Rosenheim – Die älteste Milchkuh Bayerns feierte im vergangenen Jahr im schwäbischen Attenhausen ihren 23. Geburtstag. Ein stolzes Alter, zumal wenn man in Betracht zieht, dass eine Kuh im Freistaat im Durchschnitt zum Schlachter kommt, bevor sie sechs Jahre alt wird. Tierschützer und einige Wissenschaftler kritisieren nun, dass Kühe regelrecht kaputt gemolken würden. Gar von „Qualzucht“ ist die Rede. In der Region trifft dieser Warnruf bei Vertretern landwirtschaftlicher Verbände auf ein kritisches Echo.
Statistik
des LKV
Die Zahlen zeigen, dass die Milchleistung von Kühen in den vergangenen Jahren immer weiter gestiegen ist. Das Landeskuratorium für tierische Veredelung (LKV) erfasst und veröffentlicht entsprechende Statistiken. Laut LKV-Bericht gaben die mehr als 53000 Milchkühe im Landkreis Rosenheim im Jahr 2017 im Jahresschnitt pro Kuh 7687 Kilogramm Milch. Sie liegen damit knapp unter dem bayerischen Schnitt von 7701 Kilogramm Jahresmilchleistung.
Der landesweite Wert ist in den vergangenen zehn Jahren zwar um mehr als 700 Liter gestiegen. Bayern liegt im bundesweiten Vergleich damit aber immer noch auf dem vorletzten Platz vor Baden-Württemberg. An der Spitze steht laut LKV-Bericht Thüringen mit 9505 Kilogramm Milch pro Kuh und Jahr.
Unterschiede
bei den Rassen
Doch Kritiker sagen, die auf maximale Milchleistung gezüchteten Kühe seien öfter krank und hätten eine niedrigere Lebenserwartung. Diese Einschätzung teilt Josef Bodmaier nicht. Der hiesige Kreisobmann des Bayerischen Bauernverbandes (BBV) führt einen Biobetrieb mit etwa 60 Milchkühen. Er findet die Diskussion „etwas übertrieben“. Ja, die Kühe seien hochleistend. Aber das komme nicht alleine von der Züchtung. „Wenn die Haltung optimal ist, dann kann die Kuh auch Milch geben“, sagt er. Er vergleicht eine Kuh mit einem Leistungssportler, bei dem auch alle Rahmenbedingungen passen müssen, damit die Leistung stimme.
Daher sind auch die Zahlen zur Jahresmilchleistung einer Kuh für Bodmaier nicht unbedingt ein Alarmsignal dafür, dass das Tierwohl gefährdet ist. Welche Zahl vertretbar ist? „Wirtschaftlich sind wir da vielleicht bei 9000 Kilo. Was darüber hinaus geht, dürfte für die wenigsten Landwirte noch rentabel sein.“
Die Investitionskosten, um Werte jenseits der 9000er-Marke zu erzielen, seien zu hoch. Auch dass die Kühe heutzutage deutlich früher zum Schlachter kommen als früher, ist für Bodmaier nur bedingt aussagekräftig. Kühe, die 15 Jahre und länger im Stall stehen, „hatten wir vielleicht ganz früher mal“, sagt er. Dass es heute öfter Probleme mit Krankheiten gebe, könne man allerdings „nicht abstreiten“.
Alois Fersch, Berater des Biobauernverbandes Demeter im Bereich Chiemgau, sieht die Entwicklung in der Milchviehzucht kritischer. „Der Hochzüchtungsbereich ist nicht mehr tiergerecht“, sagt er. Allerdings findet er die Durchschnittswerte der bayerischen Milchviehbetriebe nicht grundsätzlich bedenklich. „Aber alles was über 8000 Liter pro Kuh geht, ist nicht mehr tiergerecht“, urteilt er. „Im Spitzenbereich werden die Tiere überlastet.“
Dabei verweisen Fersch und Bodmaier unisono darauf, dass es deutliche Unterschiede bei den Rassen gebe. Das Fleckvieh, die in Oberbayern mit Abstand am weitesten verbreitete Kuhrasse, gebe weniger Milch als die sogenannten Schwarzbunten, die in norddeutschen Betrieben häufiger seien. „Die haben aber im Vergleich zum oberbayerischen Fleckvieh weniger Fleisch“, sagt Bodmaier. Es ist für die hiesigen Bauern also bei nachlassender Milchleistung früher wirtschaftlich, die Kuh schlachten zu lassen.
Andere Fütterung
in Biobetrieben
Unterschiede sehen der BBV- und der Demeter-Vertreter zwischen biologischer und konventioneller Landwirtschaft. „Natürlich ist nicht jeder konventionelle Bauernhof ein Hochzüch- tungsbetrieb“, sagt Alois Fersch und warnt vor pauschalen Verurteilungen. Aber tendenziell gebe es in Biobetrieben weniger überzüchtete Tiere. Hinzu komme, dass Biokühe anders gefüttert werden. Beides führe dazu, dass eine Biokuh weniger Milch gebe als eine in einem konventionell geführten Stall.
Das sei aber für den Biobauern immer noch wirtschaftlich, weil er die Milch teurer verkaufen könne. Auch für Josef Bodmaier gibt es keinen Grund, die konventionellen Betriebe „pauschal zu verteufeln“, sagt er. „In einem neu gebauten konventionellen Stall wird sehr viel fürs Tierwohl getan“, sagt der BBV-Obmann. Auch das trage zur Milchleistung bei.
Umdenken
gefordert
Alois Fersch appelliert an ein Umdenken bei den Landwirten. Die Rechnung, je mehr Milchertrag, desto höher der Gewinn, gehe in der heutigen Zeit nicht mehr auf. Ein Biolandwirt, der von seinen Kühen deutlich weniger Milch bekomme, gleiche das über die besseren Preise wieder aus. Fersch sagt: „Wenn die Bauern mehr Geld für ihre Milch bekommen, müssen sie nicht auf Masse gehen.“
Ersten Forderungen von Tierschützern, Leistungsgrenzen für Kühe einzuführen, erteilt BBV-Obmann Bodmaier eine klare Absage. Wie wolle man das umsetzen? Eine Kuh sei sehr empfindlich bei Eingriffen von außen, etwa ein verändertes Nahrungsangebot. Er zieht wieder den Vergleich zum Leistungssportler. Dem könne man auch keine künstlichen Grenzen verordnen.