Bad Aibling – Die Erinnerung an die Verbrechen des Nationalsozialismus und der Kampf für Demokratie, Freiheit und Menschlichkeit gehören für sie untrennbar zusammen. Dafür tritt Charlotte Knobloch (86), Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, unermüdlich ein – auch bei dem Zeitzeugengespräch im Rahmen der Max-Mannheimer-Kulturtage am kommenden Mittwoch (siehe Kasten) im Aiblinger Kurhaus.
Frau Knobloch, was ist Ihr wichtigstes Anliegen, das Sie in dem Zeitzeugengespräch in Bad Aibling vermitteln wollen?
Ich möchte den Gedanken weitertragen, der schon dem seligen Max Mannheimer selbst so am Herzen lag: Die Verantwortung, gegen das Vergessen einzutreten, haben wir alle. Die wenigen Zeitzeugen können darauf mit besonderer Dringlichkeit verweisen, doch wir stehen alle gemeinsam in der Pflicht, die Erinnerung wach zu halten und damit zu verhindern, dass die Gräuel der Vergangenheit sich in Gegenwart und Zukunft wiederholen.
Welche Fragen werden Ihnen als Zeitzeugin am häufigsten gestellt?
Natürlich werde ich häufig gebeten zu erzählen, wie ich damals überleben konnte. Aber auch mein Umgang mit den Bedrohungen und Beschimpfungen, die ich immer wieder erhalte, interessiert die Leute. Zuletzt wurde ich auch immer wieder nach der Zukunft jüdischen Lebens in Deutschland gefragt. Dass wir diese Frage heute leider wieder ganz aktuell besprechen müssen, besorgt mich sehr.
Wie erklären Sie jungen Menschen, die vielleicht wenig Bezug zu diesem schrecklichen Kapitel der deutschen Geschichte haben, warum es – gerade auch in der heutigen Zeit – so wichtig ist, die Erinnerung zu bewahren?
Meine Erfahrung der letzten Jahre ist, dass man vielen jungen Leuten diese Wichtigkeit gar nicht mehr so oft erklären muss wie früher. In Schulgesprächen erlebe ich die Schüler heute wesentlich neugieriger und besser vorbereitet als noch vor fünf oder zehn Jahren. Zugleich bleibt meine Botschaft dieselbe: Wer die Vergangenheit vergessen will, der baut keine bessere Zukunft. Wir erinnern schließlich nicht zum Selbstzweck, sondern um der Opfer von damals zu gedenken und um sicherzustellen, dass, was geschehen ist, sich niemals wiederholen kann. Insofern ist die Gedenkkultur eine wichtige Säule unserer Demokratie.
Die Zeit der Zeitzeugen geht langsam zu Ende. Welche neuen Wege kann man künftig gehen, um die Erinnerung wach zu halten?
Entscheidend ist aus meiner Sicht, dass die nachfolgenden Generationen einen persönlichen Bezug zur Geschichte herstellen können. Von Angesicht zu Angesicht mit einem Zeitzeugen, der aus seinem eigenen Leben berichten kann, geht das am leichtesten, doch ist dies grundsätzlich auch auf andere Weise möglich. Die Orte des Geschehens, Bücher und Filme werden in Zukunft sprechen müssen, wo die Zeitzeugen schweigen.
Sie sagen, Widerstände spornen Sie an. Welches sind jetzt im Moment die größten Widerstände, denen Sie begegnen? Auch vor dem Hintergrund der Ereignisse jüngst bei Ihrer Rede im Bayerischen Landtag?
Nicht erst seit meiner Rede im Landtag werde ich von Anhängern der AfD hart attackiert. Ich habe seit meiner Rückkehr nach München 1945 mit vielen Widerständen zu kämpfen gehabt, doch das ist heute eindeutig der heftigste. Die Anwürfe gehen dabei häufig auch unter die Gürtellinie und sind erkennbar von blinder Wut und Hass geprägt. Immer wieder werde ich von den Verteidigern einer Partei, die sich als Vorkämpferin gegen Judenhass inszeniert, auch antisemitisch beleidigt.
Welchen Weg haben Sie für sich gefunden, mit solchen Anwürfen umzugehen?
Ich kenne das Phänomen leider schon länger und bin an diese Situation bereits gewöhnt. Meine Mitarbeiter versuchen auch mitunter, mich vor besonders aggressiven Zuschriften zu schützen. In jedem Fall ist es aber tröstlich zu wissen, dass diese Hassbotschaften nicht repräsentativ sind. Auch in den letzten Wochen kamen glücklicherweise viele positive und aufbauende Briefe und E-Mails an, die mir den Rücken gestärkt haben. Das macht mir Mut.
Was hat Sie in der jüngeren Vergangenheit am meisten im positiven Sinn bewegt? Und was – neben dem Vorfall im Landtag – am meisten persönlich getroffen?
Getroffen bin ich wie gesagt vor allem, weil das jüdische Leben in Deutschland heute wieder infrage gestellt wird. Das dürfen wir nicht zulassen. Denn auch wenn dies schon über zehn Jahre her ist: Die positivste Entwicklung für mich ist bis heute die Rückkehr des jüdischen Lebens ins Herz der Stadt, in die Sichtbarkeit, in die Normalität. Wenn ich sehe, dass das jüdische Zentrum am St.-Jakobs-Platz von allen Münchnern so gut angenommen wird, geht mir jeden Tag wieder das Herz auf. Daneben gibt es auch innerhalb unserer Gemeinde große Errungenschaften, auf die wir sehr stolz sind, zum Beispiel unser 2016 gegründetes jüdisches Gymnasium.
Im Rahmen der Kulturtage wird es auch einen Vortrag zum Thema Stolpersteine geben. Sie sprechen sich gegen diese Form des „Gedenkens“ aus. Was stört Sie daran am meisten?
Nicht alles an den Stolpersteinen stört mich per se. Die Idee des dezentralen Erinnerns halte ich zum Beispiel für wichtig und richtig, aber für mich steht dabei ein würdiges Gedenken im Mittelpunkt, das den Opfern im wahrsten Sinne des Wortes auf Augenhöhe begegnet. Das kann ein Stein im Pflaster des Trottoirs, über den man oft achtlos hinweggeht, einfach nicht leisten. Ich bin deswegen sehr froh über den Beschluss der Landeshauptstadt München, mit den „Erinnerungszeichen“ (Stelen und Tafeln, die an die rund 10000 Münchner Männer, Frauen und Kinder erinnern, die zwischen 1933 und 1945 von den Nazis ermordet wurden, Anm. d. Red.) einen eigenen, besseren Weg zu gehen. Interview: Eva Lagler