– Rosenheim – Kein bisschen klapprig, obwohl heute 165 Jahre alt – damit bricht William Sherlock Scott Holmes alle Rekorde bei Lebensaltern. Und ohnehin als genialer Ermittler aus der Londoner 221b Baker Street.
Verfilmungen mit Robert Downey junior zeigen ihn mit Deerstalker (Mütze) und Inverness-Mantel (Umhang), mit Lupe, Notizbuch, falschen Bärten und Brillen. Benedict Cumberbatch als Holmes hantiert mit Smartphone und iPad und kommt damit Holmes Erben näher.
Falsche Bärte gehören in die Märchenkiste
Deren Waffe: Keine Knarre, dafür PC, GPS, Kamera, soziale Netzwerke – und „viel Geduld“, sagt Heinz Ritter, Chef der gleichnamigen Detektei in Rosenheim. Etwa 1000 Detektive arbeiten in Deutschland, schätzt er, circa 100 sind im Bundesverband Deutscher Detektive. Warum so wenige?
Während in anderen europäischen Ländern der Job ein Ausbildungsberuf ist, reichen hierzulande 60 Euro für den Gewerbeschein – „drei Minuten später ist man Detektiv“, sagt Ritter. Anders, wer dem Verband angehört: Er muss diffizile Prüfungen ablegen (bürgerliches Recht, Strafrecht etc.).
Wenn Ritter ermittelt, ist das nüchtern und nicht romantisch. Es geht um Befragungen, Observationen, akribische Recherchen – etwa zu Wirtschaftskriminalität, Schwarzarbeit, Personenüberwachung, Versicherungsbetrug. Dunkle Gassen, in denen er sich verkleidet herumtreibt, gehören in die Märchenkiste.
Sherlock Holmes, dünn, 1,83 Meter groß, Kokainkonsument (damals nicht verboten), Geigenspieler, Hakennase und auffällig gekleidet, erkennt man auch in der Menschenmenge. Seine detektivischen Erben sind unauffällig. Eine gewisse Eloquenz muss sein und wie Cumberbatchs Holmes sind ein cleveres Köpfchen und Kreativität gefragt.
Ritter hat keine besondere Affinität zur literarischen Figur Holmes. 25 Jahre Berufserfahrung vermitteln dem ehemaligen Polizeivollzugsbeamten jedoch tiefe Einblicke in menschliche Banalitäten und Abgründe.
Beweise erdrücken
Paralympic-Sportler
Ein Beispiel: Im Tiroler Skigebiet tippt ein Autofahrer beim Rückwärtssetzen des Wagens einen Rollstuhlfahrer an, der aus seinem Sitz fliegt. Beide Männer stellen fest: keine Beschädigungen an den Fahrzeugen, keine Verletzungen. Das Angebot, den Rollstuhlfahrer ins Krankenhaus zu fahren, lehnt dieser ab. Abends taucht er dort auf und klagt über große Schmerzen. Der Verursacher kontaktiert den Detektiv. Die Frage für den nächsten Tag: Fährt der Rollstuhlfahrer, wohnhaft in Monaco und in Sportlerkreisen als Paralympic-Teilnehmer bekannt, etwa unbeschwert Ski? Tat er, Ritter konfrontierte ihn mit Beweismaterial. Der Mann zog seine Anzeige gegen den Verursacher zurück.
„Trauen Sie niemals allgemeinen Eindrücken, sondern konzentrieren Sie sich auf Einzelheiten“, sagt Sherlock. „Stimmt“, sagt Ritter. „Einzelheiten, die Otto Normalverbraucher nicht erkennt, fallen uns schneller auf, weil wir in dem Moment nicht das große Gebilde sehen.“
„Nichts ist trügerischer als eine offensichtliche Tatsache“, sagt Sherlock. „Da ist was dran“, sagt Ritter. „Wenn alles so glatt ist, dann kann was nicht stimmen. Dieses Bauchgefühl kennt jeder.“
„Wenn das Unmögliche eleminiert wurde, muss das, was übrig bleibt, auch wenn es noch so unwahrscheinlich ist, logischerweise die Wahrheit sein“ ist der bekannteste Sherlock-Ausspruch. Was sagt der Detektiv aus Rosenheim? „Immer anwendbar.“
Die meisten von Ritters Kollegen kommen aus verwandten Berufen: Polizei, Militärischer Abschirmdienst, Verfassungsschutz. Holmes entspringt der Fantasie von Schriftsteller Sir Arthur Ignatius Conan Doyle (1859 bis 1930). Dessen Geburtstag ist der 22. Mai, der zum Internationalen Sherlock-Holmes-Tag wurde – übrigens auch zum Tag des Vanillepuddings.
Spürnasen feiern
drei Geburtstage
Drei fiktive Geburtstage hat Sherlock, weil sich Fans weltweit uneins sind: 6. Januar, 6. März, 2. Dezember. Die Sherlock-Romane sind seit der BBC-Verfilmung mit Cumberbatch hoch im Kurs – obwohl in der Statistik des Börsenvereins des Deutschen Buchhandels Krimis nur 25 Prozent vom Gesamtumsatz ausmachen (Stand 2017).
Eine gültige Studie von 2015 zeigt: 50 – 59-Jährige lesen am meisten Krimis, Frauen mehr als Männer (51:37). Barbara Voit vom Landesverbandweiß: Krimis, die im regionalen Umfeld spielen (wie Kluftinger) treffen den Mainstream.
Der Bluff mit
dem Bankkonto
Ritter agiert weltweit. „Das Wichtigste ist ein internationales Netzwerk.“ Das half bei einem Kapitalanlagenbetrug. Der Mann hatte Leute um Millionen geprellt, wollte selbst Opfer sein. Eine Betroffene beauftragte Ritter. Er fand heraus: Der Mann flog wiederholt in die Schweiz. Ein Kollege dort übernahm. Dann die Konfrontation und der Bluff mit Volltreffer: „Sie haben ein Bankkonto in der Schweiz.“
Heute nutzt die englische Polizei eine Datenbank namens Holmes. Scotland Yard in Sherlocks Zeit kooperiert mit Consulting (beratende) Detektives. Ein Sprecher des Polizeipräsidiums Süd in Rosenheim: „Machen wir nicht. Wir haben unsere eigenen Ermittler.“