Aschau – „Jesus darstellen – das ist ein Wagnis!“ Als überaus prägend wertet Werner Hofmann diese Erfahrung. Er ist der Heiland im Aschauer Auferstehungsspiel, das derzeit in der dortigen Pfarrkirche mit großem Erfolg aufgeführt wird. Zwei Jahre hat Werner Hofmann zusammen mit seiner Frau Julia und einem Beraterteam auch am Auferstehungsspiel „Vom Leben und der Auferstehung Jesu“ geschrieben. In Personalunion ist Hofmann nicht nur Autor, sondern zudem Regisseur. Er stellt Jesus berückend anders dar: Als Mensch, der mit seiner Berufung als Gottessohn ringt, sie aber letztlich in Vertrauen auf Gott Vater annimmt.
Tritt aus dem Schatten – ein mutiges Wort, das schon zu Beginn des Auferstehungsspiels einen sehr menschlichen Jesus vor unseren Augen erstehen lässt. Eine bewusste Abkehr vom idealisierten Jesusbild?
Ich denke, es ist sogar entscheidend für unseren Glauben, dass Jesus ganz und gar Mensch ist. Unser Spiel beginnt in der Wüste. Ohne Wüste geht es nicht. Die Wüste spielt in der Bibel oft eine zentrale Rolle. Als Ort der Selbstfindung, als Ort der Gottesbegegnung. Ich glaube sogar, das ist ein identischer Prozess. Später im Stück wird Jesus sagen: „Ich war in der Wüste. Dort wo nichts war, fand ich Gott. In mir.“ Zunächst nennt Jesus Gott „Herr“, denn so hat er ihn bisher gelehrt bekommen. Nun begegnet er ihm wirklich, spürt und hört, wie Gott ist. Im Gespräch, in der Auseinandersetzung mit Gott verabschiedet er sich von seiner Gottesvorstellung des Herrn der Gesetze und Vorschriften. Gott wird zum Vater für ihn, er fasst Vertrauen in Gott und seine Berufung. Das ist der Kern jedes geistlichen Weges: In Beziehung zu Gott treten, der uns Vater und Mutter sein will. Die Grundlage unseres Glaubens ist eine persönliche Gottesbeziehung.
Sie sind Regisseur, Hauptdarsteller und Autor des Auferstehungsspiels, Teil 1. Eine gewaltige Aufgabe – und Sie sagen es selbst: ein Wagnis. Worin liegt die größere Herausforderung? In der Freiheit der Gestaltung der Rollen, in der spirituellen Betrachtung, in der theologischen Suche nach der Wahrheit?
Meine Frau Julia und ich haben zwei Jahre an dem Text geschrieben und ihn wieder und wieder hinterfragt. Wir wollten die biblischen Zeugnisse für den Menschen von heute übersetzen und gleichzeitig nahe an den „historischen“ Jesus kommen, wie er wirklich war und was der Kern seiner Botschaft war. Der Mensch heute soll sich in Jesus wiederfinden, in seiner Suche nach Gott, in seinen Konflikten und Lebenswelten.
Dann musst Du ihn eben selbst spielen, wurden Sie nach langer Suche aufgefordert. Was macht es mit Ihnen, Jesus darzustellen?
Das ist eine Herausforderung. Wir haben ja eineinhalb Jahre nach einem Jesus-Darsteller gesucht, auch unter professionellen Schauspielern. Doch es kamen einfach immer wieder Absagen. Da war ich dann echt in der Krise, bis in der Küche von Marianne Neumüller, die mit uns Regie führte, ihr Mann Max sagte: „Dann musst Du ihn eben selbst spielen.“ Ich habe mir die Entscheidung zum Ja nicht leicht gemacht. Aber einmal getroffen, habe ich mich intensiv mit meiner persönlichen Gottesbeziehung auseinandergesetzt. Tatsächlich habe ich mich sozusagen Schritt für Schritt dem Menschen Jesus genähert. Jesus war ja Wanderprediger. Zwei Monate bin ich täglich mit meinen Gedanken über ihn und mit ihm eine Stunde allein in der Natur beim Wandern gewesen. Die Auseinandersetzung mit Jesus hat mich bestärkt, auf meinem weiteren Lebensweg mutiger Menschen entgegenzutreten, die ihre Macht ausüben, um Leben zu zerstören. Macht soll nicht gegen, sondern für das Leben verwendet werden.
Welches ist der Kern der Botschaft – zutiefst erlebt als Darsteller?
Vertrauen! Das gesamte Projekt, das ja schon vor zwei Jahren begonnen hat, ist von Vertrauen geprägt. Alle Beteiligten, von den Verantwortlichen des Heimat- und Geschichtsvereins, den Bühnenbauern, den Musikern bis hin zu den Darstellern: Jeder hat jedem vertraut. Und vor allem: Gott hat uns vertraut!
Überall ist derzeit eine Abkehr von der Kirche zu erleben. Sie hoffen, dass sich die Menschen in ihrem Spiel wiederfinden, in ihrer Suche nach Gott. Und dass sie Glauben wagen. Wie reagieren die Besucher auf Ihre Intention?
Viele der Besucher sind berührt. Oft hören wir, Jesus sei so anders, so menschlich. Und das ist es ja, was wir wollten: Jesus vor allem als Mensch darstellen. Ein Mensch, der lebenslang mit seiner Berufung als Gottessohn ringt, sich aber mehr und mehr damit vertraut macht, sie ins Leben bringt und auch im Scheitern in der Gottesbindung bleibt. Jesus geht es ums Leben, um unser Leben. So ist er für uns in erster Linie ein das Leben und die Menschen liebender Mann, überaus charismatisch, der viel lacht und Freude am Leben hat.
Sie haben zunächst mit dem Gedanken gespielt, Gott Vater als Frau darzustellen…
Das stimmt. Gott hat unserer Ansicht viel mehr Mütterliches als Väterliches. So wird er im Spiel vom männlichen Gott Vater auch dargestellt. Er umarmt Jesus oft, er schaut ihn liebevoll an, er spricht zärtlich mit ihm. Für unser eigenes Gebet wäre das ein spannendes Experiment: Gott über einen längeren Zeitraum mit „Mutter“ anzusprechen…
Von Gott Vater zur Rolle des Judas. Vom Leben gezeichnet, hofft er auf Jesus und will ihn mehr und mehr zum Werkzeug seiner Rache machen. Und dann diese bezeichnende Szene: Jesus verweigert Judas den verräterischen Kuss. Er küsst ihn vielmehr selbst, denn Judas‘ Kuss sei kein Kuss der Liebe…
Ein sehr bewegender Moment. Der Kuss Jesu nimmt Judas die Last des Verrats. Wir haben Judas bewusst radikalisiert, ihm – gerade mit Blick auf unsere Lebenssituation mit Terror und IS – eine politische Dimension zukommen lassen. Er steht stellvertretend für alle Fehlgeleiteten. Wir wollen aufzeigen, dass jedes Handeln einen Grund hat. Wie wir Judas zeichnen, ist historisch möglich, kann aber biblisch nur wenig belegt werden. Letztlich scheitern beide – Jesus und Judas. Doch das Scheitern von Judas, der sich in einer unseligen Gewaltspirale befindet, endet im einsamen, hoffnungslosen Sterben. Das Scheitern Jesu, der sich selbst im Scheitern von Gott getragen fühlt, endet in einem Liebesakt.
Die Kreuzigung als Liebesakt – liebevoller, tröstlicher als es Ihnen im Spiel gelingt, lässt sich diese brutale Hinrichtung kaum bildlich umsetzen. Gott Vater stützt Jesus am Kreuz, stirbt mit seinem Sohn mit.
Ich muss sagen, dass mich dieses Schlussbild persönlich sehr berührt. Es ist ja das eine, das Stück zu schreiben, und das andere, als „Jesus“ siebenmal auf den umarmenden Gott, im Bewusstsein meines Scheiterns und nahenden Todes, zugehen zu dürfen. Im Letzten braucht es keine Worte mehr. Gott umarmt Jesus vor der Hinrichtung, stirbt mit ihm am Kreuz. Licht durchflutet beide. Kreuz und Heiliges Grab leuchten auf. Dieses wunderbare Bild soll zeigen: Jesus ist im Ringen mit dem Tod nicht allein. Er ist in seinem vermeintlichen Scheitern nicht allein. Gott geht mit ihm. Und wenn Jesus das erlebt, dann erleben wir das auch in unserem Leiden, in unserer Freude – in unserem Leben. Gott ist mit uns.
Interview: Eva-Maria Gruber