Griesstätt – Viele Kinder hegen diesen Traum: Einmal im Leben einem wahren Superhelden begegnen, einem idealen Alleskönner, der im Alleingang gegen das Böse kämpft und die Schurken und Bösewichte dieser Welt in die Flucht schlägt. Griesstätt mag nicht Gotham City sein, doch ist dort seit einiger Zeit und von der Öffentlichkeit völlig unbemerkt, Batman, einer der bekanntesten Helden des „DC Comic Universums“ aktiv. Zwar kämpft er im echten Leben nicht gegen Superschurken wie den Joker. Ein wahrer Held ist er in den Augen vieler Kinder jedoch längst geworden.
Seit vier Jahren besucht der Cosplayer (siehe Infokasten) auf ehrenamtlicher Basis Kinderhospize und Kinderstationen von Krankenhäusern und verwendet so einen großen Teil seiner freien Zeit darauf, kranken Kindern und Jugendlichen eine Freude zu bereiten und ihnen jeden Wunsch von einem Treffen mit einem Superhelden zu erfüllen.
Batman heißt in Wirklichkeit Markus. Er arbeitet als CNC-Fräser für einen Bad Aiblinger Produktentwickler. Seine vollständige Identität ist der Redaktion bekannt, soll aber, ganz nach Manier seines Alter Egos, nicht an die Öffentlichkeit dringen.
16000 Euro für Kostüm ausgegeben
Markus ist Teil einer globalen Gemeinde von Cosplayern, einer Gruppe von Fans, die es sich zum Ziel machen, Figuren aus Comics, Mangas oder Computerspielen möglichst originalgetreu zu verkörpern. Die Cosplayer-Szene findet vor allem in den USA viele Anhänger, hat sich allmählich jedoch auch in Deutschland etabliert. Die meisten von ihnen finden über ihre eigene Begeisterung und Identifikation mit einer fiktiven Figur zu diesen Fangemeinden.
Eigens organisierte Conventions (Zusammenkünfte, Anm. Red.) versammeln regelmäßig Cosplayer aus aller Welt, viele von ihnen nehmen lange Wege auf sich, um sich dort unter Gleichgesinnten zu bewegen.
Was Cosplay von Fasching oder Karneval unterscheidet, ist die bedingungslose Hingabe an die Rolle. Man versucht der Figur nicht nur äußerlich, sondern auch über Auftreten und Verhalten näherzukommen. „Die Stimme wird dunkler und mir kommt während der Zeit auch kein Grinsen über die Lippen – es sei denn, ich arbeite gerade mit den Kindern“, beschreibt Markus den Ablauf. Was sich für viele wie ein besonders obsessives Hobby anhören mag, kann zudem ziemlich kostenintensiv werden.
Die Kostüme der Cosplayer bewegen sich durchschnittlich in einem Preisrahmen von mehreren Tausend Euro und werden meist in mühevoller Kleinstarbeit selbst gefertigt. Markus etwa hat die einzelnen Elemente, gleich einer Schnitzeljagd, aus aller Welt zusammengesucht: „Die Maske habe ich in den USA bestellt, die Armschienen kommen aus Großbritannien“, lacht der Griesstätter.
Seine Kostümvariante ist in der Szene als „Batfleck“ bekannt, also der Variante aus der letzten Comic-Verfilmung mit Ben Affleck nachempfunden. Er schätzt, dass das gesamte Kostüm sich zu etwa 16000 Euro zusammenaddiert.
Markus‘ Einstieg in die Szene verlief eher ungeplant. Vor vier Jahren las er auf Facebook über eine „Comic Con“ in Stuttgart und fuhr spontan hin. Damals noch ohne Verkleidung. Die Gemeinschaft, die er dort vorfand, hat ihn so begeistert, dass er sich im Jahr darauf entschloss, selbst als Batman teilzunehmen.
Wollen Kinder heute noch Clowns sehen?
Die Figur der „Fledermaus“ hatte ihn schon von Klein auf fasziniert, er hatte alle Comics verschlungen und die Verfilmungen gegeneinander abgewogen. Zugleich war ihm aber auch klar: „Wenn ich mich als Cosplayer versuche, möchte ich dabei etwas Gutes tun. So viele Leute spenden Weihnachten herum Geld an wohltätige Organisationen, ohne überhaupt zu wissen, wem das nutzt. Ich wollte direkt etwas tun“.
Unter den umliegenden Krankenhäusern, mit denen er in der Anfangszeit Kontakt aufnahm, konnte er jedoch keine Kooperationspartner finden. Obwohl er keinerlei Gegenleistung für seine Besuche fordert und seine Zeit rein ehrenamtlich zur Verfügung stellt.
Das mag daran liegen, dass diese Art der Fanpraxis bei vielen noch immer auf Unverständnis und Misstrauen stößt. Die Erfahrung hat Markus jedenfalls gemacht: „Es ist in Bayern leider noch verpönt. Wenn ich erzähle, was ich tue, wird das oft belächelt oder man wird nicht für voll genommen. Vielleicht sind wir hier auch noch etwas zu spießig“.
Krankenhäuser aus dem Landkreis lehnten etwa ab, weil sie zur Unterhaltung der Kinder bereits einen Clown oder Zauberer beschäftigten und Batman, Superman und Co. ihrer Meinung nach nur in den USA funktionieren würden.
Dabei ist sich Markus sicher, dass die Kinder heutzutage sich eher mit einem Helden als mit einem Clown identifizieren können. Das bestätigen ihm auch die Reaktionen der Mädchen und Buben und ihrer Eltern.
Figuren wie Hulk, Wonderwoman oder eben auch Batman begegnen den Kindern nicht nur im Fernsehen oder Kino, sondern längst auch auf Rucksäcken, Zahnbürsten und Schokoriegeln. Diese Helden repräsentieren moralische wie charakterliche Ideale, stehen stets auf der Seite des unbestrittenen Guten. Wie viele Horrorfilme gibt es dagegen mit einem Clown in der Hauptrolle? „Ich haue dem Clown auf die Nase“, verweist Markus lachend auf den Joker – Batmans erbitterten Gegenspieler mit grotesken Clownszügen.
Zu der konkreten Idee für sein Engagement kam Markus über persönliche Erfahrungen und aus dem Familienkreis. Aufgrund einer Stoffwechselerkrankung verbrachte sein Cousin als Kind viel Zeit im Krankenhaus. Und auch während seiner Zivildienstzeit hat Markus gelernt, solche Situationen seelisch auszuhalten. „Kinder, gerade wenn sie im Krankenhaus sind, brauchen Abwechslung und müssen bespaßt werden“, ruft er sich diese Zeit vor Augen. Zugleich hat er dadurch die Berührungsängste verloren, die man angesichts von todkranken Kindern im Hospiz leicht bekommen könnte.
Betroffenheit muss daheim bleiben
„Man muss das ausblenden können, sonst macht es einen fertig. Das Letzte was gebraucht wird, ist jemand, der während des Auftritts einen Weinkrampf bekommt“. Er findet es wichtig, die Kinder nicht wie dem Tod Geweihte zu behandeln oder sie offen zu bemitleiden. Dadurch würde ihnen das Gefühl von Normalität nur noch mehr genommen. Ziel seiner Besuche ist es, Ablenkung vom Klinikalltag zu bieten. Dazu bringt er bei seinen Besuchen Geschenke mit, die über Spendengelder finanziert werden, spielt Fußball oder erzählt Geschichten von Batmans letzten Abenteuern.
Unter dem Projektnamen „Batman for Hospital“ hat er zuletzt Freunde aus der Cosplayer-Szene gewinnen können, die mit ihm zusammen Benefiz-Auftritte absolvieren oder helfen, Spendengelder zu sammeln.
Zu seinen festen Terminen gehört mittlerweile das jährliche Sommerfest im ambulanten Kinderhospiz München und zahlreiche andere Auftritte im Umkreis von München. Zu der Figur des Batman wird er wohl immer einen besonderen Bezug haben, allerdings kann er sich inzwischen vorstellen, in Zukunft noch weitere Charaktere in sein Repertoire aufzunehmen – Inspector Gadget oder Robocup darzustellen würde ihn etwa noch reizen.