Amerang – Regungslos liegt das Rehkitz im grünen Gras, hebt nicht einmal den Kopf, als sich die Fremden vorsichtig bis auf zwei Meter nähern. Nur die gespitzten Ohren zeigen: „Bambi“ ist wach und aufmerksam. Es ist das erste Jungtier, das die Wildtierhilfe Amerang vor dem Mähtod gerettet hat.
Eigentlich wollten Reiner Mittel, Marie-Theres Schurrer und ihr Mann gestern in aller Früh nur mit der Drohne des Vereins, die mit einer Wärmebildkamera Wiesen auf der Suche nach Jungtieren überfliegt, üben. Dafür hatten sie auf die Körpertemperatur der Kitze angewärmte Wasserflaschen ausgelegt. Die Kamera spürte jedoch nicht nur die Attrappen auf, sondern meldete zwei weitere Wärmepunkte. Hier lagen zwei Rehkitze.
Das ist eine Überraschung: Denn in der ersten Mahd, die jetzt ansteht, werden in der Regel noch keine frisch geborenen Wildtiere erwartet. Das Gras sei auch noch gar nicht hoch genug, hatte es geheißen. „Jetzt hat sich gezeigt, die Kitze sind doch schon da“, ist Schurrer alarmiert.
Die Ersten, die per Drohne aufgespürt wurden, dürfen vorerst auf ihrem Lieblingsplatz in Amerang liegenbleiben. Erst kurz vor der Mahd werden sie von den Helfern des Vereins Wildtierhilfe e.V. mit einem Tragekorb aus der Wiese transportiert. Anfassen werden die Ehrenamtlichen – Bürger aus Amerang und Umgebung – die Kitze natürlich nicht. Und nach dem Mähvorgang wieder zurücktragen.
Rehkitze laufen bei Gefahr nicht weg. Sie lassen sich kaum vergrämen und auch von Suchhunden nicht aufspüren, weil sie noch keinen typischen Wildgeruch haben. Deshalb sind sie den Mähwerken hilflos ausgeliefert. 90000 fallen jährlich den Traktoren zum Opfer, so die Deutsche Wildtierstiftung. Vor wenigen Tagen entdeckte eine Helferin des Vereins in Halfing ein Muttertier, das suchend in einer Wiese stand – und am Rande die Überreste ihres Kindes, das von einer Mähmaschine zerstückelt worden war.
Einsatz im Umkreis von 30 Kilometern
In Amerang und Umgebung in einem Umkreis von 30 Kilometern wollen die Mitglieder des Vereins dies verhindern. Sie haben mit Spendengeldern eine Drohne angeschafft, sich im Fliegen von Drohnenexperte Stefan Lackerschmid ausbilden lassen und stehen jetzt parat, frühmorgens um 4 Uhr Felder abzusuchen. Dafür sind die Ehrenamtlichen auf Anrufe von Landwirten und Jägern angewiesen.
Werner Fröwis, Vorsitzender des Kreisverbandes Wasserburg-Haag der Jäger, appelliert, das Angebot des Vereins anzunehmen. „Das ist eine gute Sache“, sagt er. Fröwis sieht in der Absuche der Wiesen mit einer Wärmekamera einen von vielen Bausteinen, die helfen, die Kitze vor dem Tod zu bewahren. Landwirte setzen außerdem auf Lautsprecher und Blinklichter, viele suchen vor dem Mähen das Feld intensiv ab.
Vor allem in den nun folgenden vier Wochen ist nach Erfahrung von Fröwis die Hauptzeit der Geburten. Die beiden ersten Kitze, die gestern gerettet wurden, sind etwa eine Woche alt, schätzt der Jäger. Heike Duczek