Guter Nahverkehr noch fern

von Redaktion

Raus aus dem Verkehrskollaps, rein in eine staufreie und attraktive ÖPNV-Zukunft? Wege dazu wollte gestern ein Verkehrsgipfel in der Staatskanzlei aufzeigen. Die Erwartungen sind im Rosenheimer Raum bescheiden. Der Landkreis setzt auf ein eigenes Mobilitätskonzept.

Rosenheim – Die Stadt Rosenheim (63000 Einwohner) ächzt wie die meisten Kommunen unter der Verkehrslast und einem ungenügenden öffentlichen Nahverkehr. Täglich 24015 Einpendler und 13889 Auspendler (Stand Juni 2018) muss Rosenheim verkraften. Deswegen haben auch die Buslinien in der Stadt mit Problemen zu kämpfen.

Im Landkreis-Norden sieht es düster aus mit dem Nahverkehr: Aus Schnaitsee und Babensham kann der Fahrgast zum Beispiel gegen 7.30, 10.30 und 14.30 Uhr Wasserburg erreichen. Der Anschluss von dort nach Rosenheim ist mehr oder minder gut: in der Früh etwa zehn Minuten Umsteigezeit, am Nachmittag eine halbe Stunde. Zurück kommt man nur per Bus bis 17.20 Uhr ab Rosenheim, die letzten beiden Busse enden in Griesstätt.

Im Norden fast keine ÖPNV-Versorgung – das erlebt der amtierende Landrat Josef Huber, zugleich Bürgermeister von Babensham, am eigenen Leib. Um einen Nahverkehrspunkt zu erreichen, müsste Huber erst etliche Kilometer per Auto zurücklegen. Der Effekt fürs Klima und gegen den CO2-Ausstoß wäre verpufft, ganz zu schweigen vom Zeitaufwand.

Dass etwas geschehen muss, ist Experten und Politikern bewusst. Der gestrige ÖPNV-Gipfel in der Staatskanzlei befeuerte das Angebot an die Kommunen für ein vom Land bezuschusstes 365-Euro-Jahresticket für Fahrgäste. Dies jedoch wäre für Landrat Huber „nicht bezahlbar“ und würde sämtliche Tarife „kannibalisieren“. Kleinteilige Lösungen im ländlichen Raum will der Freistaat – als Ausgleich zum Angebot an die Ballungszentren – ebenfalls bezuschussen. Das verspricht der Gipfel.

Der Landkreis Rosenheim hat 2018 ein Mobilitätskonzept in Auftrag gegeben, im Herbst soll es auf dem Tisch liegen. Verzögert um ein halbes Jahr, weil während der Erarbeitung Teile überholt sind und aus der Fremdenverkehrsbranche Wünsche hinzukamen. Neue Mobilitäten wie die E-Scooter sind noch gar nicht berücksichtigt. Im Konzept geht es um Verknüpfungen bestehender Linien, für die nur ein Ticket notwendig ist. Und um Radwege. Das Kreistiefbauamt erarbeitet Huber zufolge zurzeit Konzepte, wo an Kreisstraßen Radwege gebaut werden können. Die Grundbeschaffung ist Sache der Gemeinden.

Um den Nahverkehr im Landkreis voranzutreiben, haben der Kreis und seine Bürgermeister Arbeitskreise ins Leben gerufen, jeweils für die vier Bereiche (Nord, West, Süd, Ost). Hier können sich auch Bürger beteiligen.

Eine Million Euro hat der Kreis für Verbesserungen des ÖPNV im Haushalt 2019 vorgesehen, die bisherige Summe damit verdoppelt. Zusammen mit den Bürgermeistern ist man sich einig: Der Anteil muss noch weiter angehoben werden, um den Nahverkehr attraktiv zu machen.

Gibt der Verkehrsgipfel neue Impulse? Hält er, was er verspricht? „Wir machen unsere eigenen Konzepte“, sagt Huber. Die Regierung könne nur unterstützend tätig sein. Es sei aber wichtig, dass durch den Gipfel der ÖPNV im Gespräch sei.

Dichtes ÖPNV-Netz – Fast flächendeckend ist eine Haltestelle des Stadtverkehrs Rosenheim in 300 Metern Radius um jede Türschwelle zu finden. Heißt: gute Erreichbarkeit. Die Taktung der Busse: grundsätzlich 30 Minuten, in Verdichtungsgebieten wie Berufs- oder Hochschule, FOS, Pang, Kufsteiner Straße 15 Minuten, in Gebieten mit sehr geringem Fahrgastaufkommen (Kastenau, Industriegebiet Ost, Kefer, Pfaffenhofen) alle 60 Minuten. Nach den Stoßzeiten beginnt der Verkehr der Ringlinien.

Erreichbarkeit – Die Haltestellen müssen von der Unteren Verkehrsbehörde genehmigt werden. Ingmar Töppel, Geschäftsführer Stadtverkehr Rosenheim: „Für das Bestandsnetz haben wir schon ein Optimum erarbeitet. Manche Lücken wie in Aising ,Alter Wirt‘ oder Langenpfunzen scheitern an Einsprüchen von Anwohnern.“

Spitzenzeiten – Die Auslastung der Busse schwankt nach Tagesart (Schul- oder Ferientage) und Tageszeit. Verkehrsspitze ist 7 bis 8 Uhr durch den Schülerverkehr; Abendspitze: Montag bis Donnerstag von 16.45 bis 18.15 und Freitag von 14.30 bis 17 Uhr. Stark sind etwa die Linien 1 (Schüler/ Studenten) sowie 8/9 (Kolbermoor). Schwach ist etwa die Linie 10 (im Schnitt 1,2 Fahrgäste). Rufbusse gibt es noch nicht, sind aber in Planung.

Taktung – Ideal ist ein Zehn-Minuten-Takt. Das macht den Fahrplan überflüssig. Aber das Modell ist nicht bezahlbar. Entsprechend dem Fahrgastverhalten (starke/schwache Nachfrage) ist nachzusteuern.

Gipfel-Erwartung – „Der Gipfel schwebt über den Wolken – die Basis ist von dort aus nicht zu sehen“, sagt Töppel.

Geldtöpfe – Mit mehr Geld kann man mehr Angebote platzieren. Das sollte nicht pauschal mit Gießkanne, sondern abgestimmt mit den Verkehrszielen der Stadt erfolgen.

365-Euro-Ticket – „Ein Verbund ist immer eine schöne, aber teure Angelegenheit. Träumereien, wie etwa Anschluss an den MVV, sind nicht zu finanzieren“, so Töppel. Hierzu hört man von Kosten in Höhe von 100 Millionen Euro, ohne dass eine einzige Fahrt mehr geleistet wird. Das wäre dann nur für die Tarifeinheit. Der Stadtverkehr hat seit mehr als 15 Jahren mit dem CityBon und seit zwei Jahren mit dem Stadt-Land-Bus-Ticket (unter Voraussetzungen etwa 50 Prozent Rabatt) ein günstiges Angebot für die Fahrgäste.

Parken für Pendler – Momentan ist das Parken für die Kosten dieser Verkehrsflächen sehr günstig. Dies dürfte die Stellschraube für die Pendlerströme sein. Die Einwohner vom Umland sind oft auf das Auto angewiesen, im Stadtgebiet gäbe es schon ein gutes Angebot. Stellvertretender Landrat Huber wünscht sich noch mehr Park&Ride-Plätze.

Wünsche – Ein kostenfreier zentrumsnaher Großparkplatz wie die Loretowiese ist ein Magnet für Parksuchverkehr, sagt Töppel. Wenn diese Möglichkeit nicht zur Verfügung steht, wird’s ganz übel. Parken am Straßenrand ist „out“, Angebotsstreifen für Fahrräder sind ein Lösungsansatz. Und: Die Ampeln laufen 24 Stunden an sieben Tagen – ein vermeidbarer CO2-Ausstoß.

Ziel – Der Nahverkehr muss mit seinen Leistungen in die Köpfe der Noch-nicht- Nutzer und der Politiker. Der ÖPNV ist viel besser, als er von nicht ÖPNV-Nutzern gemacht wird, findet Töppel.

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