Rosenheim – Der historische Stadtkalender „Bilder aus Alt-Rosenheim“ setzt jeden Monat eine historische Aufnahme in einen geschichtlichen Zusammenhang und gehört damit seit Jahren zu den beliebtesten Veröffentlichungen zur Stadtgeschichte von Rosenheim. Das November-Blatt des Kalenders 2019 zeigt die Villa Rais in der Hohenzollern-straße um 1912.
Entwurfswettbewerb
für Einfamilienhäuser
Der vielseitige Brannenburger Unternehmer Otto von Steinbeis war nicht nur als Holzhändler, Gründer von Fabriken und Erbauer der Zahnradbahn auf den Wendelstein bekannt, er betätigte sich auch im Baugewerbe. In München betrieb er mit den bekannten Architektenbrüdern Gabriel und Emanuel von Seidl die Baufirma „Seidl & Steinbeis“ und 1903 lobte er einen Wettbewerb für den Entwurf von Einfamilienhäusern in der Tradition des „Inntaler Landhauses“ aus.
In Rosenheim erwarb Steinbeis 1910 ein Grundstück auf der Haustätter Höhe am nördlichen Stadtrand, um hier eine Villenkolonie mit rund 30 Häusern entstehen zu lassen. Aus heute nicht mehr bekannten Gründen kam das Projekt nicht zustande, immerhin zwei Grundstücksparzellen wurden jedoch bis 1911 nach Plänen des mit Steinbeis in Verbindungen stehenden Münchner Architekten Otto Heinrich Riemerschmid bebaut. Dieser war ein Cousin des bekannten Jugendstilarchitekten Richard Riemerschmid und hatte sich unter anderem als Schöpfer mehrerer Chiemsee-Villen einen Namen gemacht.
Beide von Otto Heinrich Riemerschmid entworfenen Villen auf der Haustätter Höhe sind heute erhalten. Das Haus Lessingstraße 2 wurde zunächst im Auftrag der Firma „Otto Steinbeis & Co.“ erbaut und später an Karl Jahlin verkauft, einen im Ruhestand lebenden Apotheker, der mit der Tochter eines hochrangigen Steinbeis-Mitarbeiters verheiratet war. Die weiter nördlich gelegene Villa mit der heutigen Anschrift Hohenzollernstraße 7 ist auf dem Kalenderblatt abgebildet. Sie wurde im Auftrag Karl Rais, dem Direktor der Maschinenfabrik „Stumbeck“, errichtet. Rais wurde 1849 in Augsburg geboren und war als Ingenieur in verschiedenen Fabriken tätig, bevor er 1877 nach Rosenheim kam. Bis 1918 führte er die Maschinenfabrik „Stumbeck“, wobei er das Unternehmen vor allem durch die Produktion von kompletten Brauereianlagen zu großer Blüte brachte.
Geschätzt wegen
seines Humors
Auch im Ruhestand unterstützte er seinen Sohn Karl junior während der wirtschaftlich unruhigen 20er-Jahre in der Leitung des Betriebs. In der Stadt Rosenheim gehörte Rais zu den führenden Persönlichkeiten der Zeit um 1900. Er galt als gerechter Fabrikdirektor und war nicht zuletzt wegen seines Humors in breiten Kreisen geschätzt. 1933 starb er im Alter von 84 Jahren, ein Jahr nachdem die Stumbeck‘sche Maschinenfabrik von der benachbarten Firma Beilhack übernommen worden war.
Die Fotografie dürfte kurz nach der Fertigstellung der Villa entstanden sein und zeigt sie mit dem charakteristischen, halbrunden Mittelrisalit und dem seitlichen Anbau mit dem Treppenhaus. An den Fahnenmasten sind die Schwarz-Weiß-Rote Flagge des Deutschen Kaiserreichs und die Weiß-Blaue des Königreichs Bayern aufgezogen.