Uniformierte Fahndung nach Followern

von Redaktion

Wie das Social-Media-Team des Polizeipräsidums Oberbayern Süd arbeitet

Rosenheim – An den Wänden hängen die erfolgreichsten Beiträge aus den Sozialen Netzwerken, mehrere Schreibtische mit Computern stehen im Raum und nebenan ist das Besprechungszimmer. So stellt man sich eine typische Social-Media-Abteilung vor. Doch anstatt hippen Marketingspezialisten sitzen hier uniformierte Vollzugsbeamte vor den Bildschirmen.

„When Facebook Spread Hate, One Cop Tried Something Unusual“ („Als Facebook Hass verbreitete, versuchte ein Polizist etwas Unübliches“) lautet ein Artikel in der New York Times im Februar 2019. Durch diesen Artikel wurde das SocialMedia-Team des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd weltweit berühmt (wir berichteten).

Vergewaltigung hat

nie stattgefunden

Im Jahr 2017 waren fremdenfeindliche Fake-News in Facebook veröffentlicht und der Polizei vorgeworfen worden, eine Vergewaltigung zu verheimlichen. Laut der Falschnachrichten eines jungen Mannes sollte eine 13-Jährige in einer Traunsteiner Unterführung von mehreren Asylbewerbern vergewaltigt worden sein. Diese Tat hatte allerdings nie stattgefunden.

Deshalb arbeitete das Social-Media-Team, die Pressestelle des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd und die Polizeiinspektion Traunstein damals eng zusammen, um dem Vorwurf entgegenzuwirken und den falschen Nachrichten auf den Grund zu gehen.

Der Leiter des Social-Media-Teams, damals Pressesprecher, Andreas Guske, war mit der Berichterstattung über die Aufklärung der Fake-News in einigen Zeitungen nicht zufrieden: Er selbst wurde als Internetheld gefeiert während das Social-Media-Team und die Polizeiinspektion Traunstein kaum bis gar nicht vorkamen, obwohl diese maßgeblich an der Aufklärung beteiligt waren. „Mir hat es einfach wehgetan, dass die Kollegen kaum erwähnt wurden“, erzählt Guske.

Doch wie arbeitet das Social-Media-Team des Polizeipräsidiums Oberbayern Süd? Die OVB-Heimatzeitungen haben nachgefragt. Vier uniformierte Polizeibeamte arbeiten hier im fünften Stock des Polizeipräsidiums. Und wie wird man dann zum Social-Media-Spezialisten? Das Team ist ein bunt zusammengewürfelter Haufen. Zwei der Mitarbeiter kommen aus der Öffentlichkeitsarbeit, einer wurde aus der EDV-Abteilung rekrutiert und die vierte ist durch ihre ausgeprägte Menschenkenntnis und den richtigen Blick für Bilder ins Team gekommen.

Die Aufgabe des Teams ist es, das Polizeipräsidium Oberbayern Süd in den Sozialen Medien zu präsentieren. Ziel ist es, die Menschen über die aktuelle Kriminalitätslage zu informieren, Prävention zu betreiben und Zeugenaufrufe zu verbreiten. Dafür wollen sie möglichst viele Follower generieren, um eine hohe Reichweite zu erreichen und vor allem Warnungen schnell verbreiten zu können. „Deshalb versuchen wir, interessante Beiträge zu gestalten“, sagt Andreas Guske, Leiter des Social-Media-Teams.

Inzwischen hat der Facebook-Kanal des Polizeipräsidiums über 32000 Follower, auf Twitter sogar über 34000. Das nächste Projekt wird in Zusammenarbeit mit der Feuerwehr und dem Rettungsdienst umgesetzt. Denn es gäbe große Probleme, wenn Notrufe abgesetzt werden und vor Ort die Hausnummer nicht sichtbar angebracht ist. „Hier soll Bewusstsein geschaffen werden. Im Notfall können wertvolle Sekunden verloren gehen“, erklärt Fabian Bernhardt, Mitarbeiter des Social-Media-Teams.

Mit das erfolgsreichste Video des Polizeipräsidiums war zum „Tag der Muttersprache“, das von vielen Politikern und Prominenten auf Facebook geteilt und insgesamt über 400000-mal abgespielt worden ist. „Das Video ging durch die Decke“, erzählt Bernhardt. Ein zweites, sehr beliebtes Video ist der „Boxenstopp – Reifenwechsel“ zum Winteranfang, das sogar vom Innenministerium in Österreich nachgeahmt wurde.

Manchmal gibt es Beiträge, die ganz unerwartet auf sehr viel Rückmeldung stoßen. Am Ende der Sommerferien im vergangenen Jahr wurde ein Beitrag zum Thema Wohnwageneinbrüche veröffentlicht, weil diese vermehrt in der Region stattfanden. „Damit wurde über die Bundesgrenzen hinweg Interesse geweckt und die Leute haben von Wohnwageneinbrüchen in ihren Urlauben in Spanien, Italien und Schweden berichtet“, erzählt Guske.

Bei anderen Beiträgen wissen sie vorher schon, dass sie moderieren müssen. „Die Plattform lebt davon, dass wir miteinander kommunizieren, aber manchmal müssen wir auch eingreifen, zum Beispiel bei Beleidigungen, Opferdeformierung oder Falschinfos. Das lassen wir auf unserer Seite nicht zu“, so Bernhardt.

Die Beamten versuchen etwa einen Beitrag pro Tag zu veröffentlichen, um über die aktuelle Lage zu informieren und möglichst viele Menschen zu erreichen. Bei Großereignissen wie zum Beispiel 2017 beim Unwetter auf dem Echelon und dem Chiemsee-Summer-Festival oder bei heftigen Delikten können es natürlich auch mal mehr werden. „Dann wollen wir die Leute auf dem Laufenden halten“, sagt Guske.

Zusammenarbeit

mit THW und Co.

„Wir nutzen die Plattform auch, um den Freiwilligen zum Beispiel von Feuerwehr, THW und Wasserrettung zu danken und sie zu unterstützen. Wir sind extrem abhängig voneinander und ohne sie würde es einfach nicht gehen. Dafür sind wir unendlich dankbar“, erzählt Guske.

Rechtlich ist das Social- Media-Team an die Datenschutzgrundverordnung gebunden, die sie zwar sehr gut nachvollziehen können, aber die die Arbeit häufig erschwere, so Guske. Ansonsten müssen die Beiträge so gestaltet werden, dass die erwähnten Personen nicht identifizierbar sind. Deshalb bleibt häufig der Wohnort oder das Alter von beteiligten Personen ungenannt.

Insgesamt freuen sich die Beamten über die rege Berichterstattung zu ihrem Einsatz gegenüber den Fake-News. „Obwohl manche Artikel nicht ganz korrekt waren, hat die Bevölkerung wahrgenommen, dass wir dagegen halten – insofern war es die richtige Message“, sagt Guske.

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