Rosenheimer Bildungsforum: Bedeutung von Zuwanderung für die Wirtschaft ist hoch
Eine ehrliche Debatte gefordert
Rosenheim – Allein in der bayerischen Wirtschaft fehlen derzeit bis zu 300000 Fachkräfte. Der Zuzug aus dem Ausland reicht nicht aus, um dieses Defizit auszugleichen. Was also tun? Das vierte Rosenheimer Bildungsforum im Landratsamt diskutierte im Spannungsfeld zwischen Migration und Wirtschaftsethik. Fazit: Die Gesellschaft in Deutschland habe bis heute nicht den Mut aufgebracht, eine ehrliche Debatte zur Migration zu führen.
Andreas Bensegger, Unternehmer aus Rosenheim und Vorsitzender des Regionalausschusses Rosenheim der Industrie- und Handelskammer, ließ keinen Zweifel daran, dass der Mangel an Fachkräften letztlich den Wohlstand des Landes gefährden wird. Der Leiter der Altenpflegeschule in Miesbach, Ulrich Brenner, bestätigte diese These: „Ohne Zuwanderung hätten wir keine Pflege mehr. 80 Prozent der Schüler sind Zuwanderer. Die Internationalität ist ausgeprägter als in jedem Fußballverein.“
Auch für Ingrid Meindl-Winkler vom Deutschen Gewerkschaftsbund in Rosenheim ist das Fehlen von Fachkräften ein längst bekannter Fakt. Die Gewerkschaften wollen mit den Arbeitgebern an einem Strang ziehen, führte sie aus: „Wir versuchen, den Weg mit heimischen und geflüchteten Arbeitnehmern zu gehen. Ihre Wertschätzung in den Betrieben ist das A und O.“ Wie andere Diskussionsteilnehmer auch, sieht die Gewerkschafterin in einem geregelten Arbeitsverhältnis einen wesentlichen Baustein für eine gelingende Integration.
Doch bei Analphabeten ist dies schwer. Maximilian Felsner ist Geschäftsführer von Social Bee, einer gemeinnützigen Zeitarbeitsfirma, die geflüchtete Menschen begleitet, um sie in Arbeit zu bringen. Er sagte, „es wird zu viel erwartet von Menschen, die geflüchtet sind.“
Dr. Dr. Johannes Wallacher, Professor für Sozialwissenschaften und Wirtschaftsethik, nickte an dieser Stelle und bekräftigte, dass es nicht nur um Fachkräfte geht: „Es geht um das gesamte Spektrum der Arbeitskräfte.“ Wallacher forderte eine breite gesellschaftliche Debatte. Doch die Politik nehme eine Abwehrhaltung ein, um keine Stimmen an rechte Populisten zu verlieren.
Wirtschaft und Wirtschaftsverbände drängen. Sie brauchen Arbeitskräfte. Wallacher wies auf einen Widerspruch hin. Durch die Globalisierung gibt es immer mehr Freiheiten in den Handelsströmen, andererseits werden Arbeitsmärkte zunehmend abgeschottet.
Unter anderem beleuchtete er den „Brain Drain“. Dabei geht es um Menschen, die für den deutschen Arbeitsmarkt angeworben werden und deren Fähigkeiten dann in ihren Herkunftsländern fehlen. Wallacher will es nicht nur negativ sehen und verwies auf die funktionierenden Netzwerke zu den Familien in der Heimat: „Die Rücküberweisungen an sie sind weltweit gesehen genauso hoch wie die gesamte Entwicklungshilfe.“
Darüber hinaus profitiert die Gesellschaft hierzulande. Ein Arbeitsplatz fördert die Integration, die Arbeitsmigranten zahlen Steuern und Abgaben und stabilisieren so die Sozialsysteme. Professor Wallacher formulierte Kriterien, um Arbeitsmigration zu erlauben oder zu fördern, zum Beispiel die Stärkung der Armutsbekämpfung in den Herkunftsländern, die Begrenzung des „Brain Drains“ und eine bewusste Begrenzung und Steuerung von Migration zwischen vollständiger Freizügigkeit und absolutem Verbot.
Laut Wallacher waren Ende 2017 weltweit 68,5 Millionen Menschen auf der Flucht, darunter gut drei Millionen Asylflüchtlinge. Weniger als 30 Millionen davon überschritten auf ihrer Flucht die Grenzen ihres Herkunftslandes. Deutschland steht auf der Liste der zehn wichtigsten Einwanderungsländer der Welt.
Getragen wird das Bildungsforum von der Sozialen Stadt Rosenheim, dem Landkreis, dem Katholischen Bildungswerk, der Volkshochschule sowie dem Evangelischen Bildungswerk Rosenheim-Ebersberg.re