Rosenheim – Wenn Bernd Bechtold (39) ein Kreuz mit dem Korpus Christi schnitzt, hat er gewissermaßen die Hand am Puls des derzeitigen Glaubens. Theologen können hinterher, am Wandel des Gekreuzigten, sehr präzise nachvollziehen, wie sich Glaubensvorstellungen über die Jahrhunderte hinweg gewandelt haben – je nachdem, ob man Jesus mehr als leidenden Mensch darstellte, oder eher als den zukünftig Auferstandenen. Bechtold kennt das aktuelle Glaubensgefühl, lange bevor Theologen und Kunsthistoriker davon Ahnung erhalten. Denn er weiß genau, welche Kreuze heute gefragt sind.
Derzeit ist es eine Form, bei der die Darstellung des Leidens zurückgenommen ist. Jesus hängt nicht blutüberströmt und zusammengesunken am Kreuz, durch und durch noch leidender Mensch. Es ist nicht ein Christus im Stil von Tilman Riemenschneider, von dem Bechtold auch ein Exemplar im Laden hat. Noch von seinem Vater geschnitzt, von dem er das Geschäft 2012 übernahm.
Riemenschneider, der als Beteiligter am Bauernaufstand gefoltert wurde, wusste, was Leiden ist. Und ein Gottessohn, der das auch wusste, würde am Ende kein allzu streng urteilender Richter sein können. Ein Rest von Trost in allen schlechten Zeiten, in denen solche Darstellungen besonders oft anzutreffen sind. Zeiten, in denen man sicher war, dass auf ein oft reichlich minderwertiges Leben auch noch das Jüngste Gericht folgen würde.
Weniger schmerzvoll, eher verstehend
Die Kreuzdarstellungen, die heute häufiger verkauft werden, sind gewissermaßen optimistischer. Bei dem Beispiel, das Bechtold zeigt, ist Jesus etwas mehr aufgerichtet. Die Wunden sind, wenn überhaupt zu sehen, nur angedeutet. Schaut man ihn von dem Blickwinkel aus an, aus denen man Kreuze üblicherweise betrachtet, also leicht von unten, meint man fast, seinen Blick zu treffen. Sieht sich als Mensch, um dessen Heiles Willen er hier hängt, erkannt. Der Blick ist schmerzvoll, sicher, aber nicht bitter, eher verstehend. Fast scheint er zu sagen: Es ist, wie es ist.
Dass so ein Empfinden überhaupt entstehen kann, ist natürlich der Kunstfertigkeit des Rosenheimers zuzuschreiben. Wobei der die Wirkung gar nicht so sehr über das Schnitzen, sondern in viel größerem Maße über die Bemalung erreicht. Zwei Christusdarstellungen, die vom Geschnitzten her absolut identisch wären, könnte er, wie er sagt, „allein durch die Details der Bemalung, zum Beispiel durch die Größe der Augen, die Lage der Augenlider ganz unterschiedliche Gefühlslagen zuweisen“.
Das ist nicht unwichtig, denn so gut wie keine Holzfigur wird mehr von Grund auf selbst geschnitzt. Ausgangsbasis sind vielmehr vorgefräste Rohlinge, die in der Regel aus Südtirol kommen. Ihre individuelle Handschrift bekommen sie dann durch die schnitzerische Feinarbeit, vor allem aber eben auch durch die Bemalung.
Der Grund für diesen Wandel liegt zum einen natürlich am Preis. Ein Kreuz, etwa 30 Zentimeter hoch, kostet heute zwischen 200 und 230 Euro. Wollte man eines, das ganz und gar handgeschnitzt ist, müsste man 600 Euro anlegen. „Das“, sagt Bernd Bechtold, „will keiner mehr bezahlen. Vor allem aber: Keiner will mehr darauf warten.“ Für ein handgeschnitztes Kreuz müsste man mit einer Wartezeit von zwei Monaten bis zu einem halben Jahr rechnen, je nach sonstiger Auftragslage.
„Das machen die Leute vielleicht, wenn es um ein ausgewachsenes Feldkreuz geht, oder ein größeres Kreuz für einen Herrgottswinkel. Aber nicht für ein verhältnismäßig kleines. Das wollen sie am liebsten gleich mitnehmen. Und wenn ich kein passendes dahabe, sind die 14 Tage, die sie dann warten müssen, gerade noch so im Rahmen“.
Viele Schnitzer haben diesen Wandel nicht oder zu spät erkannt – und sind deshalb einfach verschwunden. Wie die anderen fünf Betriebe, die es einst in Rosenheim gab. Bernd Bechtold hat die Durststrecke überstanden und kann jetzt von einem neuen Trend profitieren, der verstärkt in den vergangenen 15 Jahren eingesetzt hat: das Geschäft mit den Krippen.
Dass sich damit so viel erwirtschaften lässt, dass die Weihnachtssaison das Geschäft über das ganze restliche Jahr mittragen hilft, in dem es ansonsten viel auch ums Reparieren und Restaurieren geht, erscheint dem Laien zunächst verwunderlich. Aber nur so lange, bis man sich die Krippen in seinem Verkaufsraum einmal näher angeschaut hat.
Dann dämmert einem rasch, dass Krippen ein Suchtartikel sein können, die jedes Jahr nach Erweiterung verlangen: Von der auf Elefanten und Kamelen reitenden Dienerschaft der Heiligen Drei Könige bis zu Tieren jeder Gattung und Art, Maus und Maulwurf inklusive. Bei den Krippen gibt es nichts, was es nicht gibt.
Männer lassen Krippen wachsen
Das Kaufverhalten, sagt der 39-Jährige, „verlaufe dabei oft nach dem Schema, dass sich die Frau eine Krippe wünsche und ihren mehr oder weniger widerstrebenden Mann dazu überrede. „Diejenigen, die dann aber immer wiederkommen und die Krippe jedes Jahr wachsen lassen, das sind die Männer.“ Und die sind es auch, die dann am ehesten den Wunsch haben, die einfache Krippe durch eine schönere, etwa eine mit größeren oder aufwendiger gekleideten Figuren zu ersetzen. Bechtold kann das verstehen. Er hat selber acht davon, von denen er jedes Jahr eine andere aufstellt. Und natürlich auch immer wieder aus seiner eigenen Herstellung ergänzt.
Wenn bei den Krippen der Antrieb zur schönen Gestaltung also sicher nicht in erster Linie religiös begründet ist, vielmehr auch bei Bernd Bechtold als Schnitzer der reine Spieltrieb eine wesentliche Rolle spielt: Bei den Kreuzen bleibt doch die Frage, inwieweit man ein gläubiger Mensch sein muss, um so Ausdruckstarkes herzustellen, wie das bei Bernd Bechtold der Fall ist.
In die Situation hineinversetzen
„Zumindest einer mit Einfühlungsvermögen“, sagt er, „denn man muss sich in die Situation des Gekreuzigten hineinversetzen können.“ Und das fällt einem wohl leichter, wenn man den ganzen Bedeutungsgehalt, der bei einer Christusdarstellung mitschwingt, nicht bloß mit dem Verstand erfasst hat. Sondern dieses Wissen auch noch in tieferen Schichten des Ichs gegründet ist.