Die Spur des Geldes führt in die Türkei

von Redaktion

Als falsche Polizisten 35000 Euro erbeutet – Hintermänner vor Gericht

Neubeuern/Rosenheim – Die Boten sind bereits verurteilt, nun geht es an die Drahtzieher und Hintermänner: Im Fall der „falschen Polizisten“, die sich Zigtausende Euro durch fingierte Telefonanrufe mit einer 110-Nummer ergaunert haben, muss sich aktuell auch ein 38-jähriger Mann verantworten, der die Beute in die Türkei weitertransferiert haben soll. Der Prozess wurde vertagt, um weitere Zeugen zu hören.

Im Januar 2018 läutete bei einer 74-jährigen Frau in Neubeuern das Telefon. Unter der fingierten Nummer 089/110 meldete sich ein angeblicher Polizeibeamter und erklärte der Frau, dass die Polizei die Hilfe der Frau benötige, weil ihre Bank in den Verdacht geraten sei Falschgeld zu verbreiten. Sie solle deshalb bei ihrer Hausbank eine größere Summe abheben. Damit könne man die Bank dieser Verbrechen überführen.

Der Anrufer war derart überzeugend, dass die Frau tatsächlich 35000 Euro abhob. Unmittelbar darauf erschien ein Mann, der sich als Kripobeamter ausgab. Ihm händigte sie dann die Summe aus.

Die Kriminalpolizei konnte kurz darauf den Abholer identifizieren. Weil es sich schon vom Ablauf her um eine kriminelle Gruppe handeln musste, wurden alle Handys und digitalen Datenträger zur Überprüfung eingezogen. Wie die Perlen an einer Kette wurden die Bandenmitglieder nach und nach ermittelt. Am 31. Januar 2018 wurden die Geldabholer festgenommen, im November wurden sie zu Haftstrafen von je drei Jahren verurteilt. Darüber hinaus versuchte die Kripo, die Hintermänner der Aktionen zu finden. Dabei stellte sich heraus, dass der Drahtzieher ein mit Haftbefehl gesuchter Türke ist, der bereits wegen anderer Straftaten in Deutschland verfolgt wird und sich in die Türkei abgesetzt hat. Mithilfe der Telefonauswertungen ließ sich der weitere Weg des Geldes nachvollziehen. Der mutmaßliche Übermittler des Geldes aus Deutschland in die Türkei war nun vor dem Schöffengericht in Rosenheim angeklagt. Ihm wurde vorgeworfen, als Mitglied der Bande die Beute zu dem Anführer in die Türkei transferiert zu haben.

Der schwergewichtige Mann, ein 38-jähriger gebürtiger Türke, erzählte vor Gericht, er habe sich lediglich für einen ihm persönlich nicht bekannten Mann Geld übergeben lassen. Dabei soll es sich um Schulden gehandelt haben, die er unverzüglich weiterleitete. Über die näheren Umstände wisse er nichts. Es habe sich lediglich um einen Gefallen gehandelt.

Ganz anders stellte dies der ermittelnde Polizeibeamte im Zeugenstand dar. Anhand der Telefonauswertung sei bewiesen, dass sowohl Kontakte zu den Geldabholern als auch in die Türkei zu den dortigen Hintermännern bestanden haben. Zudem handele es sich bei dem Angeklagten um den ehemaligen Präsidenten eines einschlägig bekannten Münchner Rockerclubs.

Die nächsten Zeugen, die bereits verurteilten Geldabholer, boten ein geradezu jämmerliches Bild. Sie konnten sich angeblich nicht einmal an die Vorgänge erinnern, die sie bei ihrer eigenen Verurteilung bereits eingestanden hatten. „Ich weiß abends schon nicht mehr, was ich zu Mittag gegessen habe“: So versuchte sich der damals als Polizeibeamter aufgetretene Mann als debil und drogengeschädigt darzustellen. Auch sein „Kollege“ berief sich zunächst auf ein schwaches Erinnerungsvermögen, um sich gleich darauf ganz genau zu erinnern, dass der Angeklagte nichts, aber auch gar nichts mit dem Vorfall zu tun gehabt hat.

Als dagegen eine weitere Polizeibeamtin berichtete, dass sich zwei völlig identische Betrugsfälle im Mai in München ereignet hatten, bei denen knapp 60000 Euro ergaunert wurden, und dass auch in diesen Fällen der Angeklagte eine wesentliche Rolle gespielt habe, kam im Gerichtssaal Unruhe auf.

Das Gericht vertagte sich, um weitere Zeugen zu hören. Der Angeklagte wurde nun aber in Handschellen aus dem Gerichtssaal in die Untersuchungshaft abgeführt, weil wegen der beiden Fälle in München Verdunkelungsgefahr besteht.

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