Liebeserklärung an das Automobil

von Redaktion

Eine Million Jahre ging der Mensch zu Fuß, erst seit 133 Jahren fährt er Auto – eine Jahrhunderterfindung, die die Menschheit verändert hat und der sich die neue Ausstellung „mobile Zeiten“ in Amerang widmet. Im Beisein von 260 Gästen wurde sie jetzt eröffnet.

Amerang – Unternehmer Ernst Freiberger bot seinen Gästen eine einmalige Atmosphäre: ein festliches Abendessen, Musik, Gespräche und Diskussionen – eingerahmt von 70 auf Hochglanz polierten Klassikern der deutschen Automobilgeschichte, vom Patentwagen, mit dem 1888 Bertha Benz die erste Fahrt unternahm, bis zum autonom fahrenden Forschungswagen, vom Goggomobil bis zum Star der Sportwagen, dem Porsche 911.

Sammlung aus

250 Klassikern

1987 hat diese Ausstellung ihren Anfang genommen. Die Mutter von Ernst Freiberger schenkte seinem Vater zum 60. Geburtstag einen Mercedes 540 K und weckte damit die Sammelleidenschaft des Unternehmers, „ein Visionär des Wirtschaftswunders“, wie ihn der Sohn nennt. Innerhalb von drei Jahren trug Freiberger die Sammlung mit heute 250 Klassikern zusammen – und eröffnete 1990 das Automuseum Amerang. Nach 16 Monaten Umbau und Neukonzeption sowie Investitionen von fünf Millionen Euro wird die Ausstellung der Ernst-Freiberger-Stiftung „EFA – mobile Zeiten“, wie berichtet, am Freitag, 1. März, wieder für die Öffentlichkeit geöffnet.

Zur rechten Zeit, findet Freiberger. „Wir befinden uns in einer ähnlich epochalen Wende wie Ende des 19. Jahrhunderts, als das Auto erfunden wurde“, ist er angesichts der Debatten um die Zukunft des Automobils überzeugt. Vor 133 Jahren löste der Verbrennungsmotor das Pferd ab. Derzeit stehe die Frage im Raum, wann der Mensch vom Lenkrad verbannt werde, so Freiberger.

2025 könnte es soweit sein, prognostizierte Professor Dr. Wolfgang Reitzle. Der Aufsichtsratsvorsitzende der Linde AG und der Medical Park AG (Letztere ist Teil der Unternehmensgruppe der Familie Freiberger) hat seine berufliche Laufbahn als Forschungschef bei BMW begonnen. Im Gespräch mit Norbert Haug, 22 Jahre lang Motorsportchef bei Mercedes, warb Reitzle für ein Ende der „selbstzerstörerischen“ Debatte um die Automobilindustrie. Sie stehe derzeit im Fokus eines „ideologischen Feldzugs“. Rund um den Diesel sei betrogen worden, „da ist Mist gebaut worden, das können wir nicht beschönigen“. Doch der Diesel und das Auto an sich würden seitdem derart diffamiert, „dass es ein Jammer ist“. Fantasie statt Fakten, Emotionen statt Sachlichkeit würden die Diskussion bestimmen. Das Auto werde zum Ursprung allen Übels erklärt.

Reitzl warb mit Vehemenz für einen sachlichen Umgang mit der „intelligenten Brückentechnologie Diesel“. Er forderte „belegbare Fakten statt Dogmen“. Schließlich gehe es umweltpolitisch nicht nur um das Thema Stickoxid, sondern auch um die CO2-Werte, bei denen der Diesel nach wie vor am besten abschneide. „Der Aktuelle ist der Beste, den es je gab“, ergänzte Haug.

Reitzle kritisierte das Zustandekommen der Grenzwerte, die auf Schätzungen basieren würden, und die seiner Erfahrung nach von Ideologie beeinflusste Platzierung der Messstellen. Fahrverbote und die Verschrottung von Dieselfahrzeugen: Das ist in Reitzles Augen eine „Wertezerstörung“. „Wir sind dabei, unsere Automobilindustrie zu vernichten“, warnte er. „Wenn mein Wlan immer so gut funktionieren würde wie mein Auto, wäre mir wohler“, brachte Haug auf den Punkt, wofür das Automobil bis heute stehe: „für gute deutsche Ingenieurskunst.“

Das Auto als

Stück Kulturerbe

Dem Automobil wieder den Stellenwert einzuräumen, der ihm gebührt, auch das hat sich die neue Ausstellung in Amerang unter Leitung von Markus Stuckmann zum Ziel gesetzt. In einer Zeit an der Schwelle zum autonomen Fahren ist es nach Überzeugung von Freiberger wichtig, die Klassiker aus den Pionier- und Glanzzeiten für die Kinder von morgen, die vielleicht kein Lenkrad mehr in die Hand nehmen, zu bewahren. Das Auto ist ein Stück Weltkulturerbe, ist Freiberger überzeugt.

Es steht auch für Emotionen, findet Professor Dr. Christoph Stölzl. Der Historiker und Museumsfachmann hat gemeinsam mit Haug und Rupert Rußwurm, Geschäftsführer der Ernst-Freiberger-Stiftung, die Neukonzeption für die Ausstellung erarbeitet. Magische Momente verbinde der Mensch mit dem Auto. Es stehe für Mobilität und Freiheit, sei Familienmitglied und Sehnsuchtsobjekt, so Stölzl. Für ihn ist das Auto ein Stück populärer zeitgenössischer Kunst – „eine Großskulptur voller Formenreichtum“. Automobile seien Leitfossile ihrer Epoche. Die Ausstellung stellt sie deshalb bewusst in den Kontext der Zeitgeschichte – dank neuer visueller Konzeptionen. Die Monumente auf vier Rädern werden durch bewegte Bilder und Audioguides lebendig.

Eine Faszination, welche die Gäste beim Festakt intensiv spürten. Zu den Bewundern, die durch die Ausstellung schlenderten, gehörten unter anderem der Vizepräsident der Landtags, Dr. Wolfgang Heubisch, ADAC-Sportpräsident Hermann Tomczyk und sein Sohn, der Rennfahrer Martin Tomczyk, Vertreter von BMW und Audi sowie von Oldtimerclubs, aus dem politischen und gesellschaftlichen Leben sowie Sammler und Eventveranstalter.

Sie können die neue Ausstellung mieten. Auch das gehört zum Konzept des Museums, das sich laut Geschäftsführer Stuckmann als touristischer Dienstleister für die Region ebenso versteht wie als Raum für Veranstaltungen.

Ernst Freiberger

nun Ehrenbürger

Dass dies möglich ist im Rahmen einer Oldtimerpräsentation, hat der erste Abend bewiesen. Er hatte für den Gastgeber außerdem eine Überraschung parat: Amerangs Bürgermeister August Voit und der Gemeinderat ernannten Ernst Freiberger aufgrund seiner Verdienste für die Gemeindeentwicklung zum Ehrenbürger. Ein Festakt im Festakt, von dem Freiberger nichts gewusst hatte und der ihn und Ehefrau Anja „im Innersten berührte“, wie der Geehrte betonte.

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