Zurück ins Leben gekämpft

von Redaktion

Wachkoma oder Pflegefall: Das waren die niederschmetternden Prognosen, mit denen die Familie von Bene Engl- mann aus Eiselfing nach seinem Motorradunfall am 14. April 2018 konfrontiert wurde. Doch der junge Mann kämpfte sich zurück ins Leben.

Amerang/Eiselfing/Wasserburg – Sechs Brustwirbel, linker Oberschenkel, eine Rippe und linkes Schienbein gebrochen, linker Mittelfuß zertrümmert, Kreuzband und Sehne gerissen, Hirnblutungen vorne und hinten: Zwei Din-A4-Seiten lang ist der Unfallbericht über die Verletzungen, die Bene Englmann nach seinem Motorradunfall bei Frasdorf erleidet. Es ist die erste Tour des Jahres 2018, die er mit seinen Kumpels unternimmt. Bene fährt ganz vorne in der Gruppe, als ein Autofahrer beim Abbiegen auf seine Fahrbahn gerät. Der Eiselfinger wird frontal erfasst, fliegt 40 Meter durch die Luft und prallt mit voller Wucht gegen ein Verkehrsschild. Es folgten fünf Wochen künstliches Koma, monatelange Klinikaufenthalte, sechs Operationen, Rehaaufenthalte und Therapien.

Durchtrainiert

und athletisch

Heute ist dem 24-Jährigen die Leidensgeschichte, durch die er im vergangenen Jahr gegangen ist, nicht mehr anzumerken. Er sieht blendend aus – groß, durchtrainiert, athletisch. Nur ein leichtes Humpeln ist zu sehen, ein kleines Taubheitsgefühl in der linken Fußsohle ist noch da, ein langer Metallstift steckt nach wie vor im Bein.

Ohne Zögern erzählt Bene mit fester Stimme, wie er es zurück in ein eigenständiges Leben geschafft hat. Auf dem Handy hat er diese Geschichte in Bildercollagen zusammengefasst. „Das erste Mal“, ist der Satz, den der heute in Amerang lebenden gebürtigen Eiselfinger dabei immer wieder sagt. „Das erste Mal wieder auf eigenen Beinen stehen. Das erste Mal duschen. Das erste Mal mit den Freunden ein Bier trinken. Das erste Mal in den Klinikgarten an die frische Luft. Das erste Mal für ein paar Stunden daheim sein. Das erste Mal die Krankenhauskost gegen ein Mc-Donalds-Menue austauschen. Der erste Ausflug mit der Freundin. Der erste Besuch auf Krücken bei den Kumpels.“

Dass es überhaupt so viele erste Male wieder geben würde, damit war nicht zu rechnen gewesen. Denn ein Bein war nach dem Unfall so stark angeschwollen, dass eine Amputation drohte. Die Hirnblutungen hatten einen solch großen Druck auf seinen Kopf ausgeübt, dass die Schädeldecke geöffnet werden musste. Ein Stück so groß wie eine Handfläche wurde entfernt, der Schädel fiel danach in sich zusammen – und zeigte eine deutlich sichtbare Delle.

Der Fuß wurde gerettet, der Kopf mit einer 3D-Hartplastik ergänzt – ein Implantat, das mit 47 Klammern an der Schädeldecke fixiert wurde. Auch die Knochen wuchsen wieder zusammen. Der verhasste Rollstuhl wich Krücken, die wenige Monate später ebenfalls ausgedient hatten. „Das Wunder von Traunstein“, nennen Ärzte, Pflegepersonal und Therapeuten Benes Genesung, als er im Juli in die ambulante Reha entlassen wird. „So wie ich hier sitze, habe ich 600000 Euro gekostet“, sagt der junge Mann grinsend.

Die größten Hürden waren für ihn jedoch nicht die Operationen und Therapien, sondern der Besuch beim Amtsarzt. Denn ihn galt es im Oktober zu überzeugen, dass Bene es zurückschafft in den Polizeidienst. „Meine größte Angst im vergangenen Jahr war, dass ich nicht wieder arbeiten darf. Wenn das passiert wäre, wäre ich durchgedreht. Denn ich bin mit großer Leidenschaft Polizist, am liebsten unterwegs. Ich bin halt kein Typ für den Innendienst“, sagt er.

Die Angst erwies sich als unbegründet: Bene ist zurück auf den Straßen von Wasserburg – als Polizeimeister trägt er wieder die blaue Uniform und strahlt im letzten Bild seiner Whatsap-Collage stolz mit einem Kollegen in die Kamera.

Wie er es geschafft hat, allen Prognosen zum Trotz, warum er nie aufgegeben hat, obwohl es immer wieder niederschmetternde Diagnosen und Rückschläge gab? Bene ist überzeugt, der Rückhalt seiner Familie, seiner Freundin und seiner Kumpels hat ihn durch die schweren Monate getragen. Und sein Wille: „Ich bin einfach keiner, der aufgibt. Und ich wollte wieder zurück in mein ganz normales Leben.“

Wunsch nach Selbstständigkeit

Und das war schon kurz nach dem Abitur von dem Wunsch nach Selbstständigkeit geprägt. Er zog mit 21 daheim aus, managte seinen Alltag alleine, reiste viel, vor allem mit dem Motorrad. Abhängig sein von anderen, das ist ihm ein Gräuel. Deshalb waren es nicht die Schmerzen, die ihm als Schlimmstes in Erinnerung geblieben sind, sondern die Tatsache, dass er sich lange nicht alleine waschen konnte, dass er nicht Auto fahren durfte, dass er in vielen alltäglichen Handlungen auf Hilfe angewiesen war. Und vieles erst wieder erlernen musste: das Stehen, das Gehen, aber auch das Erinnern, denn fünf Wochen Koma hatten Spuren hinterlassen. In seinem Gedächtnis fehlt bis heute ein halbes Jahr, die Erinnerung springt erst im Juni 2018 wieder an. Bene besuchte drei Rehagruppen, um sein Gedächtnis wieder zu trainieren – mit Erfolg, wie sich während der Wiedereingliederungsphase bei der Polizeiinspektion Wasserburg zeigte.

Wenn er in der Innstadt auf Streife unterwegs ist, grüßt ihn fast jeder. Mittlerweile gibt es auch keine mitleidigen Blicke mehr. Vor allem vor seinem Schädelwiederaufbau, als der Kopf so deutlich sichtbar seine Asymmetrie zeigte, wurde er oft angestarrt. Dann hat er häufig wütend reagiert. „Ich habe kein Dach mehr, aber noch Hirn“, entgegnete er oft. „Ich hab’ halt ne große Klappe, die hat mir oft geholfen, mich gegen diskriminierende Blicke zu wehren.“

Kumpel Alex überlebt den Unfall nicht

In den langen Monaten im Krankenbett hat er außerdem viel geweint, gibt er offen zu. In ein großes Tief rutschte er, als er im Sommer erfuhr, dass sein Kumpel Alex, der hinter ihm gefahren war, den Unfall nicht überlebt hatte. Auch die Tatsache, dass seine Mutter, sein Bruder und seine Freundin so mit ihm mitgelitten und so viele Stunden an seinem Krankenbett verbracht haben, hat Bene sehr beschäftigt. Sein Bruder verschob sogar seine Hochzeit – solange bis Bene als Trauzeuge im November seine Aufgabe ohne Krücken wahrnehmen konnte. „Sie alle haben so viel für mich getan, das kann ich mein Lebtag nicht zurückgeben“, sagt er nachdenklich. Auch deshalb hat er nie aufgegeben – um der Familie weiteren Kummer zu ersparen. Denn sie hat 2011 Benes kleinen Bruder bei einem Unfall verloren. „Der Corbi hat im Himmel auf dich aufgepasst“, so habe sich seine Mutter immer seine Genesung erklärt, erzählt Bene.

Er selber hat das Erlebte gut weggesteckt, will sogar den Unfallort besuchen. Doch die Kumpels sagen, Bene sei introvertierter und ruhiger geworden. „Ich habe viel Leid gesehen im Krankenhaus. Ich kenne Patienten, denen es ergangen ist wie mir, die jedoch Schwerstpflegefälle geblieben sind. Deshalb stimmt das mit dem Wunder. Und das macht mich demütig.“

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