Wenn es Andreas zu bunt wird

von Redaktion

OVB-Leser zeigen Herz Ein Umzug steht dem jungen Mann noch bevor

Wasserburg/Attel – „Andreas ist liebenswürdig und hat auch viele schöne Seiten. Aber wenn er etwas nicht versteht, wenn er Angst bekommt oder etwas über ihn hinweg entschieden wird, dann schlägt das in aggressives Verhalten um.“ So beschreibt Monika B. ihren Sohn. Er ist Autist, hat eine geistige Behinderung und lebt seit acht Jahren in der Stiftung Attl.

Vor acht Jahren musste sich die alleinerziehende Mutter schweren Herzens dazu entscheiden, ihren Sohn loszulassen. Andreas ging bereits im Attler Förderzentrum zur Schule. Als er zehn Jahre alt war, konnte ihn die berufstätige Frau allerdings am Nachmittag nicht mehr weiter betreuen.

So war Monika B. froh, als sie die Zusage von der Stiftung Attl für einen Wohnplatz in einer damals neu eröffneten Außenwohngruppe für Kinder und Jugendliche erhielt. Anfangs ging auch alles gut. Doch in die Pubertät kam Andreas mit den Gegebenheiten auf der Wohngruppe nicht mehr zurecht – und die Betreuer nicht mehr mit ihm. Alles, was von gewohnten Abläufen abwich, machte ihm Angst und er reagierte mit aggressiven Verhaltensformen gegenüber Mitbewohnern und dem Personal.

„Für Andreas kann ein spontaner Ausflug, ein nicht geplanter Einkauf oder sogar bereits das Klingeln an der Tür schnell zum Problem werden“, erklärt die Mutter. Er braucht feste Strukturen und eine möglichst reizarme Umgebung.

So verschärfte sich die Situation. Das Personal konnte die Betreuung nicht mehr gewährleisten. Auf eine Intensiv-Betreuung war die Außenwohngruppe inmitten einer kleinen Gemeinde weder konzeptionell noch personell ausgerichtet.

Ein viermonatiger Aufenthalt in der Kinder- und Jugendpsychiatrie sollte die Situation verbessern, die Wohngruppe indessen personell verstärkt werden. Doch bald stand für die Verantwortlichen in der Stiftung Attl fest: Andreas benötigt einen neuen Wohnplatz; eine Wohngruppe, die eine noch engere, strukturiertere und somit intensivere Betreuung ermöglicht.

Solche Intensiv-Wohnplätze sind rar. Selbst in der Stiftung Attl, wo man sich im Intensiv-Wohnbereich Sophie Scholl gerade auf dieses Klientel spezialisiert hat. Denn die Nachfrage für den Personenkreis von Menschen mit Behinderungen und schwerwiegenden Verhaltensformen ist um ein Vielfaches höher.

Zwei neue Wohngruppen mit 16 Wohnplätzen wurden 2018 neu eröffnet. Leonie- und Fabiangruppe heißen sie und sind in einem Gebäude untergebracht, das eigentlich schon abgerissen werden sollte. Noch zwei, drei Jahre kann es nach einer vorübergehenden Sanierung genutzt werden. Nun plant die Stiftung Attl ein neues Wohnhaus, das 32 Wohnplätze im Intensiv-Wohnen bietet. Die Kosten im zweistelligen Millionenbereich muss die Einrichtung überwiegend selbst tragen. Ein großer Teil der OVB-Weihnachtsaktion ist dem Projekt gewidmet.

Andreas hatte Glück. Er erhielt einen Wohnplatz in einer der beiden IntensivWohngruppen und damit wieder neue Perspektiven. Enge Strukturen vermitteln dem 18-Jährigen die Sicherheit, die er benötigt, um durch den Tag zu kommen.

Die neue, reizarm gestaltete Wohngruppe kommt Andreas entgegen, da er beispielsweise keine Form von Dekoration akzeptieren kann. Jeden Morgen holt ihn sein Schulbegleiter zum Unterricht ab. Zur Routine gehört, dass die beiden auf dem Weg Musik hören.

„Er ist total relaxed und hat sich auch äußerlich sehr zum Besseren verändert“, beschreibt ihn Monika B. jetzt. Auch die Besuche zu Hause klappen gut, vorausgesetzt die Mutter bereitet alles vor. Dann muss sie alles wegräumen, was ihn verunsichern könnte.

„Andreas soll endlich ankommen – an einem Platz, an dem er bleiben kann“, wünscht sie sich. Mit dem geplanten Neubau steht dem jungen Mann, der so schwer mit Veränderungen zurechtkommt, dann noch einmal ein Umzug bevor. Aber wenigstens bleibt er in einer Umgebung, die er schon kennt.

Ein Zuhause für 459 Menschen mit Behinderung

Drei Fragen an Jonas Glonnegger und Franz Hartl, Vorstand der Stiftung Attl:

Wie wichtig ist die Stiftung Attl für Menschen mit Behinderung, die einen Intensivplatz benötigen?

Glonnegger: Vor 25 Jahren begann die Stiftung Attl damit, in diesem Fachgebiet zu arbeiten und Erfahrungen zu sammeln. Alles war Neuland, aber über die Jahrzehnte hat sich die Stiftung hier eine sehr hohe Fachkompetenz erarbeitet. Doch diese Arbeit hat ihren Preis. Die Begleitung dieser Menschen ist wesentlich intensiver, der Personalschlüssel entsprechend höher. Aber dieser Einsatz lohnt sich, wie unsere Erfahrung zeigt.

Welchen Stellenwert nimmt der Intensivbereich künftig ein?

Glonnegger: Mit den beiden neuen Wohngruppen haben wir das Angebot im Intensivbereich um 30 Prozent erweitert. Trotzdem ist er im Vergleich zu unseren weiteren Wohnangeboten nur ein kleiner Bereich. Von den 459 Menschen, die derzeit in der Stiftung Attl wohnen, verteilen sich 72 auf neun Intensivgruppen. Wir brauchen den Neubau dringend. Die derzeitige Unterbringung ist nur eine Übergangslösung.

Was sind die besonderen Herausforderungen bei einem neuen Gebäude für den Intensivbereich?

Hartl: Die Herausforderungen beginnen schon bei der Frage, wie groß dieses Gebäude sein darf. Im Intensivbereich müssen wir deutlich mehr Fläche einplanen, um den insgesamt 32 Betreuten dort Nischen und Rückzugsmöglichkeiten zu bieten. Dieser Bedarf stellt sich bei anderen Wohngruppen nicht. Die Kosten belaufen sich auf einen zweistelligen Millionenbetrag. Davon werden wir einen erheblichen Teil an Eigenleistung aufbringen müssen. Wir beginnen gerade mit den Planungen, die Gespräche mit dem Kostenträger laufen. Nach dem Baubeginn rechnen wir mit einer Fertigstellung innerhalb von zwei Jahren. Hoffentlich hält unser Übergangsgebäude noch so lange Stand.

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