Die Nummer für den Notfall

von Redaktion

Wer in der Stadt Rosenheim, im Landkreis Rosenheim oder im Kreis Miesbach die 112 wählt, landet mit seinem Anruf in der integrierten Leitstelle (ILS) in Rosenheim. Der heutige europäische Tag des Notrufs soll die Menschen an die wichtige, europaweite Nummer erinnern.

Rosenheim – Ein Gong schallt durch die integrierte Leitstelle. Notruf. Per Tastendruck wird das Gespräch angenommen. Ein rotes Licht leuchtet. „Hier ist der Notruf für Feuerwehr und Rettungsdienst“, meldet sich der Disponent. Vor ihm stehen fünf Bildschirme mit vielen bunten Fenstern. Autounfall in Wasserburg.

Aufgrund der gemeldeten Schadenslage legt der Disponent ein Schlagwort im Einsatzleitsystem fest. Das Computerprogramm liefert Informationen. Auf einem Bildschirm wird angezeigt, welche Notarztwagen sich in der Nähe des Unfallortes befinden. Auf einem Weiteren wird angezeigt, welche Alarmkette ausgelöst werden muss. Innerhalb von wenigen Minuten ist ein Krankentransport unterwegs.

Eine Frau klagt über Atembeschwerden

Kaum wird der Anruf beendet, gibt es schon wieder einen Gong – der nächste Einsatz. Eine Frau klagt über Atembeschwerden. Mit ruhiger Stimme erkundigt sich der Disponent nach dem Standort der Frau und, in welcher Etage sie wohnt. Einige Mausklicke später, ist der entsprechende Alarm ausgelöst. Das rote Licht erlöscht. Der rechte Bildschirm registriert den 65. Anruf. Es ist 9.48 Uhr. An einer Wand hängt eine Lärmampel. Momentan ist die Ampel grün. Stille. Dann der nächste Gong. „Am Tag bekommen wir im Durchschnitt 300 Anrufe“, sagt Stefan Ertl (38), Leiter der integrierten Leitstelle.

Je nach Tageszeit sitzen vier bis sechs Disponenten an ihren „Einsatzleitplätzen“. Sie alarmieren und koordinieren die notwendigen Einsatzkräfte. Bei besonderen Einsatzlagen wie Unwetter, Schneekatastrophen und Hochwasser nehmen sogar bis zu 13 Disponenten die Notrufe entgegen. Wer ans Telefon geht, ist vom Fach: Die Disponenten sind Rettungsassistenten oder Gruppenführer der Feuerwehr. Viele machen beides. Voraussetzung ist ein Disponentenlehrgang. „Die Ausbildung dauert etwa zwei Jahre“, sagt Ertl. Er selbst war 14 Jahre bei der Flughafenfeuerwehr tätig, bevor es den Raublinger zurück in die Heimat zog. Statt Flughafenfeuerwehr Frankfurt heißt es jetzt integrierte Leitstelle Rosenheim – eine von 26 in Bayern.

In die Leitstelle laufen alle nicht polizeilichen Notrufe aus den Landkreisen Rosenheim sowie Miesbach und Rosenheim Stadt ein. 2343 Quadratkilometer Einzugsgebiet. 430000 Einwohner. Jährlich rund 80000 Notfälle. „Vom Schnupfen bis zum schweren Unfall ist alles dabei“, so Leitstellenleiter Ertl.

Die 54 Mitarbeiter stufen die Notfälle ein und geben sie an die entsprechenden Rettungs- und Einsatzkräfte weiter. Eine Riesenverantwortung. „Wir haben teilweise nur wenige Sekunden um eine Entscheidung zu treffen“, erklärt der Leiter.

Reanimationen per Telefonanweisung

Zu dieser Verantwortung gehört inzwischen auch die Telefonreanimation. Mit einem einzigen Knopfdruck wird ein Programm mit standardisierten, genau vorgegebenen Anweisungen aufgerufen. Diese sind so präzise, dass auch Laien Minuten nach ihrem Notruf mit einer Herzdruckmassage beginnen können.

Ertl ist von dem Programm überzeugt: „Wir hatten schon Fünfjährige, die ihre Eltern wiederbelebt haben.“ Das Besondere: Die Disponenten bleiben am Telefon bis die Einsatzkräfte vor Ort eintreffen. „Solche Anrufe gehen an den Mitarbeitern natürlich nicht spurlos vorbei“, sagt Ertl und fügt hinzu: „Wir führen oft Gespräche und passen einfach aufeinander auf.“

Übrigens: Bevor die Leitstelle selbst in Not gerät, müsste viel passieren. „Wir haben drei Sicherheitsebenen. Notstrom, Nottelefone und sogar eine Notleitstelle. An der Wand hängen Karten, im rechten Teil des Raums steht eine Magnettafel mit allen Feuerwehren im Landkreis. Selbst bei einem kompletten Computerausfall wüssten sich die Disponenten zu helfen. „Quasi ein Gürtel mit Hosenträgern“, scherzt der 38-Jährige.

Seit dem vergangenen Jahr kann die ILS Rosenheim auch automatische Notrufe aus Fahrzeugen entgegennehmen, die sogenannten „ECalls“. Bei Autounfällen werden somit nicht nur der Standort, sondern auch Daten wie Antriebstechnik und die Anzahl der geschlossenen Gurte übermittelt. „Der Disponent erkennt dadurch beispielsweise, ob die Insassen das Fahrzeug nach dem Unfall eigenständig verlassen können“, erklärt Ertl.

Der Lärmpegel in der Leitstelle nimmt wieder zu. Alle Disponenten sind im Einsatz. Die Ampel springt von Gelb auf Rot. Es ist viel zu tun – und jeder Telefonkontakt kann Leben retten.

Im Notfall anrufen

Das oberste Gebot lautet: Ruhe bewahren und sich orientieren, woher die Signale kommen, in welche Richtung sie sich bewegen und wie viele Fahrzeuge im Einsatz sind.
Verhaltensregeln:

1. Blinker setzen und Ausweichrichtung anzeigen, auf Verkehrsteilnehmer wie Fußgänger oder Radfahrer achten. Zeigt eine Ampel Rotlicht, sollte man immer nach rechts ausweichen und gegebenenfalls vorsichtig die Haltelinie überqueren.

2. Rechts ran oder Rettungsgasse. Auf einspurigen Straßen sollten Autofahrer das Tempo drosseln und rechts an den Fahrbahnrand ausweichen. Auf mehrspurigen Straßen muss eine Rettungsgasse gebildet werden, immer zwischen dem linken und den übrigen Fahrstreifen. Bei Verstößen droht ein Bußgeld.

3. Einsatzwagen haben Wegerecht, heißt andere Verkehrsteilnehmer müssen sofort freie Bahn schaffen. Auch Fußgänger und Radfahrer müssen Einsatzfahrzeuge unbedingt passieren lassen.

Richtig reagieren bei Blaulicht

Polizei: 110
Rettungsdienst und Feuerwehr: 112, für akute, möglicherweise lebensbedrohliche Notfälle
Ärztlicher Bereitschaftsdienst: 116117, für dringende, aber nicht lebensbedrohliche Situationen
Giftnotrufzentrale: 089/19240
Welche Angaben müssen gemacht werden: Wo ist es geschehen? Was ist geschehen? Wie viele Personen sind betroffen? Welcher Notfall liegt vor? Warten auf Rückfragen!

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