Rosenheim – In aller Herrgottsfrüh unangemeldeten Besuch von der Polizei bekommen: Wer hat das schon gern? So riecht es an diesem Mittwochmorgen nach viel Ärger und Remmidemmi im Rosenheimer Aicherpark.
Zumal das keine Polizeistreife ist, die da anrückt. Es sind rund 50 Fahrzeuge, insgesamt 180 zum Teil schwer bewaffnete Polizisten – ein wahres Großaufgebot. Im Dunkel der Nacht umstellen die Einsatzkräfte zwei Flüchtlingsunterkünfte in der Äußeren Oberaustraße. Dann gehen sie in die Häuser und holen 195 Asylbewerber aus ihren Betten.
Kann das gut gehen? Ja, das kann gut gehen. Alles läuft genau so ab, wie es sich Einsatzleiter Johann Brumbauer, Vize-Chef der Inspektion Rosenheim, erhofft hat: zügig, unaufgeregt, störungsfrei, professionell. Niemand bekommt es mit der Angst zu tun, rennt davon, leistet Widerstand oder zückt gar ein Messer.
Treffpunkt ist um 5.20 Uhr der Parkplatz eines Möbelhauses im Aicherpark – 500 Meter von den „Zielobjekten“ entfernt. Die OVB-Heimatzeitungen sind live dabei. Wochenlang ist der Großeinsatz vorbereitet und durchgespielt worden. Jeder weiß, was er zu tun hat.
5.40 Uhr, letzte Details werden besprochen. 5.50 Uhr, jetzt bilden die Busse und Autos einen Konvoi. Gleich geht’s los. Es ist noch stockdunkel. 5.55 Uhr, die beeindruckend lange Kolonne rollt die Oberaustraße hinauf bis zum Knick, an dem sich die zwei Unterkünfte befinden.
Nun kommt keiner mehr rein oder raus
5.57 Uhr, die Schiebetüren der Polizeibusse gehen auf, Dutzende Männer und Frauen schwärmen aus. Ihre Uniformen sind so schwarz wie die Nacht. 5.58 Uhr, das grüne und das graue Haus, zwei ehemalige Bürogebäude, sind umstellt. Jetzt wird es spannend. Die ersten Einsatzgruppen betreten das Treppenhaus und die Zimmer. Sie „frieren die Situation ein“, wie es in der Polizeisprache heißt. Mit anderen Worten: Nun kommt keiner mehr raus oder rein.
Eine Razzia? „Nein“, sagt Polizeisprecher Stefan Sonntag: „Für uns ist das hier eine Begehung.“ Das heißt: Die Polizei sucht nichts Bestimmtes. Vor einer Woche, in der Unterkunft in Bad Aibling, war das anders. Da hatten es die Fahnder gezielt auf einige Asylbewerber abgesehen, die mit Drogen gehandelt haben dürften. Prompt gab es dort zwei Festnahmen.
„Wir wollen die Bewohner nicht verunsichern, sondern durch unsere Präsenz künftigen Sicherheitsstörungen entgegenwirken und friedlichen Bewohnern den Rücken stärken“, betont Polizeirat Brumbauer. So geht es auch um den Hausfrieden. 43 Frauen sowie 86 Jugendliche und Kinder leben in den zwei Unterkünften. Sie sollen vor den wenigen Unruhestiftern unter den 66 Männern geschützt werden.
6.10 Uhr, die Bearbeitungsstraße, die im Handumdrehen im Erdgeschoss aufgebaut wird, ist fertig. Dort überprüfen Spezialisten – Kripo-Leute, Schleierfahnder, Grenzpolizisten – die Ausweise und Dokumente, die ihren Kollegen „spanisch“ vorkommen.
6.20 Uhr, der Drogenspürhund schlägt an, hinter dem grauen Haus an der Bahnlinie. Aber Rauschgift findet er nicht. Der Meridian fährt vorbei, das Tempo stark verlangsamt – eine Vorsichtsmaßnahme, im Vorfeld abgestimmt mit den Bahnbetreibern: Mögliche Ausreißer sollen beim Queren der Strecke nicht vor einen Zug laufen.
6.35 Uhr, eine ältere Frau aus Syrien muss mit in den Hof kommen. Sie ist in der Unterkunft nicht gemeldet, eine „Fremdschläferin“ also, wie es im Polizei-Deutsch heißt. Sie hat mit einer Anzeige zu rechnen.
Keine Drogen,
keine falschen Papiere
6.40 Uhr, die Polizei findet noch einen jungen Mann, der in der Unterkunft nichts zu suchen hat. Aber sonst ist alles in Ordnung. Nirgends wird es laut oder ernst, keine Drogen, keine falschen Papiere, keine Leistungsbetrüger mit doppelten Identitäten. Es bleibt bei zwei Verstößen nach dem Hausrecht.
6.50 Uhr. Die ersten Männer und Kinder kommen heraus – mit weißen Bändern am Handgelenk. Sie radeln zur Arbeit oder gehen zur Schule. Die Armbänder signalisieren den Polizisten: Diese Personen sind bereits registriert worden. Sie dürfen das Areal verlassen.
Solche Bänder kennt man sonst nur von All-Inclusive-Hotels. Doch diese zwei Gebäude sind alles andere als ein Urlauberparadies. Die 195 Flüchtlinge leben dort auf engstem Raum. Immer wieder kommt es zu Konflikten oder Handgreiflichkeiten.
„Deshalb will das Polizeipräsidium Oberbayern Süd mit derartigen Einsätzen frühzeitig verhindern, dass sich Brennpunkte bilden oder Situationen verfestigen, die ein positives Zusammenleben innerhalb und außerhalb solcher Unterkünfte unnötig erschweren“, bringt es Stefan Sonntag auf den Punkt. Das ist ganz im Sinne des Hausherrn, der Regierung von Oberbayern. Für die Dauer der Kontrolle tritt sie das Hausrecht an die Polizei ab. Weil eine Asylbewerberunterkunft rechtlich nicht als Wohnung gilt, ist hierfür kein Durchsuchungsbeschluss erforderlich.
Spuk ist nach
einer Stunde vorbei
6.55 Uhr, nach knapp einer Stunde ist der Spuk vorbei. Die ersten Einheiten gönnen sich im Hof einen wohlverdienten Schluck Kaffee. Viele sind schon seit 2 Uhr früh auf den Beinen – und sie scheinen bei ihrer Mission die richtige Mischung gefunden zu haben: So entschlossen wie nötig und so behutsam wie möglich, um die Kinder nicht zu erschrecken.
Tatsächlich machen die vielen Buben und Mädchen, die sich ab 7.15 Uhr auf den Weg zur Schule machen, alles andere als einen verstörten Eindruck. In ihren Herkunftsländern haben sie sicher Schlimmeres erlebt als eine Polizeikontrolle am frühen Morgen. Manche winken den Kaffee schlürfenden Polizisten sogar zu, als sie sich aufs Fahrrad setzen.