Statiker ist das Zünglein an der Waage

von Redaktion

Tag drei nach dem Einsturz des Stallgebäudes an der Chiemgauhalle in Traunstein: Heute nimmt der Statiker seine Arbeit auf. Es geht um diese Fragen: Muss auch der nördliche Gebäudeteil abgerissen werden? War die Schneelast (Mit-)Ursache? Wie geht’s weiter für die Landwirte?

Traunstein – Eine wichtige Maßnahme wurde nach dem Teileinsturz des Stallgebäudes (wir berichteten) zusätzlich getroffen: Auch die Chiemgauhalle, die eine andere Dachkonstruktion hat, wurde gesperrt, zudem weiträumig der Umgriff abgeriegelt. Denn: „Wir wollen Katastrophentourismus vermeiden“, begründet Bernhard Glaßl, Leiter des Baurechtsamtes, gegenüber unserer Zeitung.

Heute kommt

der Statiker

Heute wird der Statiker prüfen, ob entgegen dem ersten Augenschein am Montag, doch zu viel Schneelast auf dem Stalldach lag, eine anfällige Tragekonstruktion die Ursache war oder beides zusammen zum Einsturz, möglicherweise zum Spontaneinsturz, führte. Betroffen war bekanntlich der nördliche Gebäudeteil. Zugleich soll untersucht werden, ob der aus Sicherheitsgründen noch stehende südliche Gebäudebereich abgerissen werden muss. „Es ist immerhin dasselbe Dach“, sagt Glaßl. Zur Klärung der Standsicherheit müssen etwa Verformungen und Spannungen von Wänden, Decken und Stützen berechnet werden.

Die Messungen zur Schneelast-Frage sind auch für Privatleute mit einer einfachen Methode vorzunehmen. Der Amtsleiter erklärt: Ein Regen- oder Kanalrohr senkrecht in die Schneemenge stecken, den „Bohrkern“ herausziehen und ihn wiegen. Dann den Schnee rausziehen und das Gewicht des Rohres allein wiegen. Ergebnis: Gewicht des Schnees. Diesen Wert bei der Flächenberechnung eines Daches heranziehen.

Nach dem schlimmen Unglück in Bad Reichenhall – dort war 2006 eine Eishalle eingestürzt – wurden auch in Traunstein alle Dächer untersucht. Zu diesem Zeitpunkt waren circa 160 Kilo pro Quadratmeter Schneelast „erlaubt“. Nach Bad Reichenhall mussten neu erbaute Gebäude 250 Kilo pro Quadratmeter Schneelast aushalten. Zudem sind Städte und Gemeinden in verschiedene Schneelastzonen eingeteilt. „Traunstein ist in der Kategorie 3“, sagt Glaßl (auf einer Skala von 1 bis 3). Wobei die einzelnen Kategorien nochmals unterteilt sind, etwa bei Gebäuden im Tal oder in Höhenlagen.

Vertreter der Stadt Traunstein und des Rinderzuchtverbandes als Eigentümer des Gebäudekomplexes werden sich heute zusammensetzen, um über das weitere Prozedere zu entscheiden. Zur Vorbereitung dafür hatte sich gestern der Verbandsbeirat beraten – 13 Landwirte aus der Region. Das ist der Raum Berchtesgaden, Traunstein, Rosenheim und die Chiemseegemeinden. Der Verband vertritt etwa 1100 Mitglieder. Viele Anrufe aufgrund des Dacheinsturzes verzeichnete der Verband am Montag nicht. Die drängendste Frage war laut Dr. Rudolf Maierhofer, stellvertretender Zuchtleiter: „Wie geht es für uns weiter?“ Der Verband wird bis auf Weiteres seine Veranstaltungen in Miesbach abhalten. Das gilt sowohl für den heutigen Kälbermarkt (wir berichteten) als auch für den Großviehmarkt für Kühe mit Versteigerung am Donnerstag, 14. Februar. Der Ablauf auch für alle weiteren Unternehmungen ist gleich: Wer will, kann mit seinen Tieren direkt nach Miesbach fahren oder wie bisher nach Traunstein. Auf dem Sammelplatz stehen zwei Großraumtransporter für je 200 Tiere bereit, die dann nach Miesbach transportiert werden.

Schadensschätzung: 600000 Euro

Inwieweit die Versicherung des Rinderzuchtverbandes in diesen Schadensfall greift, ist ebenfalls zu klären. Erste Schätzungen beliefen sich auf eine Summe von 600000 Euro. Die Erweiterungspläne des Verbandes für das Stallgebäude sind erst einmal hinfällig. Laut Maierhofer war vorgesehen, die „Außenhülle“ des Gebäudes stehen zu lassen und innen zu erneuern, zudem sollte die Abladung außen überdacht werden.

Alle Entscheidungen und Folgemaßnahmen hängen nun von der Analyse des Statikers ab. Mit einem Ergebnis ist laut Glaßl aber in dieser Woche nicht zu rechnen.

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