Rosenheim – Und plötzlich ist alles anders: Störungen im Kurz- und Langzeitgedächtnis, Konzentrationsstörungen, Motivationsstörungen, Sehstörungen oder Sprachstörungen. Die Folgen einer Hirnverletzung sind vielfältig, weiß auch Claudia Kleindorfer. Die 52-Jährige arbeitet, seit 2015, in der Beratungsstelle für Menschen mit einer erworbenen Hirnschädigung und ist zuständig für die Landkreise Traunstein, Berchtesgadener Land, Altötting, Mühldorf und Rosenheim. Träger der „Netzwerk 18-Beratungsstelle“ ist die Stiftung Ecksberg, eine kirchliche Stiftung öffentlichen Rechts, mit Sitz in Mühldorf.
Einmal im Monat ist Kleindorfer im Generationscafé der Arbeiterwohlfahrt in Rosenheim und leiht den Patienten und deren Angehörigen ein offenes Ohr. „Zuhören ist unheimlich wichtig“, erklärt sie. Erstberatungen laufen deshalb ohne eine Zeitbegrenzung ab. Einige dauern nur wenige Minuten, andere bis zu zwei Stunden. „Viele Betroffene wissen überhaupt nicht, was sie brauchen“, sagt die 52-Jährige. Sie hat es sich zur Aufgabe gemacht, genau das herauszufinden. Egal ob Reha-Antrag, Tipps zur Urlaubsplanung, Entlastung zu Hause oder Hilfe beim Kontakteknüpfen – Kleindorfer hat für alle Probleme die passende Lösung.
Die 52-Jährige bietet auch Hausbesuche an. Der Grund: Viele Betroffene seien nach ihrer Hirnschädigung nicht mehr in der Lage Auto zu fahren. Neben den Hausbesuchen, Sprechstunden und mobilen Beratungen, begleitet Kleindorfer die Patienten auch zu Arztterminen oder zum Arbeitsamt. „Die Betroffenen sehen normal aus. Deshalb sind die Schwierigkeiten für das Umfeld oft schwer zu verstehen“, sagt sie und fügt hinzu: „Viele Betroffene sind beispielsweise weinerlich, aggressiv und ungeduldig.“
Aber auch Angehörige sind oftmals mit der Situation überfordert. „Viele holen sich erst viel zu spät Hilfe“, weiß die Heilerzieherin. Sie rät den Angehörigen, die Arbeit auf mehrere Köpfe zu verteilen. Das Hauptproblem sei aber nach wie vor die Sehnsucht nach Normalität. Nicht nur bei den Angehörigen. „Die Betroffenen wissen, wie es ist, ein normales Leben zu führen“, sagt Kleindorfer. Diese Leben zurückzubekommen sei in den meisten Fällen unmöglich. Zu groß sind die gesundheitlichen Einschränkungen. Für ein Stück Normalität bietet die Beratungsstelle Arbeit in einer Behindertenwerkstatt an. Ein Schritt, der für viele Betroffene schwierig ist, da sie ja nur das selbstständige Arbeiten kennen. Das wäre in den meisten Fällen aber einfach nicht mehr möglich.
Für Claudia Kleindorfer ist die Arbeit eine Herzenssache. Das Besondere: Sie kann sich in die Schicksale der Betroffenen hineinversetzen. „Ich möchte einfach helfen. Ich empfinde unheimlich viel Respekt und Wertschätzung für die einzelnen Personen“, sagt sie.