Rosenheim – Umwelt, Nerven oder Portemonnaie schonen. Es gibt die verschiedensten Gründe, auf das Auto zu verzichten und Bus zu fahren. „Ich fahr gern mit dem Bus, auch um Geld beim Benzin und parken zu sparen“, denn die Parkplätze in Rosenheim kosten aus Sicht von Sabine Hahn ein Vermögen. Die Straßensperrungen im Rosenheimer Stadtzentrum machen das Auto aktuell noch unattraktiver: Stau. Da schont Busfahren die Nerven. Eigentlich.
Auf beiden Seiten des Inns nur bis 17.20 Uhr
Denn es gibt Gründe, es zu lassen. Wer aus dem Norden des Landkreises per Bus kommt, der muss sich auf dem Heimweg sputen, will er bis Wasserburg durchfahren. Das funktioniert beidseits des Inns nur bis 17.20 Uhr. Die späteren Busse ab Rosenheim enden in Griesstätt beziehungsweise Rott. Westlich des Inns sind dann neben Wasserburg auch noch Edling und Pfaffing abgehängt, zwei Dörfer mit gemeinsam 8700 Einwohnern und ohnehin schlechter Busanbindung.
Ähnliches Bild in Richtung Aschau: Da endet die Hälfte der Busse in Riedering oder Söllhuben, fährt nicht bis zur Kampenwand. Und der letzte Bus, der von Aschau nach Rosenheim fährt, geht um 17.15 Uhr. Für einen so vom Tourismus geprägten Ort nicht ideal. Auch in Richtung Frasdorf/Wildenwart lässt die Busverbindung zu wünschen übrig. „Hier wäre es super, wenn die Busse abends länger fahren würden“, findet Conny Böttjer-Lang. Gleiches gilt für Amerang, „da hast die Wahl zwischen ganz früh am Morgen oder am Spätnachmittag“, so ein anonymer Beitrag auf Facebook.
Betty Boschert steige gerne auf den Bus um, „wenn mein Mann das Auto braucht. Aber hier am Rande von Bad Aibling gibt es keinen Nahverkehr“, da sei sie zum Auto gezwungen. Sie hält Politiker „vom Gemeinderat bis ins Parlament für zu blöd, das mal richtig anzupacken“.
Tuntenhausen hat gut 7100 Einwohner, eine Wallfahrtskirche, einen Landtagsabgeordneten, eine Brauerei und angeblich den mächtigsten Verein Bayerns. Aber abends keine vernünftige Busanbindung. Weder an Rosenheim noch an Aibling.
„Dann brauche ich doch wieder ein Auto“, ärgert sich Sabine Hahn, die Richtung Bad Endorf wohnt und in derselben Lage ist. Längere Fahrzeiten wünschten sich alle, die sich via Facebook bei der Heimatzeitung meldeten. „Bis 20 Uhr wäre cool“, kommentierte Katharina Gaiduk. Andere wünschen sich noch längere Zeiten, „Ich fände es gut, wenn sie auch spät abends noch fahren würden“, so Martina Ziegler.
Letzter Bus zwischen 17.15 und 18.30 Uhr, das ist die Situation montags bis freitags, die bei Chefs oder besser angebundenen Kollegen auch schon mal für Unmut sorgt. In den Ferien oder am Wochenende sieht es noch viel schlechter aus. „Da geht gar nichts“, so Christine Hofer aus Wildenwart.
Da haben die Rosenheimer, die einen 15-Minuten-Takt statt eines 30-Minuten-Taktes wünschen, ein Luxusproblem. Selbst das kleine Wasserburg schafft es, bis Mitternacht den Großteil seiner knapp 13000 Einwohner per Stadtbus miteinander zu verbinden. Die Stadt in der Innschleife hat ein dementsprechendes Interesse an der Verbesserung des Bus-Nahverkehrs. Und hat ihre Nachbargemeinden um sich geschart. „Wir im Norden sind uns einig“, so Wasserburgs Bürgermeister Michael Kölbl, „dass wir zum einen eine deutlich bessere Bus-Vertaktung mit Rosenheim wollen und auch eine bessere Anbindung der Umlandgemeinden an das Mittelzentrum Wasserburg.“ Denn sonst kommen sie da per Bus oder Zug hin, aber dann nicht weiter nach Babensham oder Amerang. Seine Amtskollegin Marianne Steindlmüller aus Frasdorf findet die Anbindung ihrer Gemeinde auch nicht ideal. Die Abstände zwischen den Bussen seien viel zu groß, wolle man vom Auto unabhängig sein. Sie verspricht sich einiges vom Ist-Mobil, einem Rufbussystem von elf Gemeinden am Chiemsee.
Bürgermeister Josef Häusler aus Riedering findet, die derzeit 29 Haltestellen des Anrufsammeltaxis, das seit Dezember 2018 mit einem „Fahrservice von 5 Uhr morgens bis 1 Uhr nachts“ aufwartet und Riedering mit Stephanskirchen und Rosenheim verbindet, sollen um weitere Stopps ergänzt werden. Die 2000 Euro gemeindlicher Zuschuss pro Monat seien hier „gut angelegt, denn Landkreis und Bund zeigen kein Interesse, da was voranzubringen“.
Das siehtMarianne Steindl- müller anders: Der Landkreis Rosenheim hätte zwar schon früher Geld für einen guten öffentlichen Personennahverkehr (ÖPNV) in die Hand nehmen müssen, „aber ich habe das Gefühl, dass sich jetzt etwas bewegt, auch weil jetzt der Kreistag dahintersteht“.
Aufwertung des ÖPNV im Blick
Das sieht Hans Zagler, im Landratsamt für den ÖPNV zuständig, ähnlich: „Der Grundtenor ist, dass wesentlich mehr geboten werden muss. Abends und am Wochenende. Der ÖPNV soll für den gesamten Landkreis sehr aufgewertet werden.“ Bisher ist es so, dass die Linien eigenwirtschaftlich betreiben werden, also der jeweilige Busunternehmer eine Konzession hat und die Fahrten anbietet. Im Münchner Tarifgebiet sei es genau anders herum: Da werden die Fahrten vom MVV bestellt und bezahlt. „Das wird hier irgendwann auch so kommen – und dann fahren die Busse auch länger.“
Der neue Nahverkehrsplan soll heuer beschlossen und dann peu à peu umgesetzt werden. Dazu müsse, so Zagler, der Landkreis Rosenheim deutlich mehr als die aktuell 700000 Euro jährlich in die Hand nehmen, denn: „Da ist noch sehr viel zu tun.“