Lawinengefahr: Raiten geräumt

von Redaktion

13.16 Uhr war es, als gestern die Eilmeldung aus dem Traunsteiner Landratsamt kam: Wegen eines drohenden Lawinenabgangs musste der Schlechinger Ortsteil Raiten geräumt werden. Unterschlupf fanden die rund 260 Betroffenen in der Unterwössener Turnhalle.

Schleching – „Wir wollten gerade zum Langlaufen gehen“, sagt Barbara Reichenbach, 81. Daraus wurde nichts. Gegen 11.30 Uhr fuhr die Feuerwehr durch den Ortsteil und forderte die Bewohner mit Lautsprecherwagen auf, die Häuser zu verlassen. Nur Kleidung, wichtige Dokumente und Medikamente sollten die Raitener mitnehmen. Die Reichenbachs beschränkten sich dabei auf Geldbeutel und Ausweis.

Dann gingen sie gemeinsam mit den Nachbarn zur Stammelstelle am Kreuzungsbereich der B307 und der Raitner Straße. Zu Fuß, dazu waren sie ausdrücklich aufgefordert worden. Von dort brachten Fahrzeuge des THW sie an den Unterwössener Ortsrand, wo Busse die Wartenden zum örtlichen Feuerwehrhaus brachten.

Zuversichtlich ist die Raitenerin. Während sie mit unserer Zeitung über Handy telefoniert, steht sie vor der Unterwössener Turnhalle in der Sonne. Mit blauem Stift hat man ihr auf eine Hand ein großes Kreuz gemalt, erzählt sie. Als Zeichen dafür, dass sie bereits registriert ist. „Wir dürfen uns nicht mehr unter die Neuankömmlinge mischen“, schmunzelt sie.

Der Hintergrund: Alle Ankömmlinge werden in Listen registriert. So soll sichergestellt werden, dass möglichst keiner der 260 Einwohner im geräumten Ortsteil zurückbleibt. „Das Dorf ist so gut wie leer“, erzählt Reichenbach. „Die holen jetzt noch die Letzten, die zu alt sind, um selbstständig zum Treffpunkt zu kommen.“

Danach, so nimmt sie an, soll die Lawine gesprengt werden. Vor einigen Jahren ist an der Zwillingswand, an der Nordseite der Hochplatte, bereits eine Lawine abgegangen. Diese riss Teile des Waldes mit, so dass an dem Hang jetzt nichts mehr den Schnee aufhalten könnte. „Und es scheint ja die Sonne. Da ist die Gefahr groß, dass eine Lawine abgeht“, weiß Reichenbach.

Ein wenig aufgeregt sei sie schon gewesen, gibt die 81-Jährige zu. „Ich hab gemerkt, dass mein Puls raufgegangen ist.“ Von Panik will sie aber nicht sprechen. Die rund 700 Helfer, unter anderem von Feuerwehr und THW, hätten die Räumungsaktion gut organisiert, entsprechend sei das Ganze sehr diszipliniert abgelaufen. Jeder habe dem anderen geholfen.

Von einer „schwierigen Lage“ und einer „Aktion, die man nicht gern macht“ sprach gestern Traunsteins Landrat Siegfried Walch. Er hatte sich per Facebook-Video an die Landkreisbürger gewandt und erklärt, man habe sich für eine Räumung entschieden, weil „Gefahr in Verzug“ sei. Entdeckt worden sei die akute Lawinengefahr – die Schneedecke weist offenbar bereits Risse auf – durch einen Hubschrauber der Bundeswehr.

Reichenbach zeigte sich zunächst optimistisch. Sie geht davon aus, dass sie die Nacht im eigenen Bett verbringen darf: „Und wenn nicht, dann kann man auch mal eine Nacht ohne Zahnbürstl überleben.“

Dieser Optimismus verflog schnell, als am frühen Abend feststand, dass eine Rückkehr nach Raiten vorerst nicht zur Debatte steht. Am Nachmittag hatten die Einsatzkräfte erneut den Ort durchsucht – laut Auskunft der Feuerwehr waren zu diesem Zeitpunkt alle Häuser leer. Die rund 100 Menschen, die zunächst im Unterwössener Feuerwehrhaus Zuflucht gesucht hatten, verbrachten die Nacht in Privathaushalten. Auch Reichenbach: „Ich schlafe bei Freunden.“ Die Sprengung werde am heutigen Donnerstag stattfinden, hieß es gestern.

Sperrungen

Der Masererpass zwischen Oberwössen und Reit im Winkl wurde gestern gesperrt und ist nur für Einsatzkräfte und Ortsansässige passierbar. Auch das Skigebiet Winklmoosalm ist gesperrt. Die Verbindungsstraße zwischen Marquartstein und Schleching, die wegen eines Lawinenabgangs gesperrt werden musste, ist inzwischen wieder freigegeben.

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