ich revidieren. Ich brauche noch zwei, drei Monate. Aber im Frühjahr will ich unbedingt zurück, notfalls auch im Rollstuhl“, bekräftigt der Landrat, der schon wieder viele Projekte im Kopf hat und über alles informiert ist – nicht nur durch die Lektüre des OVB-E-Papers. Ein großer Dank geht an seine Stellvertreter, allen voran Josef Huber: „Sie machen eine großartige Arbeit.“

Sehr motiviert und berührt haben ihn auch die vielen Genesungswünsche, die ihn in der Klinik erreicht haben – darunter eine zwei Quadratmeter große Karte, auf der 400 Mitarbeiter unterschrieben haben. Oder Besuche wie die seines Freundes, Entenwirt Peter Schrödl: „Er ist eigens nach Murnau gekommen – mit Ente, Blaukraut und Knödel im Gepäck.“

Bei solch einem Festtagsschmaus ist man in Gedanken gleich beim Weihnachtsfest. Geht es da nach Hause? „Die Möglichkeit bestünde für ein paar Stunden. Aber das wollte ich nicht. In meinem ,gesetzten Alter‘, da blendet man halt mal das eine Jahr aus und begeht Weihnachten im Krankenhaus“, meint der 62-Jährige.

Auch wenn es sichtlich schwerer fällt, als es klingt, so ganz ohne den großen Weihnachtsbaum, der zu Hause in Flintsbach immer Chefsache war. Ohne die Bescherung im Wohnzimmer. Ohne die Atmosphäre in den eigenen vier Wänden. „Aber meine Familie kommt auch heute an Heiligabend zu mir, und wir werden in der Klinik zusammensein. Das allein ist es, was zählt.“

Artikel 1 von 11