Prien – Die Suche nach den eigenen Wurzeln und der eigenen Vergangenheit: Für die Amerikanerin Myrian Bergeron war es das beherrschende Thema ihres Lebens. Erst vor einem Jahr entdeckte die 75-Jährige bei der Sichtung von Unterlagen ihrer vor 20 Jahren verstorbenen Mutter einen Brief in Deutsch. Nachforschungen konfrontierten sie auf der Website des US-Holocaust-Memorial-Museums in Washington mit einem Bild von sich aus frühester Kindheit: „Marjanna Pass“ stand auf dem Schild, das die Zweijährige reserviert blickend in die Kamera hält.
Tochter einer Zwangsarbeiterin
In Prien sprach die Tochter einer estnischen Zwangsarbeiterin und eines Ingenieurs aus Serbien jetzt erstmals ausführlich über ihre bewegende Forschungsreise in die eigene Vergangenheit. Bereits als Kind hat sie eine kleine Odyssee in Kinderheimen hinter sich gebracht, die sie auch in die Marktgemeinde am Chiemsee geführt hat.
Unter dem Titel „Zurück ins Leben: Entwurzelte Kinder der Nachkriegszeit am Chiemsee“ schilderte sie bei einer ökumenischen Veranstaltung im katholischen Pfarrheim bewegende Details. Auf Einladung der Zeitgeschichtsforscherin Anna Andlauer war die Seniorin mit Tochter Wendy und Verwandten nach Bayern gekommen. In Fotos und Filmausschnitten ließ Andlauer im Pfarrsaal die Vergangenheit im UNRRA-Kinderzentrum (siehe Kasten) lebendig werden.
„Zeitlebens“, schilderte Myrian Bergeron vor etwa 60 Zuhörern in Prien, „habe ich diese tiefe Traurigkeit meiner Mutter gespürt“. Das Schweigen über die „unaussprechlichen Erlebnisse“ hatten ihr zu schaffen gemacht. Erst spät erfuhr sie, dass Momente der Zurückweisung und fehlenden Umarmung der Mutter aus deren Angst geschah, das Kind mit einer verschleppten TBC-Erkrankung anzuste-cken.
Fragen nach dem „wirklichen Vater“, von dem sie nur den Namen „Karl“ wusste, oder den Erlebnissen der Mutter während der Kriegszeit blieben unbeantwortet. Hintergründe offenbarten sich erst im letzten Jahr: Die Zwangsarbeit ihrer Mutter Alma in den Gummiwerken Metzler in München, Gefängnisaufenthalte, die Entbindung in einer Frauenklinik, das Wiedersehen 1947 mit der dreieinhalbjährigen Tochter und einem neuen Adoptiv-Vater in der Villa Frobeen in Gstadt und die Übersiedlung in die USA nach einem kurzen Zwischenstopp in München.
Mit bemerkenswertem Mut, mit Konsequenz und Ehrlichkeit schuf die Amerikanerin dort anderen eine Heimat. Als 16-Jährige rettete sie Babys aus verwahrlosten Zuständen, sprach später als Tagesmutter zwölf Kindern Mut zu und schuf als Alleinerziehende zu ihren beiden Töchtern zusätzlich sieben schwer traumatisierten Adoptivkindern eine neue familiäre Heimat.
„Sie kamen aus schwierigsten Verhältnissen und hatten zum Teil schwere Missbrauchserfahrungen durchgemacht“, schilderte Myrian Bergeron in Prien ihre Erlebnisse. Überraschende Herzprobleme haben die noch vor kurzem aktive Amerikanerin an den Rollstuhl gefesselt.
Bei ihrem einwöchigen Besuch in Bayern mit Abste-chern nach München, Indersdorf und Prien kam es auch in der Villa in Gstadt zu bewegenden Szenen mit der heutigen Besitzerin, die ungenannt bleiben möchte. „Ich erinnere mich dunkel an Szenen beim Blumenbinden auf der Wiese“, sagt Myrian Bergeron. Die Besitzerin wiederum erinnert sich, dass ihr eigener Vater bei der Rückkehr aus Kriegsgefangenschaft von einem US-Militär mit Gewehr am Betreten der vom UNRRA-Kinderzentrum beschlag-nahmten Villa gehindert wurde.
Fiktiver Brief
an die Mutter
Mucksmäuschenstill war es im Pfarrsaal, als die Amerikanerin im Pfarrsaal aus einem fiktiven Brief an ihre gestorbene Mutter zitierte, den sie letztes Jahr verfasst hat: „Ich erinnere mich an Zeiten, in denen ich ohne Unterlass schreien musste. Du fragtest, was los ist. Ich konnte nicht antworten. Ich wusste es einfach nicht.“