Bad Aibling – Es war nur ein Augenblick, schon war der Vierbeiner in der Mangfall verschwunden. Bei dem Versuch, ihren Hund zu retten, geriet die Bad Aiblingerin selbst in Lebensgefahr. Spaziergänger hatten die Situation sofort erfasst. Ein 64-jähriger Bruckmühler sprang ins Wasser, zog die bewusstlose Frau mithilfe eines weiteren Passanten ans Ufer und reanimierte sie. Die Frau kam ins Klinikum Bad Aibling und ist außer Lebensgefahr.
Etwa 20 Feuerwehrleute aus Bad Aibling und Willing waren neben Rettungsdienst, Polizei, DLRG und Wasserwacht gegen 14.30 Uhr am Einsatzort. An dieser Stelle, Flusskilometer 13,7, nahe dem Unterheufelder Wehr (regelt Zu- und Abfluss der Mangfall), befindet sich eine von mehreren Dutzend Wasserwalzen zwischen Bruckmühl und Rosenheim in der Mangfall.
Wer hineingerät, ist in Lebensgefahr. Die Strömung packt ihn und wirbelt ihn spiralförmig nach unten, meist kopfüber. Selbst ein hervorragender Schwimmer, so warnen Wasserwachtler, kann sich unter Umständen nicht aus diesem Waschmaschineneffekt befreien. Er wird herumgeschleudert, und auch wenn er kurzzeitig nach oben getrieben wird, zieht ihn die Walzbewegung des Wassers im selben Moment wieder nach unten.
Sechs Tote in den vergangenen Jahren
Keine Luft, erschöpft, Kopfverletzungen, ertrunken – in den Jahren 2009 bis 2016 kamen in der Mangfall auf diese Weise allein sechs Menschen ums Leben: 2009 ein Achtjähriger, der zunächst gerettet wurde, doch dann verstarb. Im selben Jahr wurde ein 40 und 33 Jahre altes Ehepaar beim Versuch, zwei Teenager aus einer Walze zu befreien, Opfer seiner Rettungstat. Die 13- und 14-Jährigen überlebten, an die gestorbenen Retter erinnert ein Gedenkkreuz in Unterheufeld.
2010 kamen ein Münchner Surfer, Bergsteiger und Snowboarder sowie sein Freund beim Stand-Up-Paddeln auf Boards ums Leben. Ihre Leichen wurden bei Louisenthal gefunden. 2016 riss die Strömung bei Kolbermoor einen 14-Jährigen vor den Augen seiner Freunde fort. Er kam in der Walze um.
Im Fall der 42-jährigen Bad Aiblingerin waren auch Wasserretter vor Ort, mussten aber nicht mehr eingreifen. Ihre Ausbildung gehört zur Grundausstattung eines Wasserwachtlers. Aufgefrischt wird sie mehrmals im Jahr bei Übungen in der Mangfall.
In Schutzkleidung (Neoprenanzug, Helm) begibt sich der Wasserretter in die Walzen. Jeweils zwei Kollegen am Ufer halten ihn per Seil oberhalb und unterhalb der Walze. Auf diese Weise wird er in dem tückischen Sog stabilisiert, wie Christian Wieseke, Leiter der Wasserwacht Bad Aibling, erläutert. Per Bootshaken sucht der Retter dann den Flussboden ab.
Mit Blick auch auf das aktuelle Unglück warnt die Wasserwacht vor den Tücken der Mangfall: So gehe Selbstschutz vor Fremdschutz, auch wenn es um einen geliebten Hund geht. Der Vierbeiner, der die Rettungsaktion für die Bad Aiblingerin auslöste und abtrieb, ist noch nicht gefunden. Bis gestern Abend wollte die Wasserwacht erneut nach dem Tier suchen.
Hinweistafeln
am Ufer
Hilfreich für die Passanten bei der Alarmierung waren am Ostermontag die Hinweistafeln am Ufer. Alle 200 Kilometer geben sie den Flusskilometer von der Innmündung in Rosenheim bis zum Tegernsee an. Aufgrund der wiederholten dramatischen Vorfälle stellte das Amt zusätzliche Schilder bei Abstürzen auf, um eine Alarmierung der Rettungskräfte zu beschleunigen.
Verbotsschilder gegen das Baden in der Mangfall, intensiv diskutiert im Wasserwirtschaftsamt, hält die Behörde für kontraproduktiv. Leiter Paul Geisenhofer: „Das würde suggerieren, dass benachbarte Stellen ungefährlich sind.“ Das sei trügerisch, denn die Mangfall sei ein alpiner Fluss, der Gefahren birgt, insbesondere im Sommer bei der Schneeschmelze oder nach Gewittern. Deshalb sei eine Sensibilisierung der Bevölkerung vor dem Fluss unabdingbar.
Warum aber braucht die Mangfall Abstürze, die Wasserwalzen produzieren? Sie werden hervorgerufen durch die im Fluss eingebauten Stufen von klein (30 bis 40 Zentimeter) bis groß (ein Meter). Daran stürzt das Wasser senkrecht ab, wodurch sich unterhalb der Stufe die Walze bildet. Das Wasser kann hier zwei Meter tief sein. Es fließt am Grund ab und kreiselt an der Oberfläche (Waschmaschineneffekt) – gefährlich für Mensch und Tier, ökologisch aber wertvoll.
Abfluss derzeit
sehr niedrig
Denn mithilfe der Abstürze wird das Flussbett stabilisiert, sodass es sich nicht eingräbt und absinkt. Wie gefährlich ein Absturz ist, hängt von der generellen Wasserführung des Flusses ab. Letzte Woche betrug der Abfluss zwischen 15 und 23 Kubikmeter – sehr niedrig.
Die Abstürze sind teils 100 Jahre alt und müssen saniert werden. Das Wasserwirtschaftsamt plant raue Rampen. Statt Stufen mit senkrechtem Absturz werden Natursteine hintereinandergeschichtet schräg angeordnet. Sie produzieren keine Walzen, „was nicht heißt, dass es hier ungefährlich ist“, sagt Geisenhofer und verweist auf glitschiges Geröll, auf dem Badende ausrutschen können.
Die walzenlose Bauweise resultiert aus ökologischen Gründen: Die Mangfall wird fischdurchlässig gemacht, Stufen hindern ihr Weiterkommen, Rampen können sie überwinden.