Rosenheim/Aschau – Veronika (23) wird mitten in der Nacht im dichten Schneetreiben von einem Auto erfasst und getötet. Der mutmaßliche Fahrer (27) will den Unfall nicht bemerkt haben. Ist das möglich? Sieben Wochen nach dem tragischen Unfalltod der jungen Frau bei Aschau gibt es auf diese Frage immer noch keine Antwort.
Doch die Ermittlungen, so versichert Oberstaatsanwalt Gunther Scharbert im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen, laufen weiter auf Hochtouren – und dürften nun in die entscheidende Phase kommen. Scharbert: „Es laufen mehrere Gutachten. Jetzt gilt es, die Ergebnisse und einzelnen Puzzle-Teile zusammenzufügen.“
Auch wenn der tatverdächtige Aschauer schnell wieder aus der Untersuchungshaft freigelassen wurde, heißt das noch lange nicht, dass er aus dem Schneider ist.
Die Untersuchungen am mutmaßlichen Tatfahrzeug, einem weißen VW Golf mit Traunsteiner Kennzeichen, sind abgeschlossen – die Zuordnung der Spuren allerdings noch nicht. Das heißt: Die Spezialisten der Rosenheimer Kripo haben zahlreichen DNA-, Mikro- und Faserspuren am Wagen gesichert. Das Material wurde an mehrere Labors geschickt, die sich zum Teil im Ausland befinden. Nun muss alles noch zusammengeführt werden.
Ziergitter stammt
von dem VW Golf
Der Knackpunkt dabei: Falls es Spuren am Frontbereich des Wagens gibt, die zweifelsfrei dem Opfer zugeordnet werden können, wäre das ein möglicherweise entscheidendes Glied in der Beweiskette. Denn noch können die Ermittler nicht zweifelsfrei belegen, dass der VW Golf der Unfallwagen ist.
Doch eins ist klar: Das Ziergitter, das in der Unglücksnacht am Tatort zurückblieb, stammt zweifelsfrei von dem VW Golf, an dessen Steuer der 27-Jährige saß. Das haben Gutachter festgestellt, die das Plastiksteckteil für die linke Frontseite, das am mutmaßlichen Unfallwagen fehlte, genau untersucht haben. Das Ergebnis: Nicht nur der Typ passt zum Wagen, auch die Beschaffenheit des Kunststoffgitters (zum Beispiel kleine Kratzer und Abnutzungen im Lack) deckt sich mit dem Zustand der Karosserie des Wagens.
Abgesehen davon ist es den Fahndern der Ermittlungsgruppe „Schneefall“ gelungen, das Zeitfenster, in dem das Teil verloren gegangen sein muss, auf ein Minimum zu reduzieren. In der Unfallnacht schneite es heftig. Das Gitter wurde nicht unter dem Schnee gefunden, sondern darauf. Wertet man die Fahrtenbücher der Schneepflüge und die Aufzeichnung verschiedener Videokameras aus, bleibt nicht viel Spielraum.
Mit der Frage, ob ein Auto einen Menschen erfassen kann, ohne dass es der Fahrer bemerkt, hat sich die Rosenheimer Polizei übrigens schon einmal beschäftigt. Der Fall sorgte 2002 für großen Wirbel. Letztlich wurde der Student am Steuer des Wagens zu einer Bewährungsstrafe verurteilt – wegen „Gleichgültigkeit“ (siehe unten).
Im aktuellen Fall scheinen den Ermittlern die Angaben der Zeugen beim Zusammenfügen des Puzzles nicht viel weiterzuhelfen. Veronikas Begleiter wurde vor kurzem „nachvernommen“, wie es im Ermittler-Jargon heißt. Neue Erkenntnisse brachte das nicht. Der Wagen kam von hinten, als der Zeuge mit der 23-Jährigen gegen 3.45 Uhr zu Fuß nach Hause ging – er auf dem Gehweg, Veronika am rechten Straßenrand, etwa zwei Meter links von ihm, auf der anderen Seite des Grünstreifens zwischen Fußweg und Fahrbahn, auf dem sich der Schnee türmte.
Auch die drei Insassen im weißen VW Golf bleiben bei ihrer Aussage. Sie hätten nichts gesehen, weder einen Unfall noch einen Aufprall bemerkt, gaben der 27-jährige Beschuldigte am Steuer, sein 22-jähriger Mitfahrer und eine 23-jährige Frau an. Alle drei hatten zuvor die Diskothek Eiskeller besucht, ebenso wie das spätere Unfallopfer und der Zeuge. Der Wagen ist auf den Vater der 23-Jährigen zugelassen. Ob sich der Fahrer angetrunken ans Steuer gesetzt hat, ist nach wie vor Gegenstand der Ermittlungen. Hierzu gibt es wohl unterschiedliche Angaben.