Rosenheim – In den Alpen ist die Alpendohle (Pyrrhocorax graculus) der Charaktervogel. Im alpinen Steinmeer ist sie oft nur noch die einzige Tierstimme, die man vernehmen kann. Mit ihren orange-roten Füßen ist die gelbschnäblige Alpendohle überall in Höhen zwischen 1300 und 3000 Metern im deutschen Alpengebiet – oftmals in starken Kolonien – vertreten.
Alpenkrähe verschwunden
Vor 200 Jahren brütete in den bayerischen Alpen noch eine sehr nah verwandte Art, die Alpenkrähe (Pyrrhocorax pyrrhocorax). Sie war durch ihren knallroten, rund fünf Zentimeter längeren gebogenen Schnabel deutlich zu unterscheiden. Ab dem 19. Jahrhundert ging ihr Bestand kontinuierlich zurück, bis sie letztlich weitgehend aus weiten Teilen der Alpen und vollkommen aus Deutschland verschwand.
Die Verbreitung der Alpendohle erstreckt sich vom Norden Afrikas in Marokko über die ganzen Alpen, den Balkan, dem Kaukasus bis in den Himalaya. Grundsätzlich leben Alpendohlen oberhalb der Baumgrenze, haben aber als schlaue Rabenvögel sehr wohl erkannt, dass sich in urbanen Gegenden der Winter leichter überleben lässt. Wenn der Winter zu mächtig wird, fliegen sie beispielsweise von den mehr als 2500 Meter hohen Bergen, die die Stadt Innsbruck umgeben, auf Futtersuche hinunter in die Stadt.
Wer mit der Zahnradbahn den Wendelstein besucht, wird als aufmerksamer Naturbeobachter nicht die vielen Bergdohlen übersehen, wie sie mit dem Wind spielen und uns ihre Flugkünste vorführen.
Bergdohlen sind Nahrungsgeneralisten. Alles was irgendwie fressbar ist, wird verzehrt. Im Sommer besteht die Nahrung beispielsweise überwiegend aus Spinnen, Käfern, Ameisen, Heuschrecken, kleinen Amphibien, Larven, Schnecken, Regenwürmern. Im Herbst und Winter bevorzugen die Bergdohlen mehr Beeren, Knospen, Koniferen-Samen, gelegentlich auch Aas. Außerdem kann nahezu jeder Bergwanderer bestätigen, dass auf den Gipfeln der Berge die moderne Bergdohle gerne von der Wegzehrung der Wanderer lebt. Dank ihrer Intelligenz legt sie dabei alle Scheu vom Menschen ab und frisst ihm fast aus der Hand.
Alpendohlen sind gesellige Vögel und leben die meiste Zeit in kleinen Schwärmen. Er bietet ihnen Sicherheit, obwohl Bergdohlen wenige Feinde zu befürchten haben. Nur vor Wanderfalken müssen sich Bergdohlen in Acht nehmen. Im Schwarm herrscht eine soziale Rangordnung. In den Gruppen kann es zu aggressiven Auseinandersetzungen kommen, Angriffe mit Verletzungen sind aber selten. Die meisten Konflikte werden schon mit Drohgebärden des überlegenen Tieres beendet.
Alpendohlen sind ruffreudige Tiere. Häufig ist ihr Kontaktruf ein durchdringendes „Srii“ oder als Begrüßungsschrei ein gedämpftes „Dschirr“. Die Paarungsbildung ist zumeist dauerhaft. Alpendohlen beginnen im dritten Lebensjahr zu brüten. Ab Ende März werden die Brutplätze bezogen. Den Nistplatz sucht das Weibchen aus. Die Nester liegen in Spalten, Nischen und Höhlungen von steilen Felswänden, die für Marder unüberwindbar sind.
30 bis 35 Tage
im Nest
Drei bis fünf Eier legt das Weibchen, 18 bis 20 Tage bebrütet nur das Weibchen das Gelege. In dieser Zeit wird sie vom Männchen versorgt. Sind die Jungen geschlüpft, werden sie 30 bis 35 Tage im Nest versorgt, ehe sie flügge sind.
In Deutschland brüten zwischen 2000 und 4000 Paare. Sie werden in der Bundesrepublik als nicht gefährdet eingestuft. Somit sollten sich auch die nachfolgenden Generationen noch lange auf den Berggipfeln der Region an ihren akrobatischen Flugkünsten erfreuen können.