Rosenheim/Traunstein – Joaquín „El Chapo“ Guzmán ist einer der größten Schurken Amerikas. Doch dem Ex-Chef des gefürchteten mexikanischen Sinaloa-Kartells ist die tragende Geschichte im Weltteil der „New York Times“ nicht gewidmet.
Nein, die große Story liefern drei echte „Rosenheim-Cops“: Lisa Maier, Andreas Guske und Fabian Bernhardt vom „Social-Media-Team“ des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd, deren Ruf als erfolgreiche Gerüchtejäger im Netz bis in die USA vorgedrungen ist.
In den Staaten sind „Fakenews“ ein großes Thema, seit Trump regiert. So ist für „El Chapo“, der mit seinem Imperium aus Serienkillern, Drogen- und Menschenhändlern jahrzehntelang für Angst und Schrecken sorgt, in der „Times“ nur Platz auf dem Seitengrund. Die Geschichte, die in Rosenheim und Traunstein spielt, hat Vorrang.
Zwei US-Reporter reisen dafür extra nach Oberbayern. In Traunstein, am „Tatort“, einer Unterführung mitten in der Stadt, treffen sie Andreas Guske (47), Polizeihauptkommissar aus Übersee und Leiter des Social-Media-Teams. Dort hat die Geschichte vor zwei Jahren begonnen.
Denn im Herbst und Winter 2015/2016, dem Höhepunkt der großen Flüchtlingswelle, wird das Internet mit Falschnachrichten und Halbwahrheiten geradezu überschwemmt. In einem der vielen Facebook-Posts vergleichbaren Inhalts heißt es: „Teilen, teilen, teilen! In einer Traunsteiner Unterführung wurde ein Mädchen vergewaltigt – von Flüchtlingen/Asylanten!“
Schnell findet die Polizei heraus: Die Vergewaltigung ist erfunden. „Lasst’s euch nicht jeden Schmarrn auftischen. Mia san ja ned im Dschungelcamp“, reagiert das Social-Media-Team des Präsidiums schnell mit einem eigenen Facebook-Post.
Aber bei dem Dementi bleibt es nicht. Maier, Guske und Bernhardt gehen der Sache auf den Grund. Das Trio macht den jungen Facebook-Poster ausfindig, fährt bei ihm vorbei. „Ich hab’ das aus sicherer Quelle“, beteuert er. Zwei Tage lang fragen und klingeln sie sich durch, von einer „sicheren“ Quelle zu nächsten, eine Kette von acht Menschen. Am Ende bleibt nur heiße Luft, kein Sexualverbrechen.
„Erfundene Schauermärchen“ titeln die OVB-Heimatzeitungen daraufhin im Januar 2016. Gut zwei Jahre später zieht die New York Times nach: „Door-to-door fight against Facebook rumors“ heißt es dort, was so viel heißt wie: „Mühsames Klinkenputzen gegen Facebook-Gerüchte“.
Andreas Guske kommt dabei besonders gut weg. „When Facebook spread hate, one cop tried something unusual“, schreiben die Reporter des preisgekrönten Weltblattes mit Millionenauflage – „als Facebook Hass verbreitete, tat ein Polizist etwas Ungewöhnliches“.
Die Lorbeeren reicht der erfolgreiche Gerüchtejäger („the police inspector who hunts down rumors“) weiter an die Kollegen und sein Präsidium. Das Klinkenputzen sei für das Team ganz normale Polizeiarbeit gewesen, betont Guske. Doch von Bedeutung sei sie allemal. Solche Gerüchte würden nicht nur Vorurteile gegen Geflüchtete schüren, sondern auch die Glaubwürdigkeit der Polizei erschüttern.
Mit Fabian Bernhardt, Lisa Maier und Andreas Guske sitzen in Rosenheim diesbezüglich wahre Pioniere: „Wir sind seit 2015 auf Facebook und Twitter online und damit nach dem Präsidium München das erste Flächenpräsidium mit Social-Media-Auftritten gewesen“, erklären sie. Mittlerweile hat das Team auf beiden Kanälen über 30000 Fans oder „Follower“.
Stolz ist das Rosenheimer Trio auch auf das jüngste Video mit dem Titel „#TagDerMuttersprache“. Darin kommen Polizisten aus dem ganzen Präsidiumsbereich zu Wort – in ihrer Muttersprache. „Damit haben wir bundesweit für gewisses Aufsehen gesorgt“, freuen sich die drei Internet-Experten.
Das ist nicht untertrieben. Den Beitrag haben seit Donnerstag weit über eine halbe Million Menschen auf Facebook „gesehen“, auf Twitter über 250000. „El Chapo“ Guzmán gehört nicht dazu. Apropos: Dass Lügen kurze Beine haben, gilt im weltweiten Netz wie im schmutzigen Kokaingeschäft. „El Chapo“ steht im Spanischen für „Der Kleine“.