Rosenheim/Landkreis – Schloss Herrenchiemsee in Flammen: ein unvorstellbares Szenario. Doch nach der Brandkatastrophe von Notre-Dame muss man die folgende Frage stellen: Wie kann man die vielen bedeutenden Bauwerke, Kulturgüter oder Kunstschätze in der Region retten, wenn es brennt?
Spezielle Notfallpläne gibt es bis jetzt nicht. Lediglich für das Königsschloss auf Herrenchiemsee wird derzeit ein spezieller „Angriffsplan“ entwickelt, damit die Feuerwehrmänner wissen, welche Bilder, Schmuckstücke, Skulpturen oder Wandteppiche möglichst schnell und behutsam nach draußen zu schaffen sind.
Während Paris um Notre-Dame weint, diskutieren im Raum Rosenheim viele Feuerwehrleute über die Hintergründe und Umstände der Tragödie. Dabei wird vor allem in Tuntenhausen der Ruf nach einem Rauchmelder für den Holzdachstuhl über dem Basilika-Gewölbe immer lauter.
Die Wallfahrtskirche Tuntenhausen, eine der ältesten Marienkirchen Altbaierns, ist eines von mehreren hundert Baudenkmälern in Stadt und Landkreis Rosenheim, darunter viele weitere Kirchen und zahlreiche Schlösser. Von herausragender kunsthistorischer und touristischer Bedeutung ist dabei das Neue Schloss Herrenchiemsee.
Sind Werkzeuge erforderlich? Nein,
die Uhr steht frei
Doch selbst fürs Märchenschloss, erbaut ab 1878 unter König Ludwig II., gab es bislang kein spezielles Konzept, damit Einsatzkräfte im Brandfall retten können, was zu retten ist. Doch das wird sich bald ändern. „Derzeit werden detaillierte Angriffspläne für uns Einsatzkräfte erstellt, die dann im Ernstfall in der Brandmeldezentrale greifbar sind“, verrät der Rosenheimer Kreisbrandrat Richard Schrank im Gespräch mit den OVB-Heimatzeitungen.
So können die Feuerwehrleute, wenn es schnell gehen muss, mit einem Blick alles Wissenswerte über jeden wertvollen Kunstgegenstand erfahren – zum Beispiel über eine Uhr im nach der Leibgarde des Königs benannten Hartschiersaal. Wo befindet sie sich? Im Neuen Schloss, Südflügel, erstes Obergeschoss, Raumnummer 02, auf einer Höhe von 1,85 Metern. Wie schwer und groß ist sie? 25 Kilo schwer, sie misst 45 auf 25 auf 25 Zentimeter. Sind Werkzeuge für die Demontage erforderlich? Nein, die Uhr steht frei.
Was sonst noch zu beachten ist: Wenn möglich, saubere Handschuhe tragen und die Uhr mit der Rückseite zum Körper halten, um das Ziffernblatt und vor allem den Uhrzeiger nicht zu beschädigen. Das Ganze wird auch grafisch illustriert. So kann eigentlich nichts mehr schiefgehen.
Dabei werden die Kulturgüter laut Kreisbrandrat Schrank in drei Kategorien eingeteilt, damit jeder weiß, was Priorität hat. Erarbeitet wird der Angriffsplan mit dem Titel „Kulturschutz“ unter Federführung der Bayerischen Verwaltung der staatlichen Schlösser, Gärten und Seen.
In der Tuntenhausener Basilika kann derzeit im Brandfall nicht viel kaputtgehen. Die Wallfahrtskirche wird seit 2017 aufwendig saniert, viele Votivbilder und Heiligenfiguren befinden sich deshalb in der Hand von Restauratoren. Die Maßnahmen werden sich nach Angaben von Pfarradministrator Bruno Bibinger noch bis Ende 2019 hinziehen.
Um die bekanntesten Objekte in der Basilika vor einem Feuer zu retten, bedarf es keines ausgeklügelten Plans. Die Marienstatue ist unbefestigt, eine kleine Leiter genügt, um an sie heranzukommen. Gleiches gilt für den „Tod von Tuntenhauen“ – ein Wandbild, das mit einem Handgriff abgehängt werden kann.
Einen Angriffsplan für den Brandfall gibt es nicht, die Feuerwehr Tuntenhausen hält sich aber mit regelmäßigen Begehungen der Kirche auf dem Laufenden. Schließlich ist die Basilika für viele Tuntenhausener eine Herzenssache. Kein Wunder also, dass in Feuerwehrkreisen schon vor der Tragödie von Notre-Dame immer wieder über Feuerschutzmaßnahmen in der Basilika diskutiert worden ist.
Die Türme sind zwar mit einer Sprenkelanlage ausgestattet, die Wasser auf die Kirche regnen lässt, sobald die Feuerwehr die Schläuche angeschlossen hat. Doch viele wünschen sich Rauchmelder im Holzdachstuhl über dem Gewölbe. Die gibt es dort bisher nicht.
„Das merkst du erst, wenn es schon den Dachstuhl zerreißt“
„Wenn dort oben ein Feuer ausbricht, merkst du das erst, wenn es schon den Dachstuhl zerreißt“, formuliert es ein Feuerwehrler bildlich. Rauchmelder, die mit einer Außensirene gekoppelt sind, könnten dazu führen, dass die Einsatzkräfte wesentlich früher alarmiert werden – und damit das Feuer noch eindämmen, ehe es zu spät ist.
Für die Restaurierung der Basilika werden derzeit Millionen ausgegeben. Die Kosten von 500 Euro für die Rauchmelder seien da gut investiertes Geld. Vielleicht kommen sie ja bald. Und möglicherweise befassen sich die Behörden nach Notre-Dame auch mit dem Gedanken, nach dem Königsschloss auf der Herreninsel auch „Rettungspläne“ für weitere Kostbarkeiten in der Region zu erstellen.
Wie schnell es gehen kann, hat im Mai 2008 der Großbrand in der Rosenheimer Kunstmühle gezeigt. Das Feuer, verursacht durch einen undichten Abgaskamin, hatte einen Schaden von mehreren Hunderttausend Euro verursacht.